29.06.2012
Ägypten
Mursi spricht Amtseid vor Zehntausenden Anhängern
Mursi auf dem Tahrir-Platz in Kairo: "Ich fürchte niemand außer Gott"
Kairo - Der neu gewählte ägyptische Präsident Mohammed Mursi hat am Tag vor seiner offiziellen Amtseinführung symbolisch den Eid auf Gott und Volk abgelegt. Vor Zehntausenden Menschen rief der Islamist seinen Anhängern auf dem Tahrir-Platz in Kairo zu: "Keine Institution steht über dem Willen des Volkes." Das Volk sei die Quelle jeder Macht und Legitimität. Im Verlauf seiner Rede unterbrach ihn die Menge immer wieder mit "Allahu-akbar"-Rufen (Gott ist groß). Er versprach seinen Anhängern, die Revolution zu verteidigen.
In seiner Rede versuchte Mursi auch, die Vorbehalte jener Ägypter zu zerstreuen, die in den Wahlen nicht für ihn gestimmt hatten, weil sie einen islamischen Staat fürchten. Er werde keinen Unterschied zwischen Anhängern und Gegnern machen. Mursi versprach einen zivilen Staat, in dem nicht mehr gefoltert werde. Seine Tür stünde jederzeit offen. Zudem wolle er sich für die Freilassung all derer einsetzen, die im vergangenen Jahr wegen ihrer Opposition gegen das Mubarak-Regime ins Gefängnis gekommen waren.
Der Tahrir-Platz, von dem im vergangenen Jahr die Massenproteste gegen den damaligen Präsidenten Husni Mubarak ausgegangen waren, nannte Mursi ein "Symbol für Freiheit, Würde und Wandel". Nach dem Ende der Rede sprach Mursi im Abgehen die Eidesformel: "Ich schwöre bei Gott, das republikanische System zu wahren, die Verfassung und das Gesetz zu achten, die Interessen des Volkes umfassend zu schützen sowie die Unabhängigkeit der Nation und die Sicherheit des Staatsgebiets zu bewahren."
Demonstrativ bekundete Mursi, sich nicht einschüchtern zu lassen. "Ich fürchte niemanden außer Gott", sagte der Politiker. Die Macht des Volkes stehe über allem. "Deshalb bin ich zuallererst zu euch gekommen." Niemand könne dem Präsidenten seine Befugnisse nehmen, sagte Mursi an die Generäle gerichtet.
Damit reagierte er auf eine Anordnung des regierenden Militärrats, den Amtseid nicht auf dem Tahrir-Platz zu leisten. Doch zahlreiche Demonstranten hatten Mursi genau dazu aufgefordert.
Vorangegangen war ein Machtkampf mit dem Militär. Die Muslimbruderschaft hatte die Auflösung des Parlaments nicht akzeptiert und verlangte eine Zeremonie in dem vom Militär geschlossenen Parlamentsgebäude. Die Generäle beharrten hingegen darauf, dass Mursi den Amtseid vor dem Verfassungsgericht ablegt. Die Muslimbrüder gaben in dieser Auseinandersetzung schließlich nach. Die offizielle Vereidigung soll am Samstag um 11 Uhr (MESZ) erfolgen.
Der Nachfolger des im Vorjahr gestürzten Langzeitherrschers Mubarak ist der erste frei gewählte Präsident Ägyptens. Außerdem ist der 60-jährige Metallurgie-Ingenieur der erste Zivilist, aber auch der erste Islamist im höchsten Staatsamt.
Doch seine Macht ist begrenzt. Der Oberste Militärrat, der das Land seit dem Abgang Mubaraks regiert, hatte vor zwei Wochen das Parlament aufgelöst, durch Verfassungszusätze die Befugnisse des Präsidenten stark eingeschränkt und die meisten Vollmachten an sich gezogen.
fdi/dpa/AFP/dapd