16.11.2012
Offensive gegen Gaza
Israel will 75.000 Reservisten mobilisieren
Jerusalem - Israelische Panzer und weiteres schweres Gerät sind schon längst auf dem Weg Richtung Gaza-Streifen, auch 16.000 Reservisten wurden dem Rundfunk des Landes zufolge zu den Waffen gerufen. Und es könnten noch mehr werden: Das Kabinett billigte am Freitagabend nach Angaben aus politischen Kreisen die Einberufung von bis zu 75.000 Reservisten. Das berichten die Nachrichtenagentur Reuters und die "Jerusalem Post". Damit wurde die Zahl der zu mobilisierenden Soldaten für einen Einsatz gegen die radikalislamische Hamas mehr als verdoppelt.
Am Donnerstag hatte das Kabinett die Einberufung von bis zu 30.000 Reservisten gebilligt. Der neue Kabinettsbeschluss bedeute aber nicht, dass tatsächlich 75.000 Reservisten zu den Waffen gerufen würden, hieß es weiter. Die Führung der Streitkräfte habe aber grünes Licht, sie notfalls zu aktivieren.
In dem Konflikt zwischen Israel und den radikalen Palästinensern, die das Land weiterhin mit Raketen beschießen, ist derzeit keinerlei Entspannung in Sicht. Im Gegenteil: Die Regierung in Jerusalem verstärkt ihre Vorbereitungen auf eine mögliche Bodenoffensive. Das israelische Militär erklärte am Freitag, dass es drei Straßen sperren werde, die zum Gaza-Streifen führen oder in der Nähe verlaufen. Ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete, an der Grenze zum Gazastreifen seien gepanzerte Truppentransporter und Planierraupen zusammengezogen worden.
Großbritannien warnte Israel vor den Folgen einer Bodenoffensive. Die israelische Regierung müsse sich bewusst machen, dass dies in der Vergangenheit zu einem großen Verlust an Unterstützung und Sympathie in aller Welt geführt habe, sagte Außenminister William Hague am Freitag in London. Ob Großbritannien eine Bodenoffensive der Israelis im Gaza-Streifen offiziell verurteilen würde, wollte Hague nicht sagen. "Wir müssen die Aktionen beider Seiten beurteilen, nicht nur einer", sagte er.
Der Platz vor der Klagemauer - menschenleer
Hague und Premierminister David Cameron sehen die Hauptverantwortung für die Eskalation der Gewalt bei der Hamas. Der zunehmende Raketenbeschuss aus dem Gaza-Streifen auf Israel sei nicht hinnehmbar, sagte ein Sprecher der Downing Street.
Erstmals seit dem Beginn der israelischen Militäroffensive "Säule der Verteidigung" im Gaza-Streifen schlug am Freitag eine Rakete der Hamas im Großraum von Jerusalem ein - das Geschoss traf unbewohntes Gebiet der Siedlung Gusch Ezion im Westjordanland.
Kurz bevor in Jerusalem die Luftalarm-Sirenen heulten, feierten an der Klagemauer zunächst noch orthodoxe Juden und Jugendgruppen den Beginn des Sabbat. Als mehrere Explosionsgeräusche zu hören waren, brachten sich die Menschen fluchtartig in Sicherheit. Der Platz vor der Klagemauer war binnen weniger Sekunden menschenleer. Vor der Küste Tel Avivs ging in nur 200 Metern Entfernung eine Rakete im Meer nieder. Niemand wurde durch die Angriffe am Freitag verletzt.
Am Freitagmorgen hatte sich Israel zu einer Waffenruhe während eines Kurzbesuchs von Ägyptens Regierungschef Hischam Kandil im Gaza-Streifen bereit erklärt - unter der Bedingung, dass die Hamas ihre Angriffe einstelle. Später warf Israel der Hamas vor, die Feuerpause nicht einzuhalten.
Hunderte Raketen der Hamas
Israel hat nach palästinensischen Angaben einen weiteren Kommandeur der radikal-islamischen Hamas im Gazastreifen getötet. Der Militärchef für den mittleren Abschnitt des Gazastreifens, Ahmed Abu Dschalal, sei zusammen mit zwei seiner Brüder und einem Nachbarn in dem Flüchtlingslager Al-Mughazi von einer Rakete getötet worden, teilte der medizinische Notdienst in dem Gebiet am Mittelmeer mit. Am Mittwoch hatte Israel bereits den Militärchef der Hamas, Ahmed al-Dschabari, getötet.
Seit Mittwoch flog Israel nach Angaben der Armee rund 500 Luftangriffe. Im selben Zeitraum feuerte die Hamas demnach knapp 300 Raketen auf israelisches Gebiet ab. Drei Israelis starben. Nach palästinensischen Angaben wurden mehr als 20 Palästinenser getötet und mehr als 230 weitere verletzt.
Im Westjordanland gingen Tausende Palästinenser aus Protest gegen Israels Offensive auf die Straße. Der bewaffnete Arm der Hamas richtete nach Angaben eines Mitglieds, das nicht namentlich genannt werden wollte, einen "Kollaborateur" hin, der Israel über Raketenstellungen der Hamas informiert habe.
Ein Uno-Sprecher kündigte am Freitag an, Generalsekretär Ban Ki Moon werde "in Kürze" in den Gaza-Streifen reisen. Auch Palästinenserpräsident Mahmud Abbas bestätigte den Plan. Nach seinen Angaben soll der Besuch "in zwei oder drei Tagen" stattfinden. Laut Uno-Diplomaten will Ban auch nach Jerusalem reisen.
Ägyptens Präsident Mohammed Mursi verurteilte Israels Vorgehen als "unverhüllten Angriff auf die Menschlichkeit" und sicherte den Palästinensern die Solidarität seines Landes zu. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief Mursi auf, seinen "Einfluss auf die Hamas geltend zu machen".
hen/gri/lgr/dpa/dapd/Reuters/AFP

