08.06.2012
Qaida-Werbung
Suche Attentäter, biete Paradies
Von Raniah Salloum
Screenshot der englischen Version der Qaida-Anzeige: "Steh auf und schließ Dich uns an"
Berlin - Das Terrornetzwerk al-Qaida braucht Nachwuchs. Allein in den letzten zwölf Monaten haben die USA mehrere Qaida-Kader getötet: Anführer Osama bin Laden wurde erschossen; die Top-Terroristen Anwar al-Awlaki, Fahd al-Quso und nun Abu Jahja al-Libi per Drohnenangriff ermordet.
Nun wurden in mehreren Internetforen, die als Qaida-nah gelten, Recruiting-Anzeigen geschaltet. "Steh auf und schließe Dich unserem Märtyrer-Geleitzug an!", heißt es da in einer Grafik, die über dem Foto eines Mannes mit Maschinengewehr erscheint. Der Abgebildete sitzt in der Hocke, sein linker Ellenbogen ruht auf dem Knie, die Hand stützt die Waffe. Der Rest seines Körpers und sein Gesicht sind auf dem Foto nicht zu erkennen.
Unterschrieben ist die Anzeige vom "Militärischen Komitee von AQAP", wie sich al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel nennt. Dieser regionale Ableger gilt als einziger, der noch ernsthaft internationale Ambitionen verfolgt. So hatte AQAP etwa 2009 den sogenannten Unterhosenbomber entsandt, der ein Flugzeug nach Detroit in die Luft sprengen wollte. Erst vor kurzem war ein weiterer Bomber unterwegs, der sich jedoch als Doppelagent für die USA herausstellte und seinen AQAP-Sprengstoff dem US-Geheimdienst übergab.
Mit der Anzeige will man offenbar Staatsbürger westlicher Länder erreichen und zu Anschlägen im eigenen Land ermuntern. Die Anzeige richtet sich ausdrücklich an "individuelle Gotteskrieger", die im "Feindesland" tätig werden sollen, um "Christen, Juden und Abtrünnige" zu töten.
Gesucht werden Gehorsam und absolutes Pflichtbewusstsein
Al-Qaida übernimmt dabei sogar die Wortwahl westlicher Geheimdienste und bezeichnet die radikalislamischen Individualisten auch als "einsame Wölfe". Damit auch jeder mögliche Nachwuchsterrorist die Aufforderung versteht, erscheint die Anzeige gleich zweimal nebeneinander: einmal auf Englisch, einmal auf Arabisch. Als Arbeitsort wird angegeben: "die ganze Welt".
Wer sich bewerben will, soll sich das "Geheime Gotteskrieger 2"-Verschlüsselungsprogramm herunterladen und al-Qaida eine verschlüsselte E-Mail schicken. In der Bewerbung enthalten sein müssen: das eigene Gotteskrieger-Pseudonym, Staatsbürgerschaften, Aufenthaltsland, Sprachkenntnisse, Erfahrung, Gesundheitszustand und die persönliche "Sicherheitslage" - möglicherweise, ob man bereits bei den Behörden aufgefallen ist.
Voraussetzungen für eine Kandidatur: Neben Volljährigkeit und dem Bekenntnis zum Islam zählen vor allem Kompetenz, Ernsthaftigkeit, Gehorsam und die absolute Bereitschaft, die Mission zu erfüllen.
Deutschland steht nicht im Visier
Bei erfolgreicher Bewerbung sucht das AQAP-Militärkomitee ein geeignetes Anschlagsziel für den Kandidaten aus. Der Bewerber kann aber auch selbst AQAP einen Vorschlag einreichen. Als Hinweis dazu heißt es: Ziele sind in absteigender Priorität: 1. amerikanisch, 2. israelisch, 3. französisch, 4. britisch oder 5. abtrünnige Regime in islamischen Ländern. Deutschland wird in dem Aufruf nicht erwähnt.
Das Modell "einsamer Wolf" scheint dem radikal-islamischen Netzwerk inzwischen als erfolgversprechendstes zu gelten. Bereits seit einigen Jahren richtet al-Qaida Videobotschaften und Artikel gezielt an mögliche Einzeltäter. Zu organisatorisch aufwendigen und komplexen Aktionen in Europa oder den USA scheint das Netzwerk nicht mehr in der Lage.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001, von Madrid 2004 und London 2005 hatten die westlichen Geheimdienste Jagd auf Qaida-Zellen gemacht - offenbar mit Erfolg. In der Anzeige heißt es dazu: "Wenn eine einzige Person eine Operation plant und ausführt, sind die Chancen für den Feind geringer, ihn zu finden." Tatsächlich gelten Einzeltäter, die sich möglicherweise übers Internet radikalisieren, westlichen Geheimdiensten als eine der größten Gefahren.