20.05.2012
Vize für Republikaner-Kandidaten
Romney sucht den perfekten Partner
Von Sebastian Fischer, WashingtonIrgendetwas musste geschehen. In den Umfragen lag er hinten, es brauchte jetzt einen Paukenschlag. Der Republikaner John McCain suchte im Sommer 2008 händeringend einen Kandidaten für die Vizepräsidentschaft, der Barack Obamas Siegeszug noch stoppen konnte. Die tiefe Überzeugung von McCains Leuten: Die Vize-Wahl muss das Spiel drehen. Es sei der Plan gewesen, "die Welt mit dem Kandidaten zu schocken", schreiben John Heilemann und Mark Halperin in dem jüngst verfilmten Wahlkampf-Klassiker "Game Change".
So kam Sarah Palin ins Spiel. Alaskas Gouverneurin war einer breiteren Öffentlichkeit damals unbekannt, McCain rekrutierte sie nur wenige Tage vor dem Nominierungsparteitag. Eine eingehende Prüfung der Kandidatin? Die sonst üblichen, wochenlangen Recherchen über mögliche persönliche und politische Schwächen? Fehlanzeige. Palin füllte einen Fragebogen aus und bekam einen Schnellkurs in US-Politik und Weltgeschichte. Fertig.
Es sollte nicht lange dauern, bis sich die Ahnungslosigkeit der Bewerberin offenbarte.
Dieses Palin-Szenario will Mitt Romney in diesem Jahr verhindern. Der erwartbare republikanische Präsidentschaftskandidat sucht derzeit nach einer Nummer zwei, dem Running Mate. Nur lautet diesmal das Motto: Keine Experimente, langweilig aber solide. Romney will die Welt nicht schocken. Risiken geht der 65-Jährige wenn möglich gar nicht erst ein, das Für und Wider wird vor einer Entscheidung stets sorgfältig gegeneinander abgewogen.
Das Polit-Magazin "Politico" zitiert einen Romney nahe stehenden Republikaner: Der Kandidat suche eine "wenig aufregende" Nummer zwei, "einen unglaublich langweiligen Kerl mit weißer Hautfarbe". Gegenwärtig sind es vornehmlich vier recht farblose Männer, denen im Vize-Rennen die besten Chancen zugetraut werden.
Da ist Rob Portman, der US-Senator aus Ohio. Unter George W. Bush leitete er das "Office of Management and Budget" im Weißen Haus, eine koordinierende Bundesbehörde. Portman gilt als langweilig aber effizient. Dass der 56-jährige Anwalt aus dem wichtigen Swing State (Erklärung im Kasten links) Ohio stammt, wäre im Falle einer Nominierung als Romneys Running Mate nur von Vorteil: Um Obama schlagen zu können, müssen die Republikaner hier im Mittleren Westen siegen.
Ex-Gouverneur Tim Pawlenty: Zustimmung von Evangelikalen
Dass sie alle interessiert sind? Keine Frage. Denn sie sagen, dass sie nicht interessiert sind. Das ist die Dialektik des Vize-Spiels. Wer will, darf offiziell nicht zu sehr wollen. Das hört sich dann zum Beispiel so an:
- Er nehme die Spekulationen "nicht ernst", sagt Senator Portman, es werde ein anderer ausgewählt werden. "Es ist mein Lebensziel, der bestmögliche Parlamentarier zu sein - für Ohio."
- "Ich denke nicht darüber nach, ich habe mich von der Liste genommen", bemerkt Pawlenty, der Mann mit dem Schlag bei Evangelikalen.
Allein der Gouverneur McDonnell wagt sich vor. Jedenfalls ein bisschen. Er warte nicht auf den Anruf von Romney, sagt er, er habe ja den "besten Job Amerikas". Aber natürlich wäre es "eine gewaltige Ehre". Man werde sehen.
