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24.11.2012
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Kongo-Krise

Vormarsch von Makengas Mördertruppe

Von , Nairobi
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REUTERS

Die Rebellengruppe M23 rückt im Kongo immer weiter vor, die selbsternannten Befreier wollen gar die Regierung in Kinshasa stürzen. Die Uno-Schutztruppe musste beobachten, wie unter ihren Augen die Bevölkerung vertrieben wurde. Angeführt wird die Miliz von einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher.

Derzeit scheint es so, als könne die M23-Rebellen im Osten der Demokratischen Republik Kongo kaum jemand mehr aufhalten. Wenn die Truppen aus dem Busch kommen, suchen die meisten Regierungssoldaten ihr Heil in der Flucht. Oder sie ergeben sich und laufen zu den Rebellen über. Denn wer für M23 kämpft, wird auch bezahlt. In der Nationalarmee ist das nicht der Fall.

Nach ihrem militärischen Erfolg in der Provinzhauptstadt Goma, den die M23-Kämpfer "Befreiung" nennen, feierte sich die Truppe ausgiebig. Dann nahm sie die Stadt Sake ein. Mit Goma und Sake kontrolliert M23 jetzt zwei wichtige Städte in der Provinz Nord-Kivu. Als Nächstes stehe nun die Stadt Bukavu auf ihrem Plan, verkündeten M23-Anführer. Und besoffen vom schnellen Erfolg versprach der Sprecher der Miliz, Vianney Kazarama: Das nächste Ziel sei dann die mehr als 1500 Kilometer entfernte Hauptstadt Kinshasa.

Die Miliz war im April von früheren Kämpfern der Tutsi-Rebellen im Kongo gegründet worden. Sie waren im Zuge eines Friedensabkommens am 23. März 2009 in die kongolesische Armee aufgenommen worden - daher der Name. Aus Protest gegen die schlechten Lebensbedingungen verließen die Männer die Armee jedoch wieder und erhoben die Waffen gegen die Regierungstruppen.

Plünderungen, Vergewaltigungen - die Liste der Vorwürfe ist lang

Experten der Vereinten Nationen gehen davon aus, dass die Nachbarländer Ruanda und Uganda die Milizionäre mit Waffen versorgen und ausbilden, um ihren Einfluss in den rohstoffreichen Ostkongo auszudehnen. Ruandas Staatspräsident Paul Kagame und seine Regierung freilich bestreiten das vehement.

Bislang gab sich die M23 als regionale Schutzmacht der Tutsi-Volksgruppe im Ostkongo aus. Nun hat die Truppe ein anderes Ziel: Joseph Kabila, Präsident der DR Kongo, soll abdanken.

Neuer starker Mann in Goma soll seit der Eroberung der derzeitige Anführer der M23, Sultani Makenga, sein. Der Uno-Sicherheitsrat führt den 38-Jährigen auf einer Liste mit Personen, deren Konten wegen Beteiligung an Kriegsverbrechen einzufrieren und deren Reisefreiheit einzuschränken ist. Laut Uno handelt es sich bei Makenga um einen mutmaßlichen Mörder und Vergewaltiger. Er und seine Miliz sollen im Ostkongo Menschen vertrieben, missbraucht, verstümmelt und ermordet haben. Außerdem sollen sie Kindersoldaten rekrutiert haben. In der Region um seine Heimatstadt Rutshuru soll es systematische Vergewaltigungen durch M23 gegeben haben. Ziel der Grausamkeiten soll gewesen sein, die Macht der Truppe zu festigen. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) berichtet zudem von Plünderungen.

Das Mandat ist klar: Schutz der Zivilbevölkerung

Die kriminellen Banden stellen sich meist als Beschützer der Bevölkerung dar und behaupten, Sicherheit zurück in die Region bringen zu wollen. Sie treffen auf ein Machtvakuum, staatliche Ordnung existiert in den Provinzen entlang der Grenze zu Uganda und Ruanda kaum mehr.

Seit bald zwei Jahrzehnten gibt es Unruhen im Kongo. In mehreren Kriegen und unter Beteiligung beinahe aller Nachbarstaaten soll es seit 1997 mehr als drei Millionen Tote gegeben haben, die meisten im Osten des geschundenen Landes.

Mehrere Länder bemühen sich nun um eine Lösung des Konflikts. Ihre Staats- und Regierungsvertreter kamen an diesem Samstag zu Beratungen in der Hauptstadt Ugandas, Kampala, zusammen. Auch der Präsident des Kongo, Joseph Kabila, sowie ein hochrangiger politischer Vertreter der Aufständischen reiste an. Ob es direkte Gespräche zwischen ihnen geben würde, war zunächst unklar.

Bei ihrem Angriff auf Goma war den Rebellen ein Flüchtlingslager mit mindestens 60.000 Menschen im Weg. Vertreter einer Nichtregierungsorganisation in der Region berichten, das Camp sei mittlerweile leer, die Flüchtlinge weit verstreut. Außerdem seien 16 Kinder angeschossen und acht Erwachsene getötet worden. Rund 500 Kinder retteten sich ohne ihre Eltern über die Grenze ins ruandische Gisenyi. Wie die ARD berichtet, leben seit dieser Woche 11.000 Flüchtlingsfamilien auf der ruandischen Seite der Grenze, wenige Kilometer außerhalb Gomas. Insgesamt sind derzeit rund 100.000 Menschen auf der Flucht.

