Lade Daten...
06.12.2012
Schrift:
-
+

Gewalt in Ägypten

Mursi-Berater treten aus Protest zurück

DPA

Anti-Mursi-Protest in Kairo: Der ägyptische Präsident sucht einen Ausweg aus der Krise

Ägyptens umstrittener Präsident Mursi verliert immer mehr enge Unterstützer: Aus Protest gegen die Gewalt auf der Straße erklärten jetzt weitere Berater des Staatschefs ihren Rücktritt. Offenbar will Mursi in dem Konflikt mit der Opposition bald eine Erklärung abgeben.

Kairo - Was macht Mohammed Mursi? Die Ägypter warten darauf, wie der umstrittene Präsident einen Ausweg aus der Staatskrise finden will. Auf Kairos Straßen eskalierte zuletzt die Gewalt, mindestens fünf Menschen starben bei brutalen Kämpfen zwischen Anhängern und Gegnern des Staatschefs. Während es zunächst geheißen hatte, Mursi plane eine Ansprache noch für den Donnerstag, war später nur noch von einer möglichen Stellungnahme in der Nacht die Rede. Die wiederholte Verschiebung der Rede deuten Beobachter als Zeichen, dass hinter den Kulissen die verschiedenen Interessengruppen um eine Lösung des Konflikts ringen.

Der Nachrichtensender al-Arabija meldete, Mursi wolle in der Nacht eine "wichtige Entscheidung" bekanntgeben. Sicher ist: Die Unterstützung für Mursi in seinem engeren Umfeld schwindet. Laut einem Bericht der "New York Times" traten zuletzt mehrere Berater des Staatschefs aus Protest gegen die Gewalt auf der Straße zurück. Demnach zog sich am Donnerstag der Direktor des staatlichen Rundfunks zurück. Auch Rafik Habib, koptischer Christ und Vizepräsident der Partei der Muslimbruderschaft, erklärte seinen Rücktritt. Zuvor hatte demnach Zaghoul al-Balishi dem Staatschef den Rücken gekehrt: Der Generalsekretär der Kommission, die das für nächste Woche vorgesehene Verfassungsreferendum planen soll, hatte laut dem Bericht erklärt, dass er an keinem Referendum teilnehmen wolle, "das ägyptisches Blut vergossen" habe.

In der Nacht zum Donnerstag wurden bei den Ausschreitungen in Kairo und Suez mindestens fünf Menschen getötet. Von sieben Toten und insgesamt 771 Verletzten sprach der arabische Nachrichtensender al-Dschasira am Donnerstagabend unter Berufung auf die Behörden. Die Polizei nahm 150 Verdächtige fest.

Fotostrecke

Krawalle in Ägypten: Soldaten auf Kairos Straßen
Insgesamt seien inzwischen neun Vertreter des Mursi-Stabes zurückgetreten, berichtete die "New York Times". Am Mittwoch hatten sich drei Berater zurückgezogen. Der Politologe Seif Abdel Fatah hatte seinen Rücktritt in einem tränenreichen Interview mit dem TV-Sender al-Dschasira live verkündet. Er erklärte, die komplette Elite des Landes sei eigennützig und habe nicht die Interessen der Bevölkerung im Blick. Der Website der Kairoer Tageszeitung "al-Shorouk" zufolge hatten sich auch Eiman al-Sajed und der Fernsehmoderator Amr al-Laithi aus dem Beratergremium zurückgezogen.

Am Donnerstag wurde auch vor Mursis Haus in der Stadt Sagasig, 80 Kilometer nördlich von Kairo, demonstriert. Die Polizei ging mit Tränengas gegen mehrere hundert Demonstranten vor, wie aus ägyptischen Sicherheitskreisen verlautete.

Die Republikanische Garde errichtete am Donnerstagnachmittag einen Schutzwall vor dem Präsidentenpalast und forderte die Demonstranten auf, sich zurückzuziehen. Die Anhänger der Muslimbruderschaft hielten sich daran und zogen ab. Einige Mursi-Gegner aber demonstrierten weiter, und andernorts gab es erneut Krawalle. Ob Mursi den Verfassungsstreit nun doch mit einem Kompromissvorschlag lösen will, blieb bis zuletzt unklar.

Im Präsidentenpalast empfing Mursi nach Informationen der Zeitung "al-Masry al-Youm" Justizminister Ahmed Mekki. Es hieß, man suche nach einem Ausweg aus der aktuellen Krise.

Nach Angaben des Gesundheitsministerium wurden in der Nacht zum Donnerstag fünf Leichen in die Krankenhäuser im Osten der Stadt gebracht. Ärzte bemühten sich außerdem, das Leben eines Fotografen der Zeitung "al-Fagr" zu retten. Er war bei den Krawallen vor dem Präsidentenpalast von einem Geschoss am Kopf getroffen und später für klinisch tot erklärt worden.

Die Krawalle vor seinem Regierungssitz hatten am Mittwoch begonnen, als Muslimbrüder Zelte zerstörten, die Aktivisten aus Protest gegen die Machtpolitik der Islamisten vor dem Präsidentenpalast aufgebaut hatten. Die Zusammenstöße zwischen den Oppositionellen und Anhängern der regierenden Islamisten-Parteien waren die heftigsten Ausschreitungen seit dem Amtsantritt Mursis Ende Juni.

