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17.06.2012
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Präsidentenwahl

Ägypten hat die Wahl zwischen zwei Extremen

Aus Kairo berichtet Ulrike Putz
Wahl in Ägypten: Der Machtkampf
Fotos
AFP

Wer wird neuer Staatschef in Ägypten? Der Mubarak-Getreue Ahmed Schafik - oder der Kandidat der islamistischen Muslimbrüder, Mohammed Mursi? Die Radikalen versuchen mit aller Macht, ihren Favoriten durchzuboxen. Sollten sie verlieren, drohen sie mit einem Aufstand am Nil.

"Das Volk kann die Überreste in 48 Stunden besiegen" - die Schlagzeile prangt auf einer Wahlzeitung, gemeint sind die Relikte des gestürzten Regimes von Husni Mubarak. "Marsch der Millionen zur Wahlurne", steht darunter und: "Sieben Schritte, um Wahlbetrug zu verhindern". Das Blättchen wandert derzeit in Ägypten von Hand zu Hand, es wird millionenfach und gratis verteilt. So wollen die Muslimbrüder ihre letzten Kräfte mobilisieren und auch ihre noch so altersschwachen Anhänger zur Stimmabgabe bewegen. Trotz der 40 Grad Hitze, die derzeit in Ägypten herrschen.

Die islamistischen Muslimbrüder sehen sich in an diesem Wochenende in einer Abwehrschlacht: Mit aller Macht versuchen sie, einen durchaus möglichen Sieg des Mubarak-Manns Ahmed Schafik in den ersten freien Präsidentschaftswahlen in Ägyptens Geschichte zu verhindern.

Gut 50 Millionen Wahlberechtigte sind zur Stimmabgabe aufgerufen - mangels verlässlicher Meinungsumfragen im Vorfeld ist völlig unklar, wen sie zum neuen Staatschef küren werden: Ahmed Schafik, der unter Dauerdespot Mubarak jahrelang Luftfahrtminister und kurz Ministerpräsident war, kann mit den Stimmen vieler säkularer Ägypter und Christen rechnen, die keinen islamistischen Präsidenten wollen. Auch Bürger, die sich nach Monaten des politischen Chaos nach Ruhe und Ordnung und sich im Ägyptens Wirtschaft sorgen, könnten für den Law-and-Order-Mann stimmen.

Mohammed Mursi kann als Kandidat der Muslimbrüder auf die Millionen Anhänger der gut 80 Jahre alten Organisation setzen. Viele Ägypter sehen ihn ihm einen Mann, der garantiert keine Verbindungen zur alten Diktatur hat. Die Brüder gelten als sauber und ehrlich - im von Korruption geplagten Ägypten ein großer Pluspunkt.

"Die zweite Revolution wäre viel, viel größer als die erste"

Die Stimmung in der Wahlkampfzentrale der Brüder nahe dem Kairoer Innenministerium oszillierte am Samstag zwischen Siegesgewissheit und Paranoia. Die Brüder, die bei den im Winter abgehaltenen ersten postrevolutionären Parlamentswahlen eine satte Mehrheit einfahren konnten, wittern Verrat: Sie bezichtigen Anhänger des alten Regimes, diese würden ihren nach wie vor großen Einfluss einsetzen, um mit Schafik einen der ihren ins Amt zu heben. So wollten die grauen Eminenzen Ägyptens die Revolution rückgängig machen.

Die Brüder wollen sich das nicht bieten lassen. "Wenn Schafik mit Hilfe von Wahlfälschung und Betrug gewinnt, werden wir unsere Anhänger auf die Straßen rufen", sagte Khaled al-Kasas, ein Sprecher der Mursi-Kampagne. "Die zweite Revolution wäre viel, viel größer als die erste", warnt Kasas.

Davon, dass Schafik die Wahl vielleicht auch ohne Manipulation gewinnen könnte, will Kasas nichts wissen. "Das ist rein hypothetisch, höchst unwahrscheinlich." Wenn Schafik den Sieg davontrage, würde das das ägyptische Volk in jedem Fall schwer treffen. "Die Leute wären sehr verbittert und würden ihren Zorn auf die Straße tragen." Es sieht so aus, als stünden Ägypten im Falle eines Wahlsiegs des Mubarak-Manns unruhige Zeiten bevor - egal, ob Unregelmäßigkeiten nachgewiesen werden können oder nicht.

Wahl zwischen zwei Extremen

Das Misstrauen der Brüder und weiter Teile der Bevölkerung wurde in den vergangenen Tagen von einer Kette von Ereignissen befeuert.

Angesichts dieser Lage ist 16 Monate nach der ägyptischen Revolution der Glaube an die Vorzüge der Demokratie bei vielen bereits erloschen. Die Wahlbeteiligung schien zumindest in Kairo entsprechend gering zu sein: Wo bei den Parlamentswahlen begeisterte Wähler um ganze Häuserblocks Schlange standen, war die Stimmabgabe vielerorts schnell erledigt.

