13.11.2012
Gauck bei der Queen
Antrittsbesuch unterm Radar
Von Carsten Volkery, London
Gauck beim Antrittsbesuch in London: Empfang ohne Staatsbankett
Das letzte Mal war Joachim Gauck nur auf Stippvisite bei der Queen. Vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele hatte er Ende Juli am offiziellen Empfang für alle hundert Staatsoberhäupter im Buckingham-Palast teilgenommen. Für mehr als ein Händeschütteln reichte es bei diesem Anlass nicht.
Am Dienstag nun folgte der offizielle Antrittsbesuch in Großbritannien. Auch dieser fiel jedoch eher bescheiden aus. Auf die traditionellen Insignien eines Staatsbesuchs, militärische Ehren und ein Abendbankett, wurde verzichtet. Stattdessen begrüßten Queen Elizabeth II. und Prinz Philip den Bundespräsidenten und seine Partnerin Daniela Schadt mittags am Portal des Palasts.
Schadt knickste formvollendet vor der Königin, man posierte gemeinsam für ein Foto, dann ging es in den "18th Century Room" zu einem Mittagessen mit einem Dutzend Teilnehmern. Serviert wurde ein Drei-Gänge-Menü - und ein Riesling von der Saar. Nach einer guten Stunde verabschiedeten sich die Gäste und fuhren weiter zur Residenz des deutschen Botschafters, wo Gauck sich mit Vertretern des deutsch-britischen Establishments zu einem Meinungsaustausch traf.
Der Bundespräsident war beeindruckt von der Queen. Sie habe sich sehr interessiert an Deutschland gezeigt, hieß es aus dem Bundespräsidialamt. Es sei ein sehr persönliches Kennenlernen gewesen. In der britischen Öffentlichkeit wurde der Besuch allerdings nicht weiter wahrgenommen. Die hiesigen Medien erwähnten ihn mit keinem Wort.
Gauck, seit März im Amt, kommt in turbulenten Zeiten nach London. Das Verhältnis zwischen Deutschland und Großbritannien ist so schlecht wie lange nicht, der Streit um die Zukunft der EU entzweit die Partner. Gerade vergangene Woche war Kanzlerin Angela Merkel in der Downing Street, um Premierminister David Cameron davon abzubringen, sein Veto gegen die Erhöhung des EU-Haushalts einzulegen. Sie reiste ohne Kompromiss wieder ab.
Wachsende EU-Skepsis auf der Insel
Auch beim Umbau der Euro-Zone stellen die Briten sich quer. Offiziell sichern sie stets ihre Unterstützung des Projekts zu, doch sobald es an die Details geht, etwa den Aufbau einer gemeinsamen Bankenaufsicht, melden sie Bedenken an.
Diplomaten klagen schon seit längerem, dass es nicht rund läuft im bilateralen Verhältnis. Selbst auf der Königswinter-Konferenz der deutsch-britischen Gesellschaft, dem jährlichen Schmusegipfel der Eliten aus beiden Ländern, redete man in diesem Jahr aneinander vorbei.
Das angespannte Verhältnis spielte auch bei Gaucks Gesprächen eine Rolle. Am Nachmittag traf er sich mit Mitgliedern des britischen Oberhauses, einem Politikberater und einer Unterhausabgeordneten in der Botschafterresidenz. Das Thema lautete: "Was bewegt unsere Gesellschaften?"
Prominenz aus der ersten Reihe war nicht dabei, es hatte wohl einige Absagen gegeben. Mit Gauck diskutierten der Verleger George Weidenfeld, der frühere Generalstabschef Paul Inge, der TV-Manager Alan Watson, die liberaldemokratische Politikerin Kishwer Falkner, der Politikberater Maurice Fraser und die deutschstämmige Labour-Abgeordnete Gisela Stuart.
Das Gespräch war nicht-öffentlich. Es sollte jedoch um die wachsende EU-Skepsis auf der Insel gehen. Stuart hatte zuletzt im Oktober Schlagzeilen gemacht, als sie in der BBC laut über einen EU-Austritt Großbritanniens nachdachte.