19.07.2012
Anschlag auf Israelis in Bulgarien
Mutmaßlicher Attentäter tarnte sich als Tourist
Von Ulrike Putz, BeirutDer mutmaßliche Attentäter trägt karierte Bermudashorts, ein knallblaues T-Shirt, Basecap und Sonnenbrille, er hat lange Haare: Es ist die perfekte Tarnung, der junge Mann sieht aus wie ein ganz normaler Tourist. Mehr als eine Stunde lang lungert der Rucksackträger am Mittwochnachmittag auf dem Parkplatz des Flughafens im bulgarischen Burgas herum, das zeigen die inzwischen ausgewerteten Bänder der Überwachungskameras. Als dort gegen 17.30 Uhr 44 israelische Touristen den Bus besteigen, der sie in ihr Hotel am Schwarzen Meer bringen soll, steigt auch der vermeintliche Urlauber zu. Sekunden später zerreißt eine Detonation den Bus: Der mutmaßliche Selbstmordattentäter hat einen wohl in seinem Rucksack versteckten Sprengsatz gezündet. Sechs Israelis, der bulgarische Busfahrer und der Attentäter sterben. Dutzende Israelis werden zum Teil schwer verletzt.
Das Blutbad von Burgas - so haben es die bulgarischen und eigens eingeflogene israelische Ermittler in den vergangenen Stunden rekonstruiert - trägt eine altbekannte Handschrift. Wie schon bei anderen, teils vereitelten Terroranschlägen der vergangenen Monate weisen Indizien darauf hin, dass Iran und sein Verbündeter, die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah, hinter dem Anschlag stecken könnten:
- Vor allem das Ziel des Anschlags lässt aufhorchen: Das allem Anschein nach gezielt Israelis im Ausland angegriffen wurden, lässt darauf schließen, dass es sich bei dem Anschlag von Burgas um einen neuen Höhepunkt in dem Schattenkrieg handelt, den sich Israel, Iran und die Hisbollah seit Jahren liefern.
- Ein weiteres Indiz ist das symbolische Datum, das der Attentäter wählte: Vor genau 18 Jahren kamen beim Anschlag auf ein jüdisches Kulturzentrum in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires 85 Menschen ums Leben. Argentinien hält Iran und die Hisbollah-Miliz für die Drahtzieher des Attentats und hat deswegen internationalen Haftbefehl gegen Irans Ex-Präsidenten Ali Akbar Haschemi Rafsandschani erlassen.
- Und schließlich gilt auch die Verwendung - vermutlich gefälschter - Dokumente aus dem westlichen Ausland als Markenzeichen der Achse Teheran-Beirut. Im Fall Burgas sei bei der Leiche des Attentäters ein gefälschter Führerschein des US-Bundesstaats Michigan gefunden worden, sagte der bulgarische Innenminister Zwetan Zwetanow. Derzeit würden DNA-Proben und Fingerabdrücke untersucht, um die Identität des Mannes festzustellen.
Die bulgarischen Behörden sind mit Schlussfolgerungen noch zurückhaltend. Vizepremierminister und Finanzminister Simeon Djankow will etwa den Verdacht gegen Iran nicht erhärten. "Wir können noch keine konsistente Erklärung vorweisen", sagte Djankow SPIEGEL ONLINE. In den vergangenen Monaten waren wiederholt Hinweise auf Anschlagspläne gegen israelische Touristen und Diplomaten in Europa, besonders in Bulgarien, aufgetaucht. Djankow sagte aber, es habe keine tatsächlichen Anschlagsversuche gegeben. "Das war der erste Selbstmordanschlag auf bulgarischem Boden. Niemand hat wirklich damit gerechnet."
Sollte sich bei den Ermittlungen herausstellen, dass es sich bei dem mysteriösen Mann in Blau um einen Libanesen oder Iraner handelt, würde das die israelischen Sicherheitsbehörden wenig überraschen. Auch Experten im Ausland halten dies für plausibel. Schon bei mehreren Vorfällen im vorigen Jahr schienen die Spuren der Täter und ihrer Hintermänner immer wieder nach Teheran oder in die südlichen Vororte Beiruts zu führen, in der die Hisbollah eine ihrer Hochburgen hat. Auch in diesem Jahr sind mehrere Beispiele zu finden:
- Im Januar verhafteten die Behörden in Aserbaidschan zwei Einheimische, die mit einem iranischen Agenten Mordanschläge gegen den israelischen Botschafter in Baku und den dortigen Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde geplant haben sollen.
