30.05.2012
Hausbesetzer in Venezuela
Sozialismus im Wolkenkratzer
Von Thomas Wagner, Caracas"Wohnungskooperative Kaziken von Venezuela" steht auf dem Schild über dem weißen Metalltor am Eingang. Linkerhand sitzt ein junger, braunhäutiger Mann in Alltagsklamotten in einem Wärterhäuschen. Sein Name ist Oswaldo. Er schaut nicht sonderlich gefährlich drein. Eher ein bisschen naiv. Ob Herr Daza zu sprechen sei? Statt zum Revolver greift Oswaldo zum Walkie-Talkie.
Aus der Nähe sind die Satellitenschüsseln erkennbar und die Wäsche, die über die selbstgebauten Brüstungen hängt. Bis zum 28. Stockwerk haben sich die Hochhaus-Invasoren mittlerweile vorgearbeitet. Ganz oben - über dem 45. Stock - verstaubt ein Hubschrauberlandeplatz.
Daza habe keine Zeit, sagt Oswaldo.
Ein neuer Versuch drei Tage später: Oswaldo hat wieder Wachdienst. Er spricht jede Frau zwischen 14 und 40 Jahren an, die am Wärterhäuschen vorbeiläuft. Zwischendurch blättert er in der Bibel.
Menschen aller Altersklassen treten durch das Tor auf die zugestaute Avenida Andrés Bello, manche tragen piekfeine Anzüge. Viele der Hausbesetzer gingen ganz normalen Berufen nach, sagt Oswaldo. Wer keine Arbeit draußen hat, versucht es im Turm mit einem kleinen Geschäft: Auf vielen Stockwerken haben Kioske, Friseure und Internetcafés geöffnet.
Seit drei Jahren wohne er im Torre de David, sagt er. Seine Mutter sei an Asthma gestorben, sein Vater an einer Überdosis. Jetzt lebt der 20-Jährige im Turm mit fünf Brüdern und vier Cousins.
"Man muss die Leute mit Worten überzeugen"
"Ich bin für Chávez", sagt er. "Weil ich hier wohne. Und wegen Pdval und Mercal." Beides sind staatliche Supermarktketten, in denen die Regierung subventionierte Lebensmittel verkauft. Eine Waffe trage er nicht, versichert Oswaldo. "Man muss die Leute mit Worten überzeugen. Die sind nicht doof."
Daza lässt ausrichten, er sei im Gottesdienst.
Oswaldo läuft in einen Raum im ersten Stock des Parkhauses. Die Betonwände sind unverputzt. Es riecht nach Urin. 20 Leute haben auf weißen Plastikstühlen Platz genommen.
Eine ältere Frau fällt auf die Knie und betet, den Kopf auf den Stuhl gelehnt. Sie verharrt in dieser Position, bis der Gottesdienst drei Stunden später endet.
Ein Mann fängt an zu predigen. Militärischer Kurzhaarschnitt, blaue Jeans, kräftige Oberarme. Er spricht rasend schnell, als ob er gleich anfangen würde zu rappen, die Augen geschlossen, das Mikrofon an den Mund gepresst. Irgendwann verstummt er. Die Leute umarmen sich.
Der Mann mit dem Mikro nähert sich. Er blickt selbstbewusst, abschätzend. Es ist Daza. Er lädt in ein dunkles Nebenzimmer ein. Der 33-Jährige saß mal im Gefängnis, sagen Nachbarn. Dort sei er zum Evangelikalen und überzeugten Chavista konvertiert.
Das hier ist befreites Territorium
"Andere Journalisten haben uns dargestellt, als ob wir Tiere seien. Das sind wir nicht", sagt Daza. "Wir hatten Zeiten, da gab es hier viele Unregelmäßigkeiten. Wir erlauben nicht, dass die Leute rauben und Drogen verkaufen." Seine Augen funkeln. Man versteht, warum die Leute vor dem Ex-Häftling Angst haben.
"Wir sind keine Invasoren wie die Vereinigten Staaten, die in andere Länder einfallen", sagt Daza. "Wir sind pure Chavista. Das hier ist befreites Territorium. Hier gilt 'Vaterland, Sozialismus oder Tod'." Daza klingt, als ob er die Lieblingssprüche des Präsidenten auswendig gelernt habe.
Sein Kollektiv sei mittlerweile eine eingetragene Kooperative, sagt Daza. Sie hätten bei den Stadtwerken eine Schuld von 80.000 Bolivares Fuertes bezahlt, für Strom, den sie nach dem Einzug illegal gezapft hatten.
Im Torre de David herrsche Basisdemokratie, sagt er. Einige seiner Gefolgsleute würden auf eigene Faust die Wohnungen verkaufen, beklagen sich hingegen Bewohner im Internet.
Vielleicht braucht es in einem Land, in dem das Chaos jeglichen Versuch der Ordnung erstickt, auch einfach Menschen wie Daza. Menschen, die die fehlende Staatsgewalt durch ihre eigene ersetzen.

