03.08.2012
Deutschland-Bild in den USA
Wie David Hasselhoff den Kalten Krieg beendete
Von Gregor Peter Schmitz, Washington
US-Sänger David Hasselhoff in Berlin: Hat Hasselhoff wirklich den Kalten Krieg beendet?"
In US-Supermärkten gibt es für Geburtstagskinder eine Grußkarte zu kaufen. Darauf ist David Hasselhoff zu sehen, wie üblich leicht debil in die Kamera grinsend. Wer die Karte öffnet, hört Hasselhoffs Stimme: Leider könne er nicht persönlich gratulieren, aber sei in Gedanken natürlich ganz beim Geburtstagskind. Und dann fügt Hasselhoff in einem Tonfall, der lasziv-verführerisch klingen soll, hinzu: "Ich bin übrigens oben herum nackt."
So weit ist die Karriere von David Hasselhoff gekommen, der sich ja auch gelegentlich filmen lässt, wie er betrunken Hamburger vom Boden isst. Kurzum: Der Mann ist ziemlich fertig.
Dennoch hält sich das Mitleid mit ihm in Amerika in Grenzen. Dafür existiert ein simpler Grund: Meinen amerikanischen Freunden zufolge gilt David Hasselhoff als der bedeutendste Künstler in Deutschland.
In ihren Augen ist Deutschland nicht nur das Land der Autobahnen, sondern vor allem das Land, wo aus Autos ständig "Looking for Freedom" dudelt. Eine Nation also, in der David Hasselhoff nicht einfach der Fahrer eines seltsamen Wagens namens K.I.T.T. ist oder ein Mann, der mit Mitte vierzig noch als Badewärter arbeiten musste. Sondern vor allem ein großer Sänger, ein Platten-Absatzmillionär, ein wahrer Künstler halt.
Historische Verirrung
Englischsprachige Webseiten überbieten sich mit ironischen Texten über die bizarre Liebe der Deutschen für Hasselhoff, sie ergehen sich in detaillierten Aufzählungen seiner erstaunlichen Verkaufserfolge dort (zehn veröffentlichte Alben, mehr als fünf Millionen verkaufte Platten im deutschsprachigen Gebiet!) - und schrecken nicht zurück vor Überschriften wie: "Hat David Hasselhoff wirklich den Kalten Krieg beendet?"
Zaghafte Erklärungsversuche, dass nur eine Verkettung glücklicher und unglücklicher Umstände zu dieser historischen Verirrung führen konnte, werden von Amerikanern kaltlächelnd beiseitegeschoben.
Der glückliche Umstand war der Mauerfall. Der unglückliche Umstand war, dass David Hasselhoff kurz zuvor ein Lied namens "Looking for Freedom" aufgenommen hatte, das sich in den wilden Wendezeiten prompt an der Spitze der Hitparade einnistete - und das Hasselhoff Silvester 1989 vor einer Million Menschen live am Brandenburger Tor singen durfte, eines der größten Freiluftkonzerte aller Zeiten.
Aber es stimmt ja: Wie glaubwürdig sind solche Dementi angesichts anderer Musik-Sünden unserer jüngeren Vergangenheit? Ein amerikanischer Bekannter hat sich vor kurzem ein schickes Audi-Cabrio gekauft, er lud mich zur Probefahrt. Dann schaltete er den CD-Player an. Aus den Boxen erklang, ohrenbetäubend laut, "You're my heart, you're my soul" von Modern Talking. Mein Bekannter grinste diabolisch. Er wollte mir zeigen, dass die Deutschen vielleicht schicke Autos bauen können. Aber dass sie deswegen noch lange keine gute Popmusik machen.
Wahrscheinlich haben wir so viel Strafe sogar verdient: Immerhin sind wir das Land, das Wolfgang Niedecken den deutschen Bob Dylan nennt und den Amis mal eine englische Version von "99 Luftballons" geschenkt hat. Die Amerikaner haben Beyoncé, wir haben Lena Meyer-Landrut.
Der Himmel in Deutschland
Eine Zeitlang hoffte ich, Berlin könnte uns von diesem ohrenbetäubenden Erbe befreien. Schließlich lieben Amerikaner diese Stadt, sie erinnert sie an das New York der achtziger Jahre. Die "New York Times" präsentiert ein Interview mit Sven Marquardt, hauptberuflich Türsteher des Berghain, in ähnlich exklusiver Aufmachung wie eins mit der Bundeskanzlerin.
Verwegen schlussfolgerte ich daraus, auch in Amerika sei die Erkenntnis angekommen, dass moderne deutsche Musik mittlerweile durchaus Trends setzt. Dass wir Deutschen zumindest manchmal heiße Scheiben auflegen oder sogar produzieren - und vor allem dazu tanzen.
Das glaubte ich bis zu jenem Partyabend vor einigen Monaten. Ich sollte US-Gästen wieder einmal von dem berühmten Berghain erzählen, und das tat ich bis ins Detail - bestens präpariert durch die handliche Skizze aus dem "Stern", die kurz zuvor das Innenleben des Bunkerclubs so detailliert erläutert hatte, als handele es sich um das Weiße Haus oder mindestens das Versteck von Osama Bin Laden.
Doch ich machte einen schweren Fehler, nämlich eine kurze Pause: Umgehend fragte ein weibliches Mitglied der Runde, was denn für Musik in diesem legendären Club gespielt werde. Ich wollte antworten, aber ich war nicht schnell genug. Aus drei amerikanischen Mündern um mich herum erschall es: "David Hasselhoff, of course". Ich gab auf, seither habe ich jeden weiteren Bekehrungsversuch unterlassen.
Außerdem: Hasselhoff im Berghain, das muss aus amerikanischer Sicht doch der Himmel in Deutschland sein.