- Im Februar wurde die Ehefrau eines Mitarbeiters der israelischen Botschaft in Neu Delhi verletzt, als eine an ihrem Botschaftsauto angebrachte Bombe explodierte. Am selben Tag wurde in der georgischen Hauptstadt Tiflis ein nach ähnlichem Muster geplanter Anschlag vereitelt. Der Doppelangriff ereignete sich am vierten Jahrestag der Tötung von Hisbollah-Kommandeur Imad Mughnija. Er wurde im Februar 2008 in der syrischen Hauptstadt Damaskus mit einer Bombe getötet. Die Hisbollah bezichtigt Israel, Drahtzieher des Anschlags zu sein.
- Nur zwei Tage nach Neu Delhi und Tiflis flog ein Komplott gegen die israelische Vertretung in der thailändischen Hauptstadt Bangkok auf, als sich nur vier Blocks von der Botschaft entfernt mehrere Explosionen ereigneten. Die erste - vermutlich versehentliche - Detonation beschädigte das Versteck des Terrorteams. In dem zerstörten Haus wurden iranische Papiere und Geld gefunden: Von den drei Tätern, die sich als iranische Staatsangehörige entpuppten, konnte einer entkommen, zwei wurden gefasst.
- Am 2. Juli wurde bekannt, dass der kenianische Geheimdienst zwei Iraner verhaftet hatte. Die beiden Männer sollen Anschläge auf von Israelis frequentierte Ferienanlagen geplant haben. Ihr Sprengstoffvorrat reichte laut Behörden aus, um ein mittelgroßes Hotel zu zerstören.
- Am 14. Juli nahm die zyprische Polizei einen 24-jährigen Libanesen fest, der einen - vermutlich gefälschten - schwedischen Pass bei sich hatte. Indizien wiesen offenbar darauf hin, dass der Mann ein Attentat mit einer Rakete auf ein Flugzeug der israelischen Fluglinie Arkia geplant habe.
Doch auch Israel mischt in der Auseinandersetzung kräftig mit und scheint mehrfach iranische Atomwissenschaftler ins Visier genommen zu haben. In den vergangenen zwei Jahren wurden dabei in Teheran mehrere Forscher Opfer zumeist tödlicher Attentate. Teheran macht dafür Israel verantwortlich, das versuche, so das iranische Atomprogramm zu torpedieren. Israel gibt offiziell keinen Kommentar ab, jedoch wird hinter den Kulissen gern damit geprahlt, dass der "lange Arm des Mossad bis nach Teheran" reiche.
Die israelischen Reaktionen auf den Anschlag in Burgas kamen umgehend. Erst polterte Regierungschef Benjamin Netanjahu, dem "iranischen Terror" drohe ein massiver Gegenschlag. Doch Vize-Außenminister Danny Ayalon äußerte sich später vorsichtiger. Man wollte unter anderem eine diplomatische Initiative bei den Vereinten Nationen anstoßen. Die Hisbollah müsse auf die Liste der internationalen Terrororganisationen gesetzt werden. Offenbar wollte Jerusalem mit diesen gemäßigten Worten Bedenken zerstreuen, Israel könne Burgas zum Anlass nehmen, einen Erstschlag gegen das iranische Atomprogramm zu unternehmen.
Verteidigungsminister Ehud Barak mahnte, nicht mit den israelischen Geheimdiensten ins Gericht zu gehen. Dass die Experten das Attentat nicht vorhergesehen hätten, sei ein "Unfall", kein "Versagen". "Die Welt ist groß und voller Orte, an denen diese Leute operieren", sagte der Minister dem israelischen Rundfunk. "Es gibt Tage, die schmerzhaft sind, und gestern war so ein Tag."
Mitarbeit: David Böcking