10.06.2012
Hilfe für Spaniens Banken
Bundesbankpräsident mahnt Reformen an
Spaniens Premier Rajoy: "Mich hat niemand dazu gedrängt"
Madrid/Brüssel/Berlin - Bei diesen Auflagen, sagte Weidmann in der ARD, gehe es nicht nur um den Rekapitalisierungsbedarf der Finanzinstitute. "Es geht auf der anderen Seite auch um die Wettbewerbsfähigkeit der spanischen Wirtschaft und den mangelnden Zugang der spanischen Regierung an den Kapitalmarkt", sagte Weidmann. Der Bundesbankchef betonte, er habe Vertrauen in die Regierung in Madrid, die bereits am Arbeitsmarkt "sehr umfangreiche Struktur-Reformmaßnahmen" vorgenommen habe: "Aber auf diesem Weg muss sie eben weitergehen", mahnte Weidmann.
Die spanische Regierung des konservativen Ministerpräsidenten Mariano Rajoy hatte sich erst nach langem Zögern dazu durchgerungen, europäische Rettungshilfen für seinen maroden Bankensektor zu beantragen. Das Land wird dafür bis zu 100 Milliarden Euro erhalten, wie die Finanzminister der Euro-Länder am Samstag mitteilten. Die genaue Höhe soll in diesem Monat eine unabhängige Untersuchung des Finanzsektors ermitteln.
"Mich hat niemand gedrängt", sagt Premier Rajoy
Rajoy sprach am Sonntag von einem Erfolg für Europa und trat dem Eindruck entgegen, das Land habe auf internationalen Druck gehandelt: "Mich hat niemand dazu gedrängt, die EU um Hilfen zu bitten. Im Gegenteil, ich war derjenige der gedrängt hat."
Bundesbankpräsident Weidmann wiederum mahnte, der Euroraum habe es mit einer grundlegenden Vertrauenskrise zu tun. Es gehe dabei nicht nur um das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Märkte und das Vertrauen in die Wettbewerbsfähigkeit einzelner Volkswirtschaften. "Es geht inzwischen auch um das Vertrauen in die Funktionsfähigkeit der Währungsunion."
Die Spanien-Hilfe ist eine doppelte Premiere: Erstmals funkt ein Schwergewicht der Eurozone SOS. Und anders als in Griechenland, Portugal und Irland wird es erstmals spezielle Hilfen zur Stabilisierung des wankenden Bankensystems geben.
Damit entgeht die viertgrößte Volkswirtschaft der Eurozone den in Madrid befürchteten strengen Auflagen und Kontrollen seines Staatsbudgets. Aber Spanien muss seinen Bankensektor reformieren und für marode Geldhäuser Sanierungspläne vorlegen. Das könnte im Extremfall auch die Schließung einzelner Banken bedeuten. Die Auflagen werden sich an den EU-Beihilferegeln orientieren.
Weltweite Erleichterung
"Die Kredite werden umfangreich genug sein, um einen Damm zu bilden, der alle möglichen Kapitalbedürfnisse auffangen kann", heißt es in einer Erklärung der Minister. "Die Kreditsumme muss alle geschätzten Kapitalbedürfnisse plus eine zusätzliche Sicherheitsmarge umfassen, was sich schätzungsweise auf insgesamt bis zu 100 Milliarden Euro summiert." Die Notkredite werden an den spanischen Bankenrettungsfonds Frob fließen, der es an notleidende Banken weitergebe. Verantwortlich für die Rückzahlung werde die spanische Regierung sein.
Die Hilfsaktion für Spanien löst weltweit Erleichterung aus: US-Finanzminister Timothy Geithner sprach von einem konkreten Schritt auf dem Weg zu einer Fiskalunion, die für die Belastbarkeit der Eurozone lebenswichtig sei. Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, erklärte, die Höhe der Notkredite von bis zu 100 Milliarden Euro passten zu dem vom IWF festgestellten Kapitalbedarf. Der IWF hatte bei bisherigen europäischen Rettungsaktionen stets rund ein Drittel der Finanzlasten getragen, bleibt bei der Spanien-Hilfe aber außen vor.
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte, dank bisheriger Reformen seien die größten spanischen Banken gut durch die Krise gekommen und stünden stabil da. "Ein Teil des Finanzsektors muss jedoch noch die Nachwirkungen des Platzens der spanischen Immobilienblase verarbeiten", ließ Schäuble mitteilen.
Ein offizieller Antrag wird von Madrid erst in den nächsten Wochen vorgelegt, wenn der genaue Kapitalbedarf beziffert werden kann. Die Regierung wartet dazu laut Wirtschaftsminister Luis de Guindos noch auf zwei Gutachten der Beratungsgesellschaften Oliver Wyman (USA) und Roland Berger (Deutschland). Diese sollen noch im Juni kommen, sagte de Guindos.
Rajoy sagte zur Summe von 100 Milliarden Euro: "Die Erfordernisse des spanischen Bankensektors sind nicht so groß. Aber die spanische Regierung entschied, um ein zusätzliches Polster zu bitten. Damit sollte für die Märkte ein klares Zeichen gesetzt werden."
otr/Reuters/dpa/dapd