Genau. Möglicherweise sind sie alle gerade dabei, einen entsprechenden Fragebogen auszufüllen. Möglicherweise halten sie Kontakt zu Beth Myers - das ist Romneys offizielle Beauftragte für die Vize-Suche. Öffentlich herrscht Stillschweigen. Romney kennt das Verfahren ganz gut. Vor vier Jahren bemühte er sich selbst um den Vizeposten unter McCain. Nur musste eben damals ein Aufreger her.
South Carolinas Regierungschefin Nikki Haley: Aktive Wahlkampfhelferin
Paul Ryan ist Chef des Haushaltsausschusses im Repräsentantenhaus, setzt sich für Steuersenkungen und Sozialkürzungen ein. Und ist damit einer der Lieblingsgegner von Obamas Leuten. Romney mag den 42-Jährigen persönlich, im Wahlkampf erschienen sie nahezu wie Vater und Sohn. Marco Rubio seinerseits, US-Senator aus Florida, gilt als große Zukunftshoffnung der Partei. Der 41-jährige Favorit der Tea Party ist Kind kubanischer Einwanderer, verkörpert den "American Dream" und könnte Romney möglicherweise sowohl wichtige Latino-Stimmen als auch den Swing State Florida einbringen. Wiederum haben alle Genannten - natürlich - ihr Interesse am Vize-Job verneint.
Keine Frage, der Nummer-zwei-Kandidat muss letztlich der Wahlkampfstrategie dienen: Ein Präsidentschaftskandidat aus dem Norden sucht sich vielleicht einen Südstaatler (John F. Kennedy und Lyndon B. Johnson); er sucht einen Gegner aus den parteiinternen Vorwahlen einzubinden (Ronald Reagan und George H.W. Bush); oder es soll ein gegensätzlicher Charakter sein, um das Wählerspektrum besser abzudecken (Barack Obama und Joe Biden). "Er ist eine Art First Lady, man muss den Präsidenten unterstützen und ihm dienen." So hat Hillary Clinton den Vize-Job beschrieben.
Allerdings ist der Vize keine machtlose Marionette. Viele hatten ihre eigene Agenda, haben ihre eigenen Überzeugungen verfolgt - und die Präsidenten mal mehr, mal weniger geleitet. Zuletzt war es Joe Biden, der öffentlich seine Unterstützung für die Homo-Ehe erklärte. Drei Tage später zog Obama nach. Biden, der anfangs als Witzbold und Leichtgewicht galt, hat sich zum entscheidenden Regierungsmitglied entwickelt.
Die Außen- und Sicherheitspolitik des Präsidenten George W. Bush wurde maßgeblich von Dick Cheney, seiner Nummer zwei, geprägt. Der unterschätzte Lyndon B. Johnson übte beim Thema Bürgerrechte Druck auf Kennedy aus. Bill Clintons Vize Al Gore verfolgte entschlossen seine Öko-Agenda.
US-Senator Marco Rubio: Floridas republikanischer Shooting-Star
Der Vizeposten als Karrieresprungbrett. Andererseits, auch das gibt es: Mancher rechnet sich bessere Chancen aufs Oval Office aus, wenn er gerade nicht Vize-Kandidat wird. Dies könnte auf Jeb Bush zutreffen, den Ex-Gouverneur von Florida und Bruder des Ex-Präsidenten George W. Bush. "Ich werde nicht der Vize-Kandidat sein", hat er erklärt. Keine Spur von Dialektik, in diesem Fall ist der Spruch mal ernst zu nehmen. Scheitert Romney im Herbst gegen Obama, wird der 59-jährige Bush wohl 2016 in den Blick nehmen - als Präsidentschaftskandidat.
Ach, und dann gibt es ja noch Rick Santorum, den Erzkonservativen, der Romney so lange und so massiv Paroli geboten hat in den republikanischen Vorwahlen. Wie wäre es jetzt mit der Einbindung des Gegners? "Ich würde lieber der Präsident sein, lasst ihn den Vize machen", hatte Romney schon im April über Santorum gesagt. Letzterer zeigte sich gar geschmeichelt, ja, er würde das im Falle des Falles ernsthaft bedenken.
Es war allerdings einer der wenigen Fälle, in denen Romney mal Spaß machen wollte.