Beobachter gehen davon aus, dass ein Großteil der Wahlberechtigten den Urnen fernbleiben könnte. Vor allem Bürger, die in der ersten Runde im Mai für weltliche, linke und moderat-islamischen Kandidaten gestimmt haben, sind enttäuscht. Ihnen bleibt nur die Entscheidung zwischen zwei Extremen.

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insgesamt 2 Beiträge
1. Ein Fest für Pest und Cholera
spon-facebook-664926272 17.06.2012
Dass der 17. Juni für die Deutschen zu einem bittersüßen Datum geworden ist, verdanken sie zum einen ihrem bewundernswerten Mut, zum anderen der Anwendung militärischer Gewalt. Dass dieser Tag nun auch für die Ägypter einen [...]
Dass der 17. Juni für die Deutschen zu einem bittersüßen Datum geworden ist, verdanken sie zum einen ihrem bewundernswerten Mut, zum anderen der Anwendung militärischer Gewalt. Dass dieser Tag nun auch für die Ägypter einen zwiespältigen Erinnerungswert bekommen wird, hat erstaunlich ähnliche Gründe: ihren bewundernswerten Mut – wie das Militär. In diesen Stunden gehen im ganzen Land Menschen zu einer Wahl, die viele von ihnen für eine doppelte Farce halten. Zum einen, weil ein Islamist und ein Konterrevolutionär zur Wahl stehen, die die für diese Wahl erforderliche Revolution weder begrüßt noch unterstützt haben. Zum anderen, weil die wahre Macht im Lande – das Militär – erst vor ein paar Tagen demonstriert hat, wie ernst sie ein Wahlergebnis im Zweifelsfall nimmt. Die unbequeme religiöse Mehrheit im Parlament ist seit dieser Woche erst einmal Geschichte – und wird es wohl auch bleiben, wenn es nach dem Willen des SCAF geht, dem kaum jemand etwas entgegenzusetzen hat. Der 17. Juni wird – über Ägypten hinaus – zu einem denkwürdigen Datum. Wieder einmal sind es – wie schon im Fall der DDR – nicht die lokalen, sondern die globalen Interessen, die eine Revolution im Keim zu ersticken drohen. Man braucht kein Weltverschwörer zu sein, um zu verstehen, dass die demokratische Opposition in Ägypten kaum Verbündete hat. Wer heute zur Wahl steht, hat im Ausland finanzkräftige Unterstützer. Wie schon 1953 sind es miteinander streitende, aber letztlich aufeinander angewiesene Kräfte, die hier am Wirken sind. Ägypten hat keine Wahl, zumindest heute nicht. Erkundigt man sich bei jenen, die im vergangenen Jahr die Revolution vom Platz in die Paläste getragen haben, stößt man vor allem auf Ernüchterung. Dabei ist das liberale Lager durchaus gespalten: Während für die einen die Wahl des Muslimbruders Mursi die einzig denkbare Alternative darstellt, um dem Militär und ihrem Favoriten einen Denkzettel zu verpassen, ergreifen andere Partei für eben jenen – allein, um das Land vor einer religiösen Wende zu bewahren. Der größte Teil der ehemaligen Revoluzzer aber bleibt beim Protest – und versucht, sich durch Wahlenthalt vom Ruch des Stimmviehs zu bewahren. In den Hochrechnungen wird dieses Lager, egal wie viele Millionen es umfasst, naturgemäß keine Rolle spielen. Neulich wurde ich gefragt, welche Haltung man als verantwortungsbewusster Deutscher dem ägyptischen Wahlspektakel gegenüber an den Tag legen sollte. Und ob es nicht letztlich ein Glück sei, dass das Militär ein Abrutschen des Landes in den Fundamentalismus verhindern werde – schon zum Wohl aller Minderheiten im Land. Wenn wir eines durch unseren eigenen 17. Juni gelernt haben, dann doch wohl dieses: Demokratie, die sich im Namen und in sinnlosen Wahlen erschöpft, schützt vor allem eine Minderheit: jene, die regiert.
2. Demokratie ?
unmoderiert 17.06.2012
Der "Arabische Frühling", den unsere westliche Presse wider besseren Wissens monatelang herbei schreiben wollte, wird in einem arabischen Winter enden. In vielen Ländern werden islamische Gottesstaaten entstehen, und [...]
Der "Arabische Frühling", den unsere westliche Presse wider besseren Wissens monatelang herbei schreiben wollte, wird in einem arabischen Winter enden. In vielen Ländern werden islamische Gottesstaaten entstehen, und auch Ägypten wird diesen Weg gehen - wahrscheinlich nur unterbrochen von einer zeitlich begrenzten Militärdiktatur.

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