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25.11.2012
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Kataloniens Separatisten

Unabhängigkeit über alles

Ein Gastbeitrag von Lluis Fox

Sie wählen eigentlich nur ein neues Regionalparlament, aber es geht den Katalanen vor allem um das "Entscheidungsrecht" - ein Referendum über die Abspaltung von Spanien. Brennende Themen wie Arbeitslosigkeit, Bildung oder Gesundheit blendet der Wahlkampf völlig aus.

Diese Wahlkampagne hat den entschiedenen Vorteil, dass sie sich sicher nur um ein Thema dreht. Ein Thema, das die Katalanen beschäftigt, interessiert und beunruhigt. Ein einziges Thema. Wir erörtern es an der Theke, zu Hause, im Geschäft und auf der Straße. Wenn ich einen Sender einstelle, der nicht über das Thema berichtet, frage ich mich bestürzt, ob ich noch in meinem Land lebe.

Das Thema ist allgegenwärtig, es durchdringt und umschließt alles. Im Fernsehen wird ständig und überzeugend davon gesprochen. Das Thema bewegt sich auf allen Ebenen und in alle Richtungen. Ich habe nordamerikanische, britische, deutsche, italienische und schwedische Journalisten empfangen, die mir Fragen dazu stellen.

Es sieht ganz so aus, als ob das Thema, über das am Sonntag abgestimmt wird, auf der Tagesordnung des Weißen Hauses, des Kremls und des Volkspalasts in Peking stehen würde. Paris, London und Berlin hängen an unseren Lippen und verfolgen gespannt unser Thema. Der irische Schriftsteller James Joyce soll einmal einen Landsmann gefragt haben: "Wenn wir schon nicht das Land wechseln können, könnten wir wenigstens das Thema wechseln?" Bei uns lautet die Antwort: Nein, das Thema bleibt das Thema.

Taktiken der Separatisten

Thema ist, dass wir uns am Sonntag für verschiedene Parteien entscheiden können, die eine Befragung über das Entscheidungsrecht ankündigen, ein Euphemismus für die Unabhängigkeit der Region, die einige schon sehr bald sehen, andere für die kommende Legislaturperiode versprechen und die dritten in weiter Ferne wähnen. Die Separatisten haben nicht alle dieselben Taktiken, Strategien und Zeitpläne. Aber die Wahl am Sonntag verleiht ihnen ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Thema.

Die Gegenfront, die Gegner des Themas, sehen die Lage ganz anders. Die Volkspartei, die die Regierung in Madrid stellt, rührt die politische Medientrommel, als ob der Weltuntergang vor der Tür stünde. Die Ciutadans - anti-nationalistisch, Mitte links - interessieren sich weniger für das Thema, sondern eher für Sujets, die der Regierung peinlich sind. Die Sozialisten wollen die Straßen der Innenstadt besetzen, haben aber so viele Anhänger verloren, dass sie nun am Rand des Abgrunds stehen.

In den Fischhandlungen und Gemüseläden sind kaum Politiker zu sehen. Sie fürchten wohl, man könne ihnen vorwerfen, dass es neben dem Thema noch andere Probleme gibt. Arbeitslosigkeit ist wohl das schwerwiegendste. Sozialhilfe, Bildung, Gesundheit, Sicherheit, Korruption und Menschlichkeit sind aus dem politischen Diskurs verschwunden.

Übersetzung von Claudia Reinhardt.

