15.05.2012
Hollandes Amtseinführung
Président Pitschnass
Paris - Um 10 Uhr war es soweit: Der scheidende Präsident Nicolas Sarkozy empfing seinen Nachfolger François Hollande im Élysée. Es gab ein Händeschütteln auf den Stufen des Palasts vor mehreren hundert Medienvertretern aus aller Welt. Kurz darauf verschwanden die beiden Politiker hinter verschlossenen Türen. Das Ritual verlangt, dass der Konservative Hollande die Regeln für den Umgang mit den Atomwaffen erklärt und sich mit ihm für eine rund 20-minütige Unterredung zurückzieht.
Während die beiden sprachen warteten die Gäste des Festakts zur Amtseinführung. Bereits mit diesem Empfang hebt sich Hollande von Sarkozy ab: Hatte der Konservative vor fünf Jahren seine Familie, Stars und reiche Freunde eingeladen, tritt Hollande nur mit seiner Lebensgefährtin Valérie Trierweiler auftreten. Außerdem hat er Vertreter aller großen Gewerkschaften Frankreichs eingeladen.
Nach der Verlesung der Wahlergebnisse der Stichwahl vom 6. Mai, die der Sozialist gegen Sarkozy gewonnen hatte, wurde Hollande offiziell zum neuen Präsidenten ernannt. Danach hielt er eine kurze Ansprache: Sein Mandat bestehe darin, ein unter seiner Schuldenlast ächzendes Frankreich wirtschaftlich wieder aufzurichten und in Europa einen neuen Weg aufzuzeigen. Hollande kündigte an, dass er seinen europäischen Partnern einen Pakt vorschlagen will, der den Schuldenabbau mit der Wachstumsförderung verbindet. "Wir sind ein großes Land, das viele Krisen durchgestanden hat." Er werde Frankreich wieder aufbauen und zum Frieden in der Welt und der Bewahrung der Erde beitragen. "Die Kraft und die Talente unseres Landes sind unbestritten", sagte Hollande weiter. "Alle Franzosen sollen mit meiner Hilfe gemeinsam zusammenleben, unabhängig von Herkunft, Alter und Beruf", erklärte er.
Nasse Haare, nasser Anzug
Anschließend wurden ihm zu Ehren im Garten des Palasts 21 Salutschüsse abgefeuert und die Nationalhymne gespielt. Kurz vor Mittag fuhr Hollande im Auto über den abgesperrten Champs-Elysée und zeigte sich dort den Franzosen. Im Regen fuhr er stehend im offenen Wagen und winkte den Menschen zu. Nach wenigen Minuten war sein Anzug komplett durchnässt. Doch auch eine tropfnasse Brille und klatschnasse Haare hielten ihn nicht davon ab, unter dem Triumphbogen die dritte Marseillaise dieses Tages abzunehmen und anschließend über die Absperrgitter hinweg vielen Bürgern die Hand zu reichen. Anschließend folgt noch ein Empfang im Rathaus.
Am Nachmittag dann wird der Staatspräsident bei seinem ersten Auslandsbesuch Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin treffen. Beide wollen über den europäischen Fiskalpakt und Hollandes Forderung nach mehr Wachstumsimpulsen sprechen. Vor einem gemeinsamen Abendessen werden beide vor die Presse treten. Hollande fliegt noch am Abend zurück nach Paris.
Ayrault soll Premierminister werden
Inzwischen ist das Geheimnis gelüftet, wer künftiger Premier werden wird. Jean-Marc Ayrault. Dies kündigte der Chef der Finanzmarktaufsicht AMF, Jean-Pierre Jouyet, im Radiosender RTL an. Eigentlich wollte Hollande diese Neuigkeit erst am frühen Nachmittag in einer Pressemitteilung verbreiten. Joyet, enger Freund von Hollande, hat sich mit seiner Ankündigung also möglicherweise zu weit vorgewagt. Allerdings galt Ayrault ohnehin als großer Favorit: Als langjähriger Abgeordneter und Fraktionschef kennt er die Regeln des Parlaments. Vor allem soll er als Deutschland-Kenner Kontakte im Nachbarland pflegen und kann so das deutsch-französische Tandem weiterbringen.
ler/dapd/dpa/AFP