Die Gegenwehr war offenbar zu gering

Eine unrühmliche Rolle spielten beim Fall Gomas die Schutztruppen der Uno. Bis zu 19.000 Soldaten darf die Monusco-Truppe zum Schutz der Zivilbevölkerung laut Resolution des Uno-Sicherheitsrats im Kongo umfassen. Das Mandat ist klar formuliert: Schutz der Zivilbevölkerung vor bewaffneten Gruppen mit allen nötigen Mitteln.

In Nord-Kivu sind rund 6700 Blauhelmsoldaten stationiert, allein 1400 Blauhelme waren in Goma, als etwa tausend M23-Kämpfer am Montag anrückten. Der britische Kommandant Adrian Foster, stellvertretender Oberbefehlshaber der Monusco-Blauhelme, führte dem amerikanischen Nachrichtensender CNN noch einen Tag vor dem Fall Gomas vor, aus welcher Richtung die Rebellen kommen würden und wie seine Soldaten die Stadt verteidigen wollen.

Generalmajor Foster sagte, seine Truppen seien immer wieder überrascht von der Mannstärke und dem taktischen Geschick der M23-Rebellen. Die Miliz habe öfter darüber gesprochen, dass sie Goma angreifen könnte. "Nur ob sie diese Fähigkeit auch haben, ist die strittige Frage", so Foster am vergangenen Wochenende.

Keine 48 Stunden später war die Frage beantwortet. Den internationalen Helfern hatten die Uno-Verantwortlichen in Goma bereits am Sonntag mitgeteilt, sie sollten sich in Sicherheit bringen. Laut Uno versuchten die Blauhelmtruppen noch mit Hubschrauberangriffen, die Rebellen zu stoppen. Aber die Gegenwehr war offenbar zu gering.

An diesem Samstag haben Blauhelmsoldaten über eine Luftbrücke nun Dutzende Menschen in Sicherheit gebracht. Unter den 76 Geretteten sollen Richter, Regierungsvertreter, Polizisten, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten sein. Sie wurden in Uno-Stützpunkte gebracht, so der Sprecher der Friedenstruppen, Kieran Dwyer.

Das Nachsehen hat im Ostkongo die Zivilbevölkerung. Während die M23-Kämpfer im Süden neue Massenfluchten auslösen, hat sich die Lage in Goma zum Ende der Woche beruhigt. In den nächsten Tagen werden die geflohenen Helfer aus dem ruandischen Gisenyi zurück über die Grenze kommen, die Trümmer und das Elend begutachten, Familien zusammenführen, Hilfsgüter und Kleidung verteilen. In der Region der großen Seen ist gerade Regenzeit, mit den Überschwemmungen steigt die Gefahr einer Choleraepidemie. Befreit fühlen dürften sich durch den Rebellenkrieg kaum jemand.

Forum

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insgesamt 108 Beiträge
1.
Zephira 24.11.2012
Jede Zivilisation muss ihre eigene Evolution durchlaufen. Und die europäische und amerikanische Geschichte beweisen, dass dazu auch blutige Revolutionen gehören. Es ist absurd, afrikanischen Gesellschaften diese Entwicklung nun zu [...]
Jede Zivilisation muss ihre eigene Evolution durchlaufen. Und die europäische und amerikanische Geschichte beweisen, dass dazu auch blutige Revolutionen gehören. Es ist absurd, afrikanischen Gesellschaften diese Entwicklung nun zu verweigern.
2. Überall das selbe SPIEL . . . mit dem Tod
spejismo 24.11.2012
Wenn böse Kinder, böse Spielzeuge KRIEGen . . .
Zitat von sysopDie Rebellengruppe M23 rückt im Kongo immer weiter vor, die selbsternannten Befreier wollen gar die Regierung in Kinshasa stürzen. Die Uno-Schutztruppe musste beobachten, wie unter ihren Augen die Bevölkerung vertrieben wurde. Angeführt wird die Miliz von einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher. Kongo-Krise: Vormarsch von Makengas Mördertruppe - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/kongo-krise-vormarsch-von-makengas-moerdertruppe-a-869079.html)
Wenn böse Kinder, böse Spielzeuge KRIEGen . . .
3. UNO-Truppen auswechseln
olivar666 24.11.2012
Die verantwortlichen UNO-Truppen bzw. ihre Offiziere müssen natürlich sofort entlassen werden.
Die verantwortlichen UNO-Truppen bzw. ihre Offiziere müssen natürlich sofort entlassen werden.
4.
denkdochmalmit 24.11.2012
wo sind die Drohnen wenn man die mal wirklich braucht...?
wo sind die Drohnen wenn man die mal wirklich braucht...?
5.
LeisureSuitLenny 24.11.2012
Wirtschaftlich gesehen ist das ganze eine sehr delikate Sache. Es verdienen die Lieferanten der Kriegsparteien, die der UNO und am besten noch die der Bundeswehr. Alle verdienen, nur die Menschen verlieren. Ändern tun wir da [...]
Zitat von sysopDie Rebellengruppe M23 rückt im Kongo immer weiter vor, die selbsternannten Befreier wollen gar die Regierung in Kinshasa stürzen. Die Uno-Schutztruppe musste beobachten, wie unter ihren Augen die Bevölkerung vertrieben wurde. Angeführt wird die Miliz von einem mutmaßlichen Kriegsverbrecher.
Wirtschaftlich gesehen ist das ganze eine sehr delikate Sache. Es verdienen die Lieferanten der Kriegsparteien, die der UNO und am besten noch die der Bundeswehr. Alle verdienen, nur die Menschen verlieren. Ändern tun wir da sowieso nichts, die Afrikaner machen nicht plötzlich einen Evolutionssprung nur weil wir da ein paar SozPäds mit blauen Helmen hinstellen.

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