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07.12.2012
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Berlusconis "Bunga-Bunga"-Feste

"Wir haben gespielt und pe-pe-pe-pe-pe gesungen"

Von
AP

Silvio Berlusconi inszeniert sich vor Gericht als Wohltäter. Hunderttausende Euro verteilte er an die Mädels auf seinen "Bunga-Bunga"-Partys - angeblich zum Namenstag und fürs Studium. Sex? Den soll es nie gegeben haben, behaupten die Damen. Wer soll das glauben?

Es war alles ganz anders. Die Geschichte von Silvio Berlusconi und seinen rauschenden Orgien in der Villa in Arcore muss umgeschrieben werden - wenn das stimmt, was viele junge, schöne Frauen in diesen Tagen vor Gericht in Mailand aussagen. Weil er ein großes Herz hat, weil er nett ist, hat Italiens Ex-Premier die Schönheiten mit Geld und Schmuck, mit Jobs und Wohnungen ausgestattet, behaupten diese Zeuginnen. Und weil er so ein guter Mensch ist, zahlt er vielen von ihnen seit Prozessbeginn regelmäßig 2500 Euro im Monat.

Gleich zwei Gerichtsverfahren in Mailand arbeiten die geselligen Feierabende im Hause Berlusconi ab. Das eine richtet sich gegen den Gastgeber: wegen Förderung der Prostitution Minderjähriger und Amtsmissbrauch. 13-mal, so die Staatsanwaltschaft, habe er im Jahre 2010 die damals minderjährige Marokkanerin Karima el-Marough, Künstlername: "Ruby Rubacuori" (Herzensbrecherin), für Sex bezahlt.

Bei dem anderen Prozess stehen zwei langjährige Kumpel und eine Freundin Berlusconis unter Anklage. Sie sollen die Mädchen - Schönheitsköniginnen, Wetterfeen, Showgirls, Studentinnen, Tänzerinnen - für die Abende in Arcore besorgt und die Feste organisiert haben. Oft waren demnach mehr als ein Dutzend Jungfrauen mit von der Partie. Von Förderung der Prostitution spricht die Staatsanwaltschaft.

Alle waren nackt - oder?

Alles Unsinn, sagt Berlusconi, mit den geladenen jungen Damen habe er im großen Speisesaal der Villa zu Abend gegessen, habe mit ihnen "über Sport, Politik und Klatsch" parliert. Manchmal habe man auch gesungen. Aber "Szenen sexueller Art" hätten sich in seinem Haus nie abgespielt. Und "Bunga-Bunga" sei nur ein witziger Ausdruck gewesen.

Ja, so war das, bestätigen die jungen, schönen Festdamen. "Wir haben 'der kleine Zug' gespielt und dazu 'pe-pe-pe-pe-pe' gesungen", berichtet zum Beispiel Zeugin Imma. Und Zeugin Ionna gibt zu, ja, die Nicole hätte einmal eine Art Striptease gemacht. Aber die hätte sich dabei natürlich nicht nackt ausgezogen, sondern eher Ballett getanzt, wie man es in Paris, im Pigalle, sieht. Nackt gab es nicht, geschweige denn mehr.

Nun ja, als die junge Ruby zum ersten Mal von Staatsanwälten befragt wurde, erzählte sie freimütig, wie die Gesellschaften sich nach dem Essen im Stockwerk unter dem Speisesaal vergnügten: Alle Frauen zogen sich aus, "waren komplett nackt", nur Ruby nicht. Sie sei eine "Novizin" und wolle nicht sofort bei den Übungen mitmachen, hätte sie den übrigen Damen erklärt. Und während sie dem Hausherrn immer wieder mit einem "Sanbitter"-Getränk zu Diensten war, machten die übrigen mit "immer gewagteren sexuellen Präsentationen" auf sich aufmerksam. Später ging es dann nackt ins hauseigene Schwimmbad. Und wie es danach weiterging, das ist die große offene Frage.

