11.08.2012
Bürgerkrieg in Syrien
Rebellen verschleppen TV-Reporter nahe Damaskus
Syrischer Rebell feuert in Richtung Heckenschützen: Neue Attacken in Aleppo
Damaskus - Sie sind zunehmend das Ziel von Anschlägen: Mitarbeiter von Fernsehsendern, die dem Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zugeschrieben werden, geraten immer wieder zwischen die Fronten. Jetzt meldet die TV-Station al-Ichbarija, dass drei seiner Reporter entführt worden seien.
Die Journalisten seien in Tal, einem nördlich gelegenen Vorort der Hauptstadt Damaskus, von Bewaffneten verschleppt worden, als sie von dort berichtet hätten, sagte der Geschäftsführer des Fernsehsenders, Imad Sarah, der Nachrichtenagentur AP. In der Gegend lieferten sich Assads Truppen und Aufständische heftige Gefechte. Sarah sprach von "Terroristen", die seine Mitarbeiter entführt hätten.
Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte bestätigte die Entführung. "Die drei syrischen Journalisten, die für das Staatsfernsehen arbeiten, wurden von den Rebellen gefangen genommen, als sie Soldaten in Tal begleiteten", teilten die Aktivisten mit. Die Aufständischen attackierten und erbeuteten in dem Vorort einen Panzer. Bereits am Montag war in der Zentrale des Staatsfernsehens in Damaskus eine Bombe explodiert.
In der syrischen Hauptstadt lieferten sich Rebellen und Armee nach Angaben der Aktivisten am Samstag heftige Kämpfe um den im Süden gelegenen Stadtteil Tadamun. Im Stadtteil Kabun waren ebenfalls Schüsse und Explosionen zu hören. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete von Gefechten in der Nähe der Zentralbank im Zentrum vom Damaskus. Unabhängig überprüfen lassen sich die Informationen aber nicht.
Die syrische Armee hatte Anfang August erklärt, nach heftigen Gefechten wieder die vollständige Kontrolle über die Hauptstadt errungen zu haben.
Rebellen fehlt es an ausreichend Munition
In der umkämpften Stadt Aleppo, der strategisch bedeutsamen Wirtschaftsmetropole im Norden des Landes, startete die Armee neue Angriffe. Wie die Rebellen berichteten, gingen Einsatzkräfte mit Kampfflugzeugen, Helikoptern, Panzern und schwerer Artillerie gegen ihre Stellungen vor. "Die Belagerung durch die Regimetruppen erschwert es uns, ausreichenden Nachschub an Munition in die Stadt zu bringen", sagte der Rebellenkommandeur Abu Omar al-Halebi der Deutschen Presse-Agentur am Telefon.
Seit drei Wochen ist Aleppo Schauplatz schwerer Kämpfe. Anfangs konnten die Aufständischen Erfolge verbuchen, zuletzt wurden sie aber aus dem südwestlichen Stadtteil Salahaddin, einem wichtigen Einfallstor in die Stadt, verdrängt.
Eskalation an der Grenze zu Jordanien
Der Syrienkonflikt droht sich auch in der Grenzregion zu Jordanien gefährlich auszuweiten. Nahe des Dorfs Schadschirah kam es in der Nacht zum Samstag zu dem bisher schwersten Gefecht zwischen den Truppen beider Länder. Die Soldaten lieferten sich einen 30-minütigen intensiven Feuerwechsel, nachdem syrische Militärs auf einen Tross von rund 500 Flüchtlingen schossen, obwohl sich diese schon auf jordanischem Boden befanden. Die jordanischen Truppen erwiderten das Feuer, wie Sicherheitskreise in Jordanien berichteten. Vertreter der syrischen Opposition bestätigten die Berichte.
Die Aktivisten erklärten die Eskalation an der Grenze damit, dass sich unter den Flüchtlingen Dutzende hochrangige Armee-Funktionäre befanden. Diese waren den Berichten zufolge zuvor desertiert. Trotz der konspirativen Planung hätte der syrische Geheimdienst aber von der Flucht nach Jordanien erfahren und die Truppen alarmiert.
USA und Türkei planen für Zeit nach Assad
US-Außenministerin Hillary Clinton traf am Samstag zu einem Besuch in Istanbul ein. Der Opposition müsse nach einem Sturz von Assad geholfen werden, die Institutionen des Staates zu schützen und eine demokratische und pluralistische Regierung aufzubauen, sagte Clinton. Hauptziel bleibe aber ein Ende des Blutvergießens und der Rücktritt des Staatschefs. Die Außenministerin traf sich mit dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und syrischen Aktivisten.
Nach Einschätzung des Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes (BND), Gerhard Schindler, sind die Tage des syrischen Präsidenten Assad bereits gezählt. "Es gibt viele Anhaltspunkte dafür, dass die Endphase des Regimes begonnen hat", sagte der BND-Chef der "Welt". Assads Armee habe rund 50.000 ihrer einst 320.000 Soldaten verloren. Die Erosion des Militärs halte an. Den regulären Streitkräften stehe eine Vielzahl flexibel agierender Kämpfer gegenüber. "Ihr Erfolgsrezept ist eine Art Guerillataktik." Das zermürbe Assads Armee zunehmend.
Die arabischen Außenminister werden nach einer Meldung des amtlichen ägyptischen Fernsehens am Sonntag über die Syrien-Krise bei einem Treffen in der saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda sprechen. Dabei soll es auch um den künftigen Syrien-Sonderbeauftragten der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga gehen. Kofi Annan hatte vor einer Woche seinen Rückzug aus diesem Amt bekannt gegeben. Der algerische Krisendiplomat Lakhdar Brahimi ist als möglicher Nachfolger im Gespräch.
heb/AP/dpa/Reuters