19.06.2012
Griechen vor EM-Viertelfinale
Sie wollen die grausamen Deutschen besiegen
Aus Athen berichtet David BöckingNatürlich wird Christos Sotirakopoulos am Freitag versuchen, gelassen zu bleiben - er macht das ja nicht zum ersten Mal. "Es ist nur ein Fußballspiel", sagt er. "Selbst wenn wir gewinnen, werden unsere Probleme am nächsten Tag dieselben sein. Und die Deutschen werden auch nicht gleich zum Internationalen Währungsfonds rennen, falls wir sie besiegen."
Sotirakopoulos ist einer der bekanntesten Sportjournalisten Griechenlands. Hinter seinem Schreibtisch hängen signierte Trikots von Inter Mailand, Barcelona und seinem persönlichen Favoriten Liverpool. Auf seinem Regal liegen die Bälle sämtlicher Champions-League-Finale der vergangenen Jahre. Sotirakopoulos hat sie alle kommentiert, ebenso wie zahllose andere Endspiele.
Trotz alledem wird Sotirakopoulos ziemlich aufgeregt sein, wenn er am Freitag in Danzig im Stadion sitzt und kommentiert: Griechenland gegen Deutschland, das ist in diesen Tagen nicht einfach ein EM-Viertelfinale. Es ist ein Duell. Underdog gegen Titelanwärter, Schuldner gegen Gläubiger - und, auch das, Unterdrückte gegen Unterdrücker.
So zumindest stellen es große Teile der griechischen Presse dar. Da rollen die germanischen Panzer, die auch die britische Presse so gerne bemüht. Da wird Deutschlands "Euro-Austritt" aus dem Turnier gefordert. Und da wünscht sich der griechische Torhüter Michalis Sifakis öffentlich, "dass dieses Spiel das erste und letzte für Frau Merkel bei dieser EM wird".
Bei vielen Fans kommt solche Polemik an. Schon als sie am Samstag in Athen den Überraschungssieg über Russland feiern, ertönen nach kurzer Zeit Anti-Merkel-Parolen. Viele sehen in der Deutschen inzwischen nur noch die eiserne Sparkanzlerin, die Griechenland mit harten Auflagen wissentlich in den Abgrund treibt.
Alle dürften die EM gewinnen, sagt die Verkäuferin Maria, nur nicht die Deutschen. Warum? "Wegen ihrer Grausamkeit", sagt die 35-Jährige. Sie wisse ja, dass Griechenland nicht das stärkste Team sei, aber sie wünsche sich auch nur noch diesen einen Sieg. "Deutschland schlagen und dann nach Hause fahren!"
Lachen über die eigene Prognose
Hoffnung gibt es. Immerhin wurde Griechenland 2004 völlig überraschend Europameister, und die Fußballweisheiten haben sich seitdem nicht geändert. "Der Ball ist rund", weiß Savvas Efthimidadis, ein 76-jähriger Losverkäufer, "und alles kann passieren." Auch Theodoros Papadopoulos, Inhaber eines Ikonen-Geschäfts, hält einen Sieg für möglich. Vielleicht auch, weil der Zorn auf Merkel die Mannschaft trägt? "Das ist Unsinn", sagt er. Mit Politik habe das alles nichts zu tun.
So sehr sie sich einen Erfolg der Mannschaft wünschen mögen: In das Kriegsgeheul von Boulevard und Hardcore-Fans wollen viele Normalbürger nicht einstimmen. Der Souvlaki-Verkäufer Vagelis Illiadis etwa prophezeit seiner Heimat zwar mindestens zwei Tore und den Sieg, lacht sich dann aber selbst über diese Vorhersage schlapp. Sein Kunde Giorgos Dimitriadis wird noch deutlicher: "Wir werden nicht gewinnen." Auch der 35-Jährige hält wenig davon, das Match zur Abrechnung in der Krise aufzublasen. "Politik steht auf einem anderen Blatt."
Christos Sotirakopoulos sieht das anders. Vielleicht liegt es daran, dass er als Sportkommentator Mut zur Meinung braucht, vielleicht aber auch daran, dass er das Spiel schon seit Jahrzehnten verfolgt. Sotirakopoulos jedenfalls sagt, Fußball und Politik hätten sehr wohl Parallelen. "Da gibt es was zu lernen."
Sotirakopoulos bewundert die deutsche Mannschaft, in seinen Augen ist sie derzeit "mit Abstand die beste auf der Welt". Aber er weiß auch, dass der deutsche Fußball vor rund einem Jahrzehnt noch als Pflegefall galt und sich dann nach und nach reformiert hat. Heute habe Deutschland dank Spielern wie Mesut Özil "schon fast ein mediterranes Flair".
Die griechische Manschaft wiederum wurde ausgerechnet von einem Deutschen zu ihrem größten Erfolg geführt. "Unsere ganze DNA ist deutsch", sagt Sotirakopoulos und spielt damit auf den früheren Nationaltrainer Otto Rehhagel an. Dass der den Griechen vor allem eine defensive Spielweise einimpfte, sei völlig in Ordnung. "Wenn man das als seine Stärke entdeckt, ist nichts Schlechtes dabei."
Vor alllem aber habe Rehhagel der griechischen Manneschaft etwas anderes gezeigt, sagt Sotirakopoulos. "Was man mit Einigkeit, Konzentration und Disziplin erreichen kann. Und Disziplin ist eines der größten Probleme in Griechenland, aber auch in Ländern wie Spanien oder Italien."
Reformvorbild "Rehakles"
Spätestens da ist die Krise in Griechenland wieder präsent, die mangelnde Haushaltsdisziplin, die gebrochenen Reformversprechen und die tief zerstrittene politische Landschaft. Und Sotirakopoulos hat keine Scheu, die Parallele zu ziehen. So wie der Umbau einer Mannschaft dauere, so brauche es auch Zeit, ein Land zu reformieren. Die griechischen Politiker redeten zwar viel von Reformen. "Aber wir müssen damit anfangen, statt nur darüber zu reden."
Doch auch die deutsche Kanzlerin könne von "Rehakles" lernen, glaubt Sotirakopoulos. Der sei streng gewesen mit seinen Spielern, habe sie bei Aufbegehren nicht aufgestellt und bei schlechter Leistung schnell ausgetauscht. "Doch alle haben sich von ihm fair behandelt gefühlt."
Das ist in der Krise anders. Immer weniger Griechen sehen eine Chance, aus der Schuldenspirale herauszukommen. Viele fühlen sich ungerecht behandelt. Torhüter Sifakis etwa ätzte nicht nur gegen Merkel, sondern forderte auch mehr Respekt für sein Land ein. "Alle haben auf uns rumgehackt, das haben wir nicht verdient."
"Wir sind ein seltsames Volk", sagt Sotirakopolous. "Wenn wir jemanden auf unserer Seite glauben, geben wir 110 Prozent." Doch dazu dürfe man die Griechen nicht von oben herab behandeln und müsse ihnen das Gefühl geben, dass man wirklich helfen wolle. "Das hat Merkel bisher nicht getan."
Mitarbeit: Lamprini Thoma

