13.07.2012
US-Wahlkampf
Die Heuschrecken-Strategie
Aus Virginia Beach berichtet Sebastian Fischer
Mitt Romney: Wie lange war er für Bain Capital tätig?
Ein Befreiungsschlag, das wär's. Ein großes Ding. Darauf hoffen sie im Team von Barack Obama. Weil der US-Präsident sich schon seit Wochen ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem einst unterschätzten Republikaner-Herausforderer Mitt Romney liefert; weil die Wirtschaft weiter dümpelt; weil der eigene Wahlkampf einfach nicht recht in Gang kommen mag.
Deshalb hat Obama am Montag in der Pose des Klassenkämpfers die Fortsetzung der Steuernachlässe für die Mittelklasse gefordert - und gleichzeitig ein Ende der Ermäßigungen für jene, die mehr als 250.000 Dollar im Jahr verdienen. Es soll jetzt um Gerechtigkeit gehen. An diesem Freitag und Samstag will der Präsident seine Botschaft im Feldversuch testen, bei mehreren Wahlkampfauftritten in Virginia. Der Südstaat ist besonders wichtig, weil Swing State. Heißt: Hier wird mal republikanisch, mal demokratisch gestimmt. Und Obama braucht Virginia, um im November wiedergewählt zu werden.
Doch schon 24 Stunden vor seinem ersten Wahlkampfauftritt an der Atlantikküste zeichnet sich nun tatsächlich ein möglicher Befreiungsschlag ab. Zumindest ist es eine feine Vorlage, die Barack Obama da am Donnerstag serviert bekommen hat.
Obamas Versuch, Romney als eiskalten Kapitalisten darzustellen
Es geht um Mitt Romney und dessen Vergangenheit als Gründer und Chef der Private-Equity-Firma Bain Capital. Der Republikaner hat sein 250-Millionen-Dollar-Vermögen gemacht, indem er marode Unternehmen aufkaufte, sie zerlegte, sanierte, weiterverkaufte. Seit Wochen müht sich das Team Obama, Romney an dieser Stelle zu packen, ihn als eiskalten Kapitalisten darzustellen, der Jobs zerstört oder ins Ausland verlagert hat. Romney dagegen reklamiert stets für sich, dass er in seiner Zeit bei Bain Tausende Arbeitsplätze geschaffen habe - bis er das Unternehmen 1999 verließ, um die Olympischen Spiele von Salt Lake City zu managen.
Das ist insofern ein prima Zeitpunkt gewesen für Romney, weil einige Bain-Firmen in den Folgejahren tatsächlich Jobs ins Ausland verlagert haben.
Doch jetzt wird die Jahreszahl 1999 angezweifelt. Der "Boston Globe" berichtet, Romney habe das Unternehmen formell erst drei Jahre später, also im Jahr 2002 verlassen. Die Zeitung zitiert Unterlagen der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC, in denen Romney bis 2002 als alleiniger Eigentümer, Vorstandschef und Präsident geführt werde. Einem Bericht der "Huffington Post" zufolge soll Romney zudem noch im Juni 2002 selbst bezeugt haben, dass er im Vorstand eines mit Bain verbandelten Puppen-Herstellers sitze.
Vorwurf der Heimlichtuerei
Indes wies eine Sprecherin von Romney den "Globe"-Bericht zurück: Der Kandidat habe Bain Capital im Februar 1999 verlassen, um sich um die Olympischen Spiele zu kümmern. Auch das Unternehmen selbst meldete sich gleichlautend zu Wort: Romney habe nach 1999 "absolut keinen Einfluss auf das Management oder die Investment-Aktivitäten" der Firma gehabt, zitiert die "New York Times" Bain-Capital-Sprecherin Charlyn Lusk. Es sei dem "plötzlichen Abschied" Romneys damals geschuldet, dass er noch für eine Weile der alleinige Eigentümer geblieben sei, während die anderen Partner das Management im Jahr 1999 übernommen hätten. Entsprechend sei Romney in dieser Zeit noch in den SEC-Akten erwähnt.
Also nur eine rein technische Angelegenheit, ein Übergangsphänomen? Obamas Leute jedenfalls mögen daran natürlich nicht glauben, wollen sich die Vorlage nicht nehmen lassen. "Entweder Mitt Romney hat seine Position bei Bain gegenüber der SEC falsch dargestellt und eine Straftat begangen - oder er hat seine Position bei Bain gegenüber dem amerikanischen Volk falsch dargestellt", erklärte eine Sprecherin Obamas. Romney sei der "heimlichtuerischste" Präsidentschaftskandidat seit Richard Nixon.
Ausgerechnet Nixon, jener Präsident, der nach der Watergate-Affäre zurücktreten musste. Scharfe Worte. Immer persönlicher wird der Kampf um die Präsidentschaft.
Es mag auf den ersten Blick unwichtig erscheinen, ob Romney nun ein paar Jahre mehr oder weniger in seinem Ex-Unternehmen gearbeitet hat. Doch er selbst hat die Erfahrungen als erfolgreicher Geschäftsmann zum tragenden Pfeiler seiner Kampagne gemacht, um sich damit vom vermeintlich erfolglosen Präsidenten - siehe Arbeitslosenzahlen - abzusetzen. Obama seinerseits kommt nun alles gelegen, was Schatten auf Romneys Vergangenheit bei Bain werfen könnte. Gleichzeitig attackieren die Demokraten den Kandidaten, weil er es bisher ablehnt, seine Steuererklärungen für die Jahre vor 2010 offenzulegen. Erst jüngst hatte das US-Magazin "Vanity Fair" über Romneys Millionen-Vermögen in Steueroasen berichtet.
Barack Obama wird dies im Wechselwählerstaat Virginia sicher nicht zu erwähnen vergessen.