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insgesamt 48 Beiträge
1. Soziale Verantwortung?
spongie2000 25.11.2012
Die Menschen sind eben doch egoistisch. Sobald man arm ist, haben alle anderen eine "soziale Verantwortung und historische Bindung" - und verlangt Geld. Sobald man selber genug hat, ist plötzlich Unabhängigkeit im [...]
Die Menschen sind eben doch egoistisch. Sobald man arm ist, haben alle anderen eine "soziale Verantwortung und historische Bindung" - und verlangt Geld. Sobald man selber genug hat, ist plötzlich Unabhängigkeit im Gespräch.
2.
querollo 25.11.2012
Wohl wahr, denn auch hier in Katalonien fordern die Separatisten ja, dass man ein unabhängiger Staat - in Europa sei. Wenn ich das mal übersetzen darf: Wie wollen kein Geld an Madrid abgeben, hätten aber durchaus gern welches [...]
Zitat von spongie2000Sobald man arm ist, haben alle anderen eine "soziale Verantwortung und historische Bindung" - und verlangt Geld. Sobald man selber genug hat, ist plötzlich Unabhängigkeit im Gespräch.
Wohl wahr, denn auch hier in Katalonien fordern die Separatisten ja, dass man ein unabhängiger Staat - in Europa sei. Wenn ich das mal übersetzen darf: Wie wollen kein Geld an Madrid abgeben, hätten aber durchaus gern welches aus Brüssel. Was aber auch nicht ganz ohne Charme, ist, ist die maßlose Überheblichkeit, mit der die Katalanen glauben, irgendjemand da draußen in der wirklichen Welt, würde sich für sie und ihre Probleme wirklich interessieren. Dass Katalonien für den Rest der Welt schlicht eine Region Spaniens ist - wenn überhaupt bekannt - ist ihnen gar nicht klar. Und dass ihre regionalen Anliegen gegenüber Weltwirtschaftskrise, Dollar-Verfall oder dem meiner Information nach noch immer andauernden Hunger in der Welt vollkommen bedeutungslos ist, kann einfach keiner glauben. Denn tatsächlich werden die Katalanen immer wieder von Ausländern gefragt, worin zum Teufel denn hier der Konflikt bestünde. Dass auf dem Grund dieses Interesses einfach nur Unverständnis und Bestürzung liegt, übersehen sie. Ich halte es also für eine krasse Missinterpretation, wenn Ihr Autor schreibt ---Zitat--- Es sieht ganz so aus, als ob das Thema, über das am Sonntag abgestimmt wird, auf der Tagesordnung des Weißen Hauses, des Kremls und des Volkspalasts in Peking stehen würde. Paris, London und Berlin hängen an unseren Lippen und verfolgen gespannt unser Thema. ---Zitatende---
3. Ablenkung
carlos33 25.11.2012
Die Zeitung El Mundo (rechts angesiedelt, das war das Problem) veröffentlichte ein “Informe” über angebliche Konten von Mas und Pujol in der Schweiz. Pujol soll 137 Millionen beiseit geschafft haben, der Vater von Mas 2,5 [...]
Die Zeitung El Mundo (rechts angesiedelt, das war das Problem) veröffentlichte ein “Informe” über angebliche Konten von Mas und Pujol in der Schweiz. Pujol soll 137 Millionen beiseit geschafft haben, der Vater von Mas 2,5 Millionen, über die er eine Steuernachzahlung akzeptiert hatte. Der Skandal, den ich erwartet hatte, kam nicht! Mas und Pujol verklagten die Zeitung, dass der Bericht nicht autorisiert war. Aufklärung, woher das Geld kommt? Keine! Demokratie? Unabhängigkeit, na klar, damit die Rechtssprechung katalanisch wird und noch mehr unter den Teppich gekehrt werden kann.
4. Kataloniens egozentrischer Wahn
spejismo 25.11.2012
Was hätte Catalunyas Wirtschaft erreicht, OHNE die innere Migration: die Millionen Arbeiter aus Andalusien und Extremadura, zum Beispiel.
Zitat von sysopSie wählen eigentlich nur ein neues Regionalparlament, aber es geht den Katalanen vor allem um das "Entscheidungsrecht" - ein Referendum über die Abspaltung von Spanien. Brennende Themen wie Arbeitslosigkeit, Bildung oder Gesundheit blendet der Wahlkampf völlig aus. Kataloniens Separatisten: Unabhängigkeit über alles - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/kataloniens-separatisten-unabhaengigkeit-ueber-alles-a-869029.html)
Was hätte Catalunyas Wirtschaft erreicht, OHNE die innere Migration: die Millionen Arbeiter aus Andalusien und Extremadura, zum Beispiel.
5. Einseitig
mbarcelona 25.11.2012
Als Kontrapunkt zu diesem Artikel http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-09/leserartikel-katalonien-unabhaengigkeit
Als Kontrapunkt zu diesem Artikel http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-09/leserartikel-katalonien-unabhaengigkeit

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Zerbricht Spanien in der Krise?

Zum Autor

  • Der spanische Journalist Lluis Fox arbeitet seit 1982 für die Tageszeitung "La Vanguardia". Er war stellvertretender Chefredakteur des Blatts und als Korrespondent in London und Washington. Heute schreibt er als Kolumnist über die spanische Politik.

