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24.11.2012
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Nach dem Waffenstillstand

Die fleißigen Tunnelgräber von Rafah

Aus dem Gaza-Streifen berichtet
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SPIEGEL ONLINE

Die Tunnel nach Ägypten waren ein Ziel israelischer Bomben, viele wurden zerstört. Denn unter der Erde überwinden die Palästinenser die Blockade des Gaza-Streifens. Zement, Benzin, Lebensmittel, Waffen - alles kommt über diesen Weg. Die Schmuggler werden bald wieder graben.

Die Schmuggler von Rafah haben gerade nicht so viel zu tun. "Seit den Bombardierungen bin ich arbeitslos", sagt Ahmed. Normalerweise ist es sein Job, Baumaterial durch den Tunnel zu schleppen, Zement und Kies, der Ägypten mit dem Gaza-Streifen verbindet, und den Tunnel in Stand zu halten. Immer wieder rieselt Sand von der Decke.

Doch nun kommen erst einmal keine Waren mehr durch die unterirdische Schmuggelroute: Ein Großteil der Tunnel in Rafah wurde durch die israelischen Bombenangriffe zerstört.

Ahmed inspiziert die Schäden in dem trostlosen, sandigen Grenzgebiet. "Wir müssen die meisten Eingänge wieder neu graben lassen", sagt er. Zuletzt, am Mittwoch, dem Tag des Waffenstillstands, hatte Israel noch den Tunnel für Zement, den Tunnel für Benzin und den Tunnel für Personenverkehr zerstört. Die Wirtschaft im Untergrund ist ein reglementierter Markt. Jeder Tunnel hat eine bestimmte Funktion.

Israel hofft, mit den achttägigen Bombenangriffen auf den Gaza-Streifen die Kämpfer der Hamas geschwächt zu haben. Man habe über 1500 "terroristische Ziele" bombardiert, erklärte die israelische Armee, wozu sie auch die Tunnel in Rafah zählt. Denn durch die Tunnel kommen außer Zement, Benzin, Medikamenten, Kleidung, Essen und sonstigen Alltagsgegenständen Waffen, Munition, Sprengstoff und Raketenteile für die Hamas.

Alle Grenzpunkte sind fest in israelischer Hand

Insbesondere die iranischen Fadschr-Raketen, die bis nach Tel Aviv und Jerusalem fliegen, sollen in Einzelteilen unterirdisch in den Gaza-Streifen gekommen und dort zusammengebaut worden sein. Jerusalem glaubt, dass es alle Nachschub-Routen abschneiden muss, um zu verhindern, dass ständig Hamas-Raketen seine Bevölkerung terrorisieren.

Gazas Meeresgrenze und alle Überland-Grenzpunkte sind fest in israelischer Hand außer Rafah, das von Kairo kontrolliert wird. Zusammen bestimmen Israel und Ägypten, was in den Gaza-Streifen offiziell hinein- und herauskommt. Seit der Machtübernahme der Hamas 2006 setzen sie eine Blockade durch, die auch durch den Präsidentenwechsel in Ägypten und einigen israelischen Lockerungen nicht wesentlich erleichtert wurde. Als Schlupfloch nach Gaza bleiben die Schmuggel-Tunnel. Gegen die kommt Israel nicht an.

Ägypten tut zwar immer wieder ein bisschen - mal beginnt es mit dem Bau einer unterirdischen Mauer gegen die Tunnel, mal zerstört es ein paar der Routen. Doch mit Präsident Mohammed Mursi, dessen Muslimbruderschaft der Hamas nahesteht, hat der Handel erst einmal zugelegt. Nach einem Anschlag von radikalen Islamisten auf der Sinai-Halbinsel ließ aber auch er ein paar Tunnel zerstören, weil die Täter aus Gaza gekommen sein sollen.

Das israelische Militär hat in den vergangenen Jahren immer wieder Bomben auf die Tunnel abgeworfen. Zuletzt hat es im Gaza-Krieg 2008 einen Großteil zerstört. Teile der unterirdischen Versorgungswege stürzten in sich zusammen. Die Palästinenser gruben sie fix wieder frei.

Das Geschäftsmodell ist schlicht zu gut, um es aufzugeben. Ahmeds Chef, der Besitzer des Zement-Tunnels, schätzt, dass ihn die Reparaturarbeiten 50.000 Dollar kosten werden - eine Summe, die er in ein paar Monaten als Gewinn wieder drin haben wird. Auf ägyptischer Seite ist der Tunnel noch heil, denn dort kann Jerusalem schlecht bombardieren. Lediglich der Eingang müsse neu gegraben werden. Einen Monat, schätzt er, dürfte dies dauern, dann kann wieder geschmuggelt werden. Insgesamt schätzt Omar Shaaban, ein Wirtschaftswissenschaftler am Gaza-Think-Tank Palthink, den Umsatz im Untergrund auf über eine halbe Milliarde Dollar pro Jahr.

Die Bomben haben viele, aber nicht alle Tunnel zerstört

Das triste Rafah ist zum Tunnelbauen wie geschaffen. Die palästinensische Stadt wurde zwischen Ägypten und Israel aufgeteilt. Der Großteil liegt im Gaza-Streifen. Nur ein paar hundert Meter entfernt stehen die Häuser vom benachbarten ägyptischen Teil.

Ähnlich wie in Berlin zu Zeiten des Kalten Krieges zieht sich die Rafah-Grenze mitten durch Familien. Anfangs grub man, um Verwandte wiederzusehen. Nun bespricht man sich mit den Cousins auf der anderen Seite, wessen Garten oder Haus man als Tunneleingang nutzen kann - gegen Nutzungsgebühr versteht sich.

"Die Bomben haben viele, aber nicht alle Tunnel zerstört", sagt Ahmed über den jüngsten Krieg. Am härtesten dürfte dies wohl erst einmal die Menschen in Gaza treffen. Denn damit kommen auch weniger zivile Güter ins Land.

Mit der Rückkehr zum normalen Leben haben sich am Freitag in Gaza schon wieder Schlangen vor den Tankstellen gebildet. Es mangelt an Benzin, es mangelt an Zement, es mangelt an allem. In Rafah ragen auf vielen Häusern die Pfeiler für das nächste Stockwerk in den Himmel. Der Weiterbau wird eingestellt, bis die nächste unterirdische Materiallieferung kommt.

"Wir werden wahrscheinlich in den nächsten Wochen anfangen, den Zement-Tunnel reparieren zu lassen", sagt Ahmed. Den Schmugglern das Leben schwermachen, würde wohl nur eine Öffnung der Grenzen für den Waren- und Personenverkehr. Dies steht als Forderung in dem am Mittwoch geschlossenen Waffenstillstandsabkommen. Jerusalem hat aber schon signalisiert, man sei bereit über die Blockade zu sprechen, nicht aber sie aufzuheben.

Bis es dazu vielleicht einmal kommt, lohnt sich für Ahmeds Chef die Buddelei.

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