15.05.2012
Gewalt in Syrien
Es ist nicht zu spät, Asma!
Ein Gastbeitrag von Sheila Lyall Grant und Huberta von Voss-Wittig, New YorkWir erleben heutzutage alle als Augenzeugen, was in Echtzeit auf der Welt passiert. Das bedeutet für uns eine neue Verantwortung. Viele mutige Syrerinnen und Syrer riskieren ihr Leben, wenn sie auf YouTube Filme hochladen, mit denen sie die entsetzliche Gewalt dokumentieren, die sie jeden Tag erleben. Sie wollen nicht, dass wir ihre Botschaft ignorieren. Sie hoffen, dass wir sie nicht nur sehen, sondern auch reagieren. "Angesichts von Tausenden getöteten, verwundeten, eingesperrten und von ihren Familien getrennten Kindern muss die Welt von dieser Grausamkeit erfahren, damit medizinische Hilfe und humanitäre Unterstützung sie erreichen kann", fordert die Nichtregierungsorganisation Rise 4 Humanity.
Angesichts des digitalen Zeitalters haben wir uns entschieden, eine Online-Petition an Asma al-Assad zu schreiben, in der wir sie dringend auffordern, sich in diesem für Syrien entscheidenden Moment für Frieden einzusetzen. Die Petition war kombiniert mit einem Film "Stop being a bystander", den wir unabhängig sowie ohne Unterstützung produziert haben. Der Film stellt die Frage: "Wenn deine Kinder dich fragen, was du getan hast, um das Blutvergießen zu stoppen, was wird deine Antwort sein?" Wir hoffen immer noch, dass sie antworten wird: "Ich habe viel zu lange damit gewartet, für Frieden einzutreten, aber am Ende habe ich es getan."
Ziel der Initiative war es, weltweite Unterstützung von anderen Frauen zu erhalten, um Druck auf Asma auszuüben, aus eigenem Recht als vormalige Modernisiererin ihren Einfluss zu nutzen. Die globale Antwort auf unsere Petition hat unsere Erwartungen übertroffen: Innerhalb eines Monats haben mehr als 37.500 Menschen, einschließlich einer unerwartet hohen Anzahl Männer, unseren Appell unterstützt. Wir haben Unterschriften aus 167 Ländern erhalten. Jede einzelne Unterschrift ist wichtig, aber es bleibt festzuhalten, wie viele aus Syrien selbst und den benachbarten Ländern kamen sowie aus China, Russland und Iran. Fast 300.000 Menschen in jedem Winkel dieser Erde, inklusive Tausende Syrer, sahen den Film auf YouTube. Asma hat auf unsere Petition nicht reagiert. Wir hatten keine direkte Antwort erwartet. Aber es gibt keinen Zweifel, dass sie die Botschaft bekommen hat. Wir wissen, dass diese Initiative breit in Syrien diskutiert wurde.
Die nahöstliche Journalistin Shahrazad schrieb ebenfalls einen offenen Brief an Asma, in dem sie ihre Enttäuschung über deren Komplizenschaft ausdrückt: "Wenn die Gewalt vorüber ist, dann jammere nicht über das, was sich deiner Kontrolle entzog, wie irgendwie du das Opfer warst. In Zeiten wie diesen sollte 'semper paratus' (allzeit bereit) deine Maxime sein."
Wir glauben, es ist nicht zu spät zu handeln. Wir hoffen, dass sie als ehemalige Führungsfigur ihres Landes und Verteidigerin von Frauenrechten ihre Verantwortung wahrnimmt und alles tut, was in ihrer Macht steht, damit andere Frauen ermächtigt werden, dasselbe zu tun. Viele Frauen in bewaffneten Konflikten werden Opfer, aber manche Frauen ergeben sich willfährig mordenden Ehemännern und Brüdern. All jene, die unsere Petition unterstützt haben, glauben, dass Frauen, die in ihren Gesellschaften Verantwortung suchen und ausüben, diese in schwierigen Zeiten nicht einfach zurückgeben können, indem sie in die Ich-bin-nur-die Ehefrau-Rolle zurückfallen. Wir sind alle für unser Verhalten als Individuen verantwortlich.
Schaffung öffentlichen Bewusstseins
Wir wissen, dass Asmas Wort nicht einflussreich genug ist, um die Gewalt in Syrien zu beenden. Aber wir sind uns auch sicher, dass sie eine Veränderung erreichen kann, indem sie ihren persönlichen Einfluss auf den syrischen Machthaber nutzt. Wir fragen uns, ob Asma als die Elena Ceausescu des Nahen Ostens in die Geschichte eingehen will. Wir wissen, dass ein öffentliches Bekenntnis für sie ein Dilemma darstellt. Wir wissen, dass das ein Risiko ist. Aber irgendjemand innerhalb des Regimes muss sich für die Frauen und sechs Millionen Kinder in Syrien einsetzen. Wir glauben, sie ist am ehesten diejenige, die es tun könnte.
Es ist einfach, skeptisch und zynisch zu sein: die Frage aufzuwerfen, ob die Schaffung öffentlichen Bewusstseins und das Senden einer moralischen Botschaft den Lauf der Ereignisse verändern kann. Es ist immer noch üblich, die Rolle zu unterschätzen, die Frauen fähig und willens sind, in modernen oder sich modernisierenden Gesellschaften zu spielen. Ohne den Mut der Frauen, ihre Risikobereitschaft und ihre Unterstützung hätte es den Arabischen Frühling nicht gegeben. Die Menschen im Nahen Osten haben Freiheit gefordert. Frauen werden ihre eigenen Erwartungen im Hinblick auf die Bandbreite persönlicher Entscheidungen haben, die für ihr eigenes Leben relevant sind. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Frauen dringend im Versöhnungsprozess nach dem Ende der Gewalt gebraucht werden.
Eine wachsende Zahl an Menschen in der Zivilgesellschaft weigert sich, angesichts regierungsgestützter Gewalt passive Beobachter zu bleiben. Vielleicht denken sie: Wenn das in meinem Land passierte, würde ich nicht auch hoffen, dass andere Menschen nicht wegschauen, sondern versuchen, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen?
Die Zivilgesellschaft kann keinen Schutz bieten. Aber sie kann eine öffentliche Antwort stimulieren, die Politiker zum Handeln bewegt. Sie kann an die Täter und Mitwisser appellieren, das Blutvergießen zu stoppen. Sie kann sich dafür einsetzen, dass diese nicht ungestraft davonkommen. Sie kann den Opfern Hoffnung bieten, besonders jenen, die noch nicht für sich selbst sprechen können.
Ist das genug? Nein, natürlich nicht. Aber wir glauben, dass jeder von uns tun sollte, was immer wir können - selbst wenn das nur wenig ist -, um unsere Stimme gegen dieses Blutvergießen im Herzen des Nahen Ostens zu erheben.
Huberta von Voss-Wittig ist die Gattin des deutschen Uno-Botschafters in New York, Sheila Lyall Grant ist die Frau seines britischen Amtskollegen.