No Sex, no Drugs, no Rock'n Roll

Nach den Aussagen der Zeuginnen vor den Mailänder Richtern jedenfalls war Sex in Arcore nicht angesagt. Auch Ruby hat inzwischen eine ganz andere Wahrnehmung. No Sex, no Cocaine. Es war wohl eher wie bei einer weihnachtlichen Bescherung. Goldene Armbänder und Ringe, Rolex-Uhren und Geldbündel fielen quasi vom Himmel, abgeworfen vom bislang offenbar völlig verkannten guten Onkel Silvio, der von sich selbst schon immer sagt, er sei "ein Mensch mit gutem Herzen", immer bereit, Menschen in einer Notlage zu helfen. Und so half er eben den Girls, die ihn besuchten:

Berlusconi und die vierzig Frauen

Aris, Imma, Eleonora... Etwa vierzig junge Frauen waren mehr oder weniger regelmäßig zu Gast in Arcore. Das hat Berlusconi selber einmal so geschätzt. Nicht alle bekamen Bargeld. Giovanna zum Beispiel hat Berlusconi nie mit Geld gefüllte Umschläge zugesteckt. Sie hat einen Vertrag bekommen, bei Berlusconis Firma Mediaset, mit einem Gehalt von 50.000 Euro im Jahr. Andere bekamen zwischendurch auch mal ein Auto. Und alle, die jetzt als Zeuginnen der Verteidigung in Mailand aufmarschieren, können nur bestätigen: Silvio Berlusconi hat nur gegeben, nichts genommen. Nichts Anzügliches, kein Begrabschen, keine Orgien, kein Sex - die "Bunga-Bunga"-Nächte waren nichts als verlängerte Abendessen. Unschuldig und gesittet.

Das kann auch Berlusconis Haus- und Hofsänger, Mariano Apicella, glaubwürdig bezeugen. Diesen hatte Silvio, der gute Mensch von Arcore, vor vielen Jahren in einem Lokal in Neapel singen hören und war spontan begeistert. Seither tritt der Barde nur noch privat auf, im Berlusconi-Wunderland. Klar war der auch beim "Bunga-Bunga" meist dabei. Und "nie" hat er dort gesehen, "dass Silvio die Hände nach den Gästen ausstreckte". Im Gegenteil. Ihm, dem armen Mariano, hat der reiche Silvio erst wieder kürzlich die Hand gereicht. Er hat ihm ein Häuschen zu einem guten - Neider sagen: zu einem völlig überhöhten - Preis abgekauft.

Nur die Staatsanwälte geben trotz allem keine Ruhe. Sie schleppen stapelweise die Aussagen der Frauen bei früheren Vernehmungen an, die Abschriften abgehörter Telefonate, die Berichte von Freundinnen und Verlobten. Darin ist dann von sexuellen Exzessen die Rede, die manche der jungen Damen als "schrecklich" oder "ekelhaft" beschrieben haben sollen.

Ein Premier, die Polizei und die Nichte eines Präsidenten

Die Staatsanwälte nehmen dem gütigen Berlusconi nicht einmal die rührende Geschichte mit der kleinen Ruby ab. Als diese am 27. Mai 2010 - etwa drei Monate nach ihrer Einführung in Arcore - unter Diebstahlverdacht festgenommen wurde, rief der besorgte Regierungschef, obgleich auf Staatsreise in Frankreich, umgehend persönlich bei der Polizei an, um Schlimmeres zu verhüten. Die 17 Jahre alte Marokkanerin el-Marough hatte nämlich keine gültige Aufenthaltserlaubnis und wurde schon wegen weiterer Eigentumsdelikte gesucht.

Doch um Italien vor politischen Problemen zu bewahren, fand der Ministerpräsident es wohl besser, sie sofort freizulassen. Es handele sich nämlich - und das glaubte Italiens Regierungschef ganz fest und ganz wirklich, sonst hätte er es ja den Polizisten nicht gesagt - um die Nichte des damaligen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak.

