17.05.2012
Expo in Südkorea
Ökoshow fürs High-Tech-Land
Aus Yeosu berichtet Manfred ErtelEs kommt nicht oft vor in dieser asiatischen Welt der offiziellen Verlautbarungen und wohlgesetzten Nachrichten, dass einer ihrer Botschafter seine Visitenkarte mit einer Karikatur von sich selbst schmückt. Schon gar nicht in einem Land, in dem der Austausch der Namenskärtchen schon fast etwas Rituelles hat.
Aber Kim Keun Soo ist so einer. Der südkoreanische Wirtschaftswissenschaftler und Verwaltungsexperte, 54, ist Vizepräsident der Expo in Yeosu. Von seiner Visitenkarte strahlt er als Zerrbild seiner selbst mit rosigem Gesicht, übergroßem Kopf und winzigem Rumpf.
Dabei hat Kim eine durchaus ernsthafte Aufgabe: Er muss der Welt die Einzigartigkeit einer Weltausstellung verkaufen, die zehn Millionen Besucher in den wohl entlegensten Teil seines Landes locken soll. An die Südküste zwischen zerklüftete Buchten, im Windschatten von 395 vorgelagerten Inseln am Ostchinesischen Meer gelegen.
Zum ersten Mal in ihrer 160-jährigen Geschichte wird sich eine Weltausstellung ganz in den Dienst des Umweltschutzes stellen und sich mit dem Lebensraum der Ozeane und ihrer Küsten befassen. "Die Weltöffentlichkeit soll die Bedeutung der Meere für die Zukunft der Menschheit verstehen", sagt Kim, "das ist unsere nationale Vision." Während er vom "Kampf gegen den Klimawandel" und den "Schätzen des Meeres" spricht, kann er draußen vor der Tür, fast in Steinwurfweite, einige Dutzend rostige Öltanker und Frachtschiffe vor der Küste dümpeln sehen.
"Koexistenz und Harmonie" zwischen Meer und Industrie
Kim lächelt viel, wenn er von der "Koexistenz und Harmonie" zwischen Meer und Industrie schwärmt. Das soll Vertrauen schaffen. Er war lange persönlicher Berater im Büro des Regierungschefs und weiß, dass Vertrauen wichtig ist in einem Land, das in den letzten Jahren einen beispiellosen und oft genug auch rücksichtslosen Wirtschaftsboom erlebt hat. Ein Land, das unter Watt nicht eine ökologische Schatzkammer des Meeres versteht, sondern eine Maßeinheit für Energie und Wachstum.
Tatsächlich investierte die Regierung rund zwölf Milliarden Dollar in neue Autobahnen und Hochgeschwindigkeits-Bahntrassen in der strukturschwachen Region um Yeosu, die Landschaft wirkt wie frisch choreografiert. Dazu kommen noch mal 1,9 Milliarden Dollar für das Prestigeprojekt Expo selbst.
Denn die eigentliche Botschaft ist eine andere. Wir sind wer, lautet sie, wir wollen mitspielen in der ersten Liga. Seoul kann protzen mit Spitzentechnologien und Großkonzernen, die unter den Besten der Welt platziert sind. Die größte Werft der Welt liegt in Südkorea, einige der erfolgreichsten High-Tech-Unternehmen sind hier zu Hause - längst zählt Südkorea zu den großen Global Playern. Was fehlt, ist Anerkennung im Westen. Eingeklemmt zwischen den strategischen Interessen der Großmächte China, Russland und der USA im Atomstreit mit dem hässlichen kleinen Bruder im Norden tut die Regierung alles, um zur eigenen Aufwertung und Imageverbesserung beizutragen: Seoul als Welthauptstadt für Design 2010, das G-20-Treffen 2010 und der Atomgipfel 2012, jetzt die Expo mit einer der "hoch entwickeltsten und modernsten Ausstellungen" (Kim), danach die Internationale Gartenbauausstellung 2013 und dann die Winterolympiade 2018. Es geht voran.
Insgesamt sind 106 Länder in Yeosu dabei - auch Deutschland. "Wir nutzen die Gelegenheit, Deutschland zu positionieren", sagt Dietmar Schmitz vom Wirtschaftsministerium. Obwohl Yeosu wie Saragossa 2008 eigentlich nur zur B-Kategorie unter den Weltausstellungen gehört, im Vergleich zu den ganz großen in Shanghai 2010 oder Hannover 2000. Trotzdem will die Bundesregierung die Möglichkeit nutzen, Ergebnisse deutscher Spitzenforschung etwa zur Tsunami-Frühwarnung oder Erkenntnisse zur Rolle der Weltmeere beim Klimawandel zu präsentieren. Natürlich ohne "als Lehrmeister der Welt" aufzutreten, das wird oft und gern betont.
Die Konkurrenz ist groß. Die Spanier wollen vor allem als Seefahrer- und Entdeckernation punkten. Norwegen wird neueste Techniken bei der Erzeugung und Gewinnung umweltfreundlicher Energien vorführen, Oman mit dem "Stand der Modernisierung" im Sultanat am Meer werben. Die Schweiz will Gletschereis des Colle Gnifetti "als reinste Quelle des Wassers" einfliegen - 4345 Jahre alt, so alt wie Korea.
Das zweitgrößte Wattenmeer der Welt trockengelegt
Das alles ist visionär, wenn man Kim glaubt. Man kann es auch zynisch finden, wenn man den ökologischen Anspruch seiner Regierung ernst nimmt. Gerade erst hat sie das zweitgrößte Wattenmeer der Welt trockengelegt. Ein 33 Kilometer langer künstlicher Deich vor dem Mündungsdelta zweier großer Flüsse an der Westküste, bislang ein ökologisches Juwel, macht die Schlicklandschaft urbar für Agrarwirtschaft und Tourismus und wird von der Regierung bejubelt.
Eine "Katastrophe", sagen Naturschützer, und ein Verstoß gegen etliche Umweltkonventionen, die Seoul unterzeichnet hat. Eine Öko-Katastrophe wäre es wohl auch, wenn jemals Präsident Lee Myun Baks Zukunftsvision realisiert werden sollte: ein künstlicher Kanal quer durchs Land vom Gelben Meer im Westen zum Ostmeer.
Die Deutschen verstehen ihren Beitrag deshalb auch als "Rückenstärkung für kritische Stimmen" unter den südkoreanischen Umweltaktivisten. "Es kommt nicht darauf an, möglichst viele Leute durchzuschleusen", sagt Robert Müller, der für das Konzept zuständig ist, "sondern was bei dem einen oder anderen hängen bleibt".
Um das zu gewährleisten, hat man sich sehr genau mit den Eigenarten der Einheimischen vertraut gemacht und mit Hilfe einer "interkulturellen Beraterin" festgestellt, "dass Koreaner wenig lesen". Der deutsche Pavillon wird deshalb völlig ohne Texte auskommen. Werbespots, Video-Clips und Handy-Spiele sollen Interessierte oder wartende koreanische Gäste bei Laune halten.
Vielleicht sollten die Deutschen auch noch ihre Visitenkarten an Kim Keun Soos Vorbild anpassen: Bilder sagen mehr als Worte.

