22.07.2012
Schwere Gefechte in Syrien
Damaszener fürchten Racheakt der Assad-Truppen
Damaskus/Aleppo - In den syrischen Städten Damaskus und Aleppo ist es am Sonntag erneut zu heftigen Gefechten zwischen Regierungstruppen und Aufständischen gekommen. In der Hauptstadt nahmen Kampfhubschrauber Anwohnern zufolge mehrere Bezirke ins Visier.
Der Außenbezirk Barse soll mit Raketen beschossen worden sein, von Panzergefechten berichtet die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. "Es gibt heftige Explosionen", sagte der syrische Journalist Thabet Salem am Sonntag dem arabischen Nachrichtensender al-Dschasira. "Es ist das erste Mal, dass Damaskus dermaßen massiv bombardiert wird."
Barse ist zwischen den Truppen des Regimes von Präsident Baschar al-Assad und den Aufständischen heftig umkämpft. Die Rebellen der Freien Syrischen Armee haben mit der "Damaskus-Vulkan" genannten Offensive erstmals den bewaffneten Aufstand in die syrische Hauptstadt getragen.
Die Regierungstruppen schlagen zurück
Nach anfänglichen Geländegewinnen müssen sie nun Rückschläge einstecken: Regierungstreue Soldaten hätten die Rebellen in der Hauptstadt zum Teil zurückgedrängt und aus dem Stadtteil Mezze vertrieben, berichteten Augenzeugen. Die Kämpfe hatten sich in den vergangenen Tagen verschärft. Auch in dem vornehmen Stadtteil Masse wird gekämpft, Korrespondenten der Nachrichtenagentur AFP bestätigten, dort eine Explosion gehört zu haben.
Die amtliche syrische Nachrichtenagentur Sana meldete, Regierungstruppen hätten das Viertel Kabun aus Rebellenhand zurückerobert. Am Samstag hatten die Truppen bereits das Viertel Midan wieder eingenommen.
Auch in Aleppo im Norden Syriens wird weiter gekämpft. Hier versuchte die Armee vom Morgengrauen an, die Kontrolle über den Stadtteil Salaheddin wiederzuerlangen, wie ein Aktivist telefonisch sagte. Augenzeugen zufolge kam es zu Gefechten in der Nähe der Geheimdienstzentrale. In Aleppo wird seit Freitag gekämpft, zuvor war die Wirtschaftsmetropole von Waffengewalt weitgehend verschont geblieben.
Die Angst der Menschen vor Vergeltungsaktionen der Assad-Truppen wächst, auch der Einsatz von Chemiewaffen wird befürchtet. Neue Augenzeugenberichte zu dem Massaker in Hula, bei dem 108 Menschen getötet wurden, erhärten jetzt zudem den Verdacht, dass Regierungstruppen für die Gräueltaten verantwortlich waren. In einem SPIEGEL-Video berichten Einheimische des Dorfes und Soldaten von den Geschehnissen des 25. und 26. Mai.
Uno zieht Mitarbeiter ab
Ein Uno-Mitarbeiter, der bis Ende Juni in Damaskus stationiert war und sich jetzt im Libanon aufhält, hielt am Sonntag per Telefon Kontakt mit Kollegen und Bekannten in der syrischen Hauptstadt. Die berichteten voller Angst von der Gegenoffensive der Staatsmacht. Ein Einwohner des im Nordosten gelegenen Stadtteils Rukn el-Din erzählte am Telefon, dass die Freie Syrische Armee das Viertel vor einigen Tagen eingenommen habe. Am Sonntagmorgen hätten die Regierungstruppen den Gegenangriff gestartet. Er habe seine Wohnung seit drei Tagen nicht verlassen, so der Informant. Während er berichtete, war im Hintergrund zu hören, wie Kampfhubschrauber ihre Salven abfeuerten.
In weiten Teilen Damaskus' ist die Müllentsorgung schon vor Tagen zusammengebrochen. In zentralen Stadtteilen, in denen es bislang relativ ruhig blieb, sind die Stadtparks zu Feldlagern geworden: Aus den umkämpften Stadtteilen Vertriebene übernachten hier, weil sie sonst keine Bleibe haben.
Die Uno hat ihre Mitarbeiter - vor allem das Flüchtlingshilfswerk und das Welternährungsprogramm betreiben große Büros in Damaskus - am Samstag über die nahe Grenze in den Libanon evakuiert. Von Beirut aus soll die Belegschaft schnellstmöglich ins jordanische Amman verlegt werden und von dort aus weiterarbeiten. In Damaskus verblieben ist nur eine Kernmannschaft von Uno-Leuten. Sie wurden aus Sicherheitsgründen im Four Seasons Hotel einquartiert.
19.000 Tote seit Beginn des Konflikts
Der Krieg in Syrien hat nach Uno-Angaben etwa eine Million Menschen zu Vertriebenen im eigenen Land gemacht, sie sind dringend auf internationale Hilfe angewiesen. Auch die Versorgungslage mit Lebensmitteln ist in Syrien über die vergangenen Monate stetig schlechter geworden, zum Teil, weil Bauern durch die Kampfhandlungen daran gehindert wurden, die Ernte einzufahren.
Allein am Samstag sind nach neuen Angaben der Beobachtungsstelle für Menschenrechte 164 Menschen getötet worden. Demnach handelte es sich um 86 Zivilisten, 49 Soldaten und 29 Rebellen.
Seit Beginn des Konflikts seien mehr als 19.000 Menschen umgekommen. Allein in diesem Monat seien 2752 Menschen getötet worden. Damit handele es sich um den Monat mit den meisten Opfern seit Beginn des Aufstands im März 2011, sollte der bisherige Trend im Juli anhalten. Im Juni kamen den Angaben zufolge 2924 Menschen in Syrien um.
sto/Ulrike Putz/dapd/Reuters/dpa