Und auch aus dieser Freundlichkeit will die Justiz Berlusconi einen Strick drehen und klagt ihn des Amtsmissbrauchs an. Dabei erinnert sich auch die Zeugin Ioanna - die hübsche Studentin mit Monatssalär und Unikosten-Erstattung, siehe oben - gut an Ruby. Die habe sich in Arcore "als 24-jährige Ägypterin" vorgestellt und erzählt, "ihr Vater habe sie ganz schlecht behandelt".

Warum sollte der arme Berlusconi daran zweifeln?

Forum

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insgesamt 66 Beiträge
1. Der wird wiedergewählt
addit 07.12.2012
Da gehe ich jede Wette ein. Armes Italien!
Da gehe ich jede Wette ein. Armes Italien!
2. hopam
morphium84 07.12.2012
bungnam Style
bungnam Style
3.
brazzo 07.12.2012
Es sollte ihm zumindest angerechnet werden, daß er es schaffte ein ernstes Gesicht bei seiner Aussage zu machen. Realsatire pur.
Zitat von sysopAPSilvio Berlusconi inszeniert sich vor Gericht als Wohltäter. Hunderttausende Euro verteilte er an die Mädels auf seinen "Bunga-Bunga"-Partys - angeblich zum Namenstag und fürs Studium. Sex? Den soll es nie gegeben haben, behaupten die Damen. Wer soll das glauben? http://www.spiegel.de/politik/ausland/prozess-berlusconi-inszeniert-sich-vor-gericht-als-wohltaeter-a-870892.html
Es sollte ihm zumindest angerechnet werden, daß er es schaffte ein ernstes Gesicht bei seiner Aussage zu machen. Realsatire pur.
4. tja
mane1543 07.12.2012
Was soll man da noch sagen. Der arme... alternativ hätte man ja auch noch Außerirdische oder ein paralleles Universum ins Spiel bringen können. Aber so ist es auch schon recht "interessant". Alles andere als eine [...]
Was soll man da noch sagen. Der arme... alternativ hätte man ja auch noch Außerirdische oder ein paralleles Universum ins Spiel bringen können. Aber so ist es auch schon recht "interessant". Alles andere als eine Verurteilung mit Gefängnisaufenthalt wäre eine Frechheit.
5.
neoliberaler_kapitalist2 07.12.2012
Ich verstehe ehrlich gesagt das Problem überhaupt nicht. Seit bald schon Jahren wird da so ein aufhebens um diese ficki-ficki Geschichte gemacht, wo ist denn jetzt überhaupt irgendwo was schlimmes passiert? Weil die 17 [...]
Zitat von sysopAPSilvio Berlusconi inszeniert sich vor Gericht als Wohltäter. Hunderttausende Euro verteilte er an die Mädels auf seinen "Bunga-Bunga"-Partys - angeblich zum Namenstag und fürs Studium. Sex? Den soll es nie gegeben haben, behaupten die Damen. Wer soll das glauben? http://www.spiegel.de/politik/ausland/prozess-berlusconi-inszeniert-sich-vor-gericht-als-wohltaeter-a-870892.html
Ich verstehe ehrlich gesagt das Problem überhaupt nicht. Seit bald schon Jahren wird da so ein aufhebens um diese ficki-ficki Geschichte gemacht, wo ist denn jetzt überhaupt irgendwo was schlimmes passiert? Weil die 17 war? Ja mein Gott. Heutzutage gibt es doch selbst unter den 16. jährigen kaum noch Jungfrauen, und man darf auch mit 16 schon heiraten. Es scheint nun wohl auch nicht so gewesen zu sein das da irgendwas unfreiwillig statt gefunden hat. Alle seiten sind zufrieden, NUR die Staatsanwaltschaft nicht? Ja sind wir jetzt schon wieder so weit, das dritte Parteien über das Privat- und Sexleben bestimmen dürfen?

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