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Wahl in Katalonien

Bedrohte Einheit Spaniens
Bei der vorgezogenen Wahl in Katalonien geht es auch um die Einheit Spaniens. Die Wähler werden indirekt auch darüber abstimmen, ob in der wirtschaftsstärksten Region Spaniens ein Prozess zur Schaffung eines unabhängigen Staates eingeleitet werden soll. Kataloniens Regierungschef Artur Mas hat angekündigt, bei einem Wahlsieg eine Volksabstimmung über die Unabhängigkeit abhalten zu lassen. Mas ließ bislang allerdings völlig unklar, wohin der von ihm eingeschlagene Weg führen soll. Strebt er ein völlig unabhängiges Katalonien an oder einen Staat, der in irgendeiner Form mit Spanien verbunden bleibt?
Hintergründe für das Unabhängigkeitsbestreben
Viele Katalanen machen für ihr Unabhängigkeitsbestreben wirtschaftliche Gründe geltend. "Spanien plündert das katalanische Steueraufkommen, um seine Finanzlücken zu stopfen", sagte Josep Manuel Ximenis, Bürgermeister der Ortschaft Arenys de Munt, der Nachrichtenagentur dpa. "Man behandelt uns wie eine Kolonie." Seine Gemeinde hatte im September 2009 als erste von 550 katalanischen Kommunen ein inoffizielles Unabhängigkeitsreferendum abgehalten. Viele Katalanen wollen auch aus anderen Gründen zu Spanien auf Distanz gehen. Ihre Sprache wird zwar - anders als während der Franco-Diktatur (1939-1975) - nicht mehr unterdrückt, aber sie wird in Spanien nicht als eine Bereicherung gesehen, sondern eher als Störfaktor. In Umfragen sprachen sich zuletzt mehr als 50 Prozent der Katalanen für eine Trennung ihrer Region von Spanien aus, in den vorigen Jahren waren es allenfalls gut 30 Prozent gewesen.
Wie stehen die Chancen der Separatisten?
Nach Umfragen wird Mas die Wahl mit seiner nationalistischen Allianz CiU voraussichtlich zwar gewinnen, aber die absolute Mehrheit verfehlen. Dies dürfte seine Position eher schwächen, auch wenn andere separatistische Parteien wie die Linksrepublikaner (ERC) ihm zur Wiederwahl als Regierungschef verhelfen sollten. Zuletzt flaute die Separatismus-Welle in Katalonien wieder ab. Dies hat vor allem einen Grund: Die EU-Kommission machte deutlich, dass ein unabhängiges Katalonien nicht mehr der EU und der Eurozone angehören könne, sondern seine Aufnahme neu beantragen müsste. Diese Perspektive scheint vielen Katalanen nicht zu behagen.
Position der Zentralregierung
Madrid gibt sich entschlossen, eine Trennung der Region von Spanien mit allen Mitteln zu verhindern. "Niemand wird Katalonien von Spanien und der EU abtrennen", betonte der spanische Ministerpräsident Mariano Rajoy. "Diese Wahl ist noch wichtiger als die spanische Parlamentswahl vor einem Jahr."
Wirtschaftliche Folgen einer Sezession
Mehrere Ökonomen warnten davor, dass eine Sezession für die katalanische Wirtschaft verheerende Folgen hätte. "Ein unabhängiges Katalonien wäre wirtschaftlich lebensfähig, aber es würde alle Katalanen ärmer machen", meinte Francisco Caja von der Universität in Barcelona. Der Warenaustausch mit dem übrigen Spanien würde auf die Hälfte schrumpfen, die katalanische Wirtschaftskraft um 20 Prozent.
Fakten zu Katalonien
Katalonien ist eine der reichsten Regionen Spaniens. Von der Wirtschaftskraft her ist die Region im Nordosten des Landes gar die Nummer eins unter den 17 "autonomen Gemeinschaften" in Spanien. Flächenmäßig ist sie etwa so groß wie Belgien und hat mit 7,6 Millionen Menschen mehr Einwohner als Dänemark oder Finnland. Die Region mit der Hauptstadt Barcelona ist trotz ihrer hoch entwickelten Wirtschaft stark verschuldet. Die Regionalregierung führt dies darauf zurück, dass ein großer Teil der eingenommenen Steuern nicht nach Katalonien zurückfließt, sondern an ärmere Regionen in Südspanien verteilt wird. Die Region hat einen Autonomiestatus und eine eigene Polizei. Die große Mehrheit der Bewohner will mehr Autonomie-Rechte, etwa die Hälfte tritt gar für die Gründung eines eigenen Staates ein.

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