30.05.2012
Staatsbesuch in Israel
Der unbequeme Freund
Aus Jerusalem und Tel Aviv berichtet Florian GathmannDie junge Wissenschaftlerin ist jetzt in der Bredouille. Hannah Schmidt-Glenewinkel aus Greifswald soll dem Bundespräsidenten erklären, warum sie als Deutsche hier am Weizmann-Institut forscht. "Es fällt mir schwer", sagt die promovierte Biologin, "weil es so klar ist". Doch Joachim Gauck lässt nicht locker. "Erklären Sie es mir", sagt der Präsident und schaut sie erwartungsvoll an.
Hannah Schmidt-Glenewinkel erzählt von den tollen Arbeitsbedingungen am Weizmann-Institut - benannt nach dessen Gründer, später erster Präsident Israels -, der besonderen Kultur hier vor den Toren Tel Avivs und der wissenschaftlichen Exzellenz des Hauses. Der Bundespräsident nickt und gibt sich zufrieden.
Aber eigentlich war er es schon zuvor: Die Selbstverständlichkeit, mit der diese Deutsche ihren Lebensmittelpunkt nach Israel verlagert hat - so stellt sich der Präsident die Freundschaft zwischen beiden Ländern vor. Immer wieder hat er das in den vergangenen zwei Tagen wiederholt: Das enge Verhältnis dürfe nicht nur durch die furchtbare Vergangenheit geprägt sein, sondern durch die praktizierte Gegenwart. "Ganz besonders freue ich mich auf junge Menschen. Durch sie wird sichtbar, wie unsere Beziehungen sich wandeln, wie sie die Vergangenheit mitnehmen, aber wachsen und in die Zukunft greifen", sagte Gauck am Dienstagabend beim Staatsbankett mit Israels Präsident Schimon Peres.
Jetzt sitzt ein solcher junger Mensch mit ihm im Raum, und viele andere deutsche Nachwuchs-Wissenschaftler, die hier arbeiten. Außerdem erfährt Gauck von einem Professor, dass regelmäßig Weizmann-Forscher zu Studienaufenthalten nach Deutschland geschickt werden. Der Präsident ist begeistert.
Später bekommt Gauck eine Führung durch das ehemalige Wohnhaus von Chaim Weizmann, idyllisch auf einem kleinen Hügel gelegen. Dort liegt unter anderem der blaue Pass des ersten israelischen Präsidenten in einer Vitrine. Er trägt die Nummer "00001". So nah liegen hier Vergangenheit und Gegenwart zusammen.
Um die Zukunft des deutsch-israelischen Verhältnisses sei ihm nicht bange, betont Gauck ebenfalls bei jeder Gelegenheit. Auch wenn ihn manche Entwicklung schon besorgt: In Deutschland ist es die Ignoranz vieler Bürger gegenüber Israel, bei seinen Gastgebern die zunehmende Ignoranz gegenüber den arabischen Nachbarn.
Dissens zwischen Berlin und Jerusalem
Gauck spricht vor den Weizmann-Wissenschaftlern von einer "politischen Landschaft, die es schwer hat, an Aufklärung und politische Vernunft zu glauben". Wenige Stunden später sitzt er dann mit Regierungschef Benjamin Netanjahu zusammen, dessen politische Macht sich zum Teil auf eben jenes Klientel von streng-konservativen und -religiösen Israelis stützt. Fast 90 Minuten länger als geplant dauert das Treffen, es gibt viel zu besprechen.
Dass Netanjahu in seinem Eingangsstatement ausdrücklich die Freundschaft mit Deutschland erwähnt, wie ein Sprecher anschließend berichtet, dürfte die Atmosphäre entkrampft haben. Genau wie der Hinweis des deutschen Gastes, wie groß der gemeinsame Wertekanon mit Israel sei. Aber der Dissens zwischen Berlin und Jerusalem kommt ebenfalls auf den Tisch: Gauck verteidigt die Kritik an der aktuellen Siedlungspolitik als Ausdruck der deutschen Nähe zu Israel, Netanjahu betont seine Sicht der Dinge. Demnach hänge der Friedensprozess nicht an der Siedlungspolitik, sondern an der Bereitschaft der Araber, den Staat Israel anzuerkennen.
Am Donnerstag geht es in die Palästinensergebiete
Und auch über Iran wird gesprochen. Bei diesem Thema gibt es inzwischen einige Aufregung in Deutschland, weil Präsident Gauck sich dabei nach Meinung mancher Beobachter von Kanzlerin Angela Merkel distanziert hat. Ihren Ausdruck von der "Staatsräson", die Deutschland in jedem Fall an die Seite Israels stellt - also auch im Kriegsfall gegen Iran -, mochte der Präsident sich bei einem Gespräch mit Journalisten am Dienstagnachmittag so nicht zu eigen machen. "Ich will nicht in Kriegsszenarien denken", sagte er. Allerdings fügte Gauck hinzu: "Deutschland sollte das allerletzte Land sein, das Israel seine Freundschaft und Solidarität aufkündigt."
Im Gespräch mit Netanjahu bleibt Gauck dem Vernehmen nach bei seiner Linie. Er erwähnt Merkels Satz von der Staatsräson, sagt dann aber: "Es gibt verschiedene Worte, das enge Verhältnis zu Israel auszudrücken."
Regierungschef Netanjahu genügt das offenbar, ohnehin scheint bisher niemand in Israel Anstoß an den Äußerungen Gaucks zu nehmen - wohl aber in Deutschland. Der "Leipziger Volkszeitung" sagte Philipp Mißfelder, außenpolitischer Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion, die Aussage der Kanzlerin "bleibe richtig".
Dem widersprach Gauck auch gar nicht. "Wenn jemand gemeint hat, eine Distanz zwischen der Bundeskanzlerin und mir bei einer Wortwahl herauszulesen, dann wäre das ein Irrtum", sagte Gauck am Mittwochabend in Jerusalem. Der Bundespräsident stellte richtig: "In der Sache bin ich ganz bei Angela Merkel."
Willkommen in der Außenpolitik, Joachim Gauck. Natürlich wusste der Bundespräsident, was für ein heikles Pflaster ihn in Israel erwartet. Und es wird nicht einfacher: Am Donnerstag reist Gauck weiter in die Palästinensergebiete.