Die Republikanische Garde fuhr anschließend mit Panzern vor dem Präsidentenpalast auf. Ein Sprecher betonte, es handele sich nicht um Soldaten der Armee. Zuvor war über einen möglichen Militärputsch spekuliert worden.

Entzündet hatte sich der Streit an einem Dekret Mursis, mit dem dieser seine Machtbefugnisse für die Zeit bis zum Inkrafttreten einer neuen Verfassung auf Kosten der Justiz ausgeweitet hatte. Am 15. Dezember soll über die neue Verfassung abgestimmt werden.

hen/dapd/dpa/Reuters

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 17 Beiträge
1.
XRay23 06.12.2012
Wenn mittlerweile sogar die "Islamisten" sich vom Präsidenten abwenden, wird das interessant. Es wäre nicht all zu weit hergeholt, wenn man sich entschliesst doch einen säkularen Staat zu gründen weil die [...]
Zitat von sysopDPAÄgyptens umstrittener Präsident Mursi verliert immer mehr enge Unterstützer: Aus Protest gegen die Gewalt auf der Straße erklärten jetzt weitere Berater des Staatschefs ihren Rücktritt. Offenbar will Mursi in dem Konflikt mit der Opposition bald eine Erklärung abgeben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-mursi-berater-treten-aus-protest-zurueck-a-871480.html
Wenn mittlerweile sogar die "Islamisten" sich vom Präsidenten abwenden, wird das interessant. Es wäre nicht all zu weit hergeholt, wenn man sich entschliesst doch einen säkularen Staat zu gründen weil die Reibereien sonst niemals aufhören werden.
2. Trennung von Staat und Religion
wolke4 06.12.2012
Zitat aus dem SPON-Artikel zur Rede von Mursi "...am 15. Dezember soll der Entwurf den Ägyptern zum Referendum vorgelegt werden. Er enthält mehrere vage, kontroverse Artikel, die islamischen Gelehrten Möglichkeiten geben [...]
Zitat aus dem SPON-Artikel zur Rede von Mursi "...am 15. Dezember soll der Entwurf den Ägyptern zum Referendum vorgelegt werden. Er enthält mehrere vage, kontroverse Artikel, die islamischen Gelehrten Möglichkeiten geben würden, sich in das Privatleben der Ägypter einzumischen." Genau dass ist das Problem, den wenn den Religiösen eine Möglichkeit gegeben wird sich in das Privatleben der Menschen einzumischen, dann werden die das devinitiv auch machen. Schließlich leben die in dem Wahn, von Gott dazu berufen zu sein. Nicht ohne Grund gewährleistet in einer Demokratischen nur die Trennung von Religion und Staat die persönliche Freiheit.
3. Militärputsch?
sgvs 06.12.2012
Ich werde den Verdacht nicht los, daß da tatsächlich ein Militärputsch läuft. Der Militärrat ist zur Zeit so verdächtig still, als würde er auf den Ruf des "Retters Inder Not" warten. Wer hat Mursi in diese [...]
Ich werde den Verdacht nicht los, daß da tatsächlich ein Militärputsch läuft. Der Militärrat ist zur Zeit so verdächtig still, als würde er auf den Ruf des "Retters Inder Not" warten. Wer hat Mursi in diese Situation hineinempfohlen? Ohne Ergebenheitsadresse des Militärs hätte er sich das nie getraut. Das Militär interessiert sich jedoch vorrangig für die Auszahlbarkeit des Soldes im Besonderen für Offiziere und Untoffiziere. Sollte also für die 2Mrd Militärhilfe von den USA Suadi-Arabien, Katar oder gar Iran eintreten wollen, dann werden wir den nächsten 6-Tagekrieg bekommen und die Levante brennt. Eher ist das jetzt das Schaffen für die Vorraussetzungen für die Willkommenheit eines Putsches.
4. Säkularer Staat?
quimbes 06.12.2012
Zitat von XRay23 anzeigen... Nicht nur die aktuelle Situation in Ägypten lässt erkennen, dass in den arabischen Staaten und anderen Regionen der Welt die Entwicklung demokratischer Staatsreformen nach westlicher Denkart [...]
Zitat von XRay23 anzeigen... Nicht nur die aktuelle Situation in Ägypten lässt erkennen, dass in den arabischen Staaten und anderen Regionen der Welt die Entwicklung demokratischer Staatsreformen nach westlicher Denkart gegenwärtig auf Sand gebaut ist. Und es dürfte auch noch lange so bleiben. Ihre Überlegung nach Gründung eines säkularen Staates - sie ist anerkennenswert. Bleibt nur die Frage: Wo im weitem Erdenrund gibt es solch einen Staat?
5. ...
Mindbender 06.12.2012
"Arabischer Frühling".. Hach, wurde der noch herumposaunt hier im SPON vor einem halben Jahr (?). Nun kehrt wohl die Einsicht ein.
Zitat von sysopDPAÄgyptens umstrittener Präsident Mursi verliert immer mehr enge Unterstützer: Aus Protest gegen die Gewalt auf der Straße erklärten jetzt weitere Berater des Staatschefs ihren Rücktritt. Offenbar will Mursi in dem Konflikt mit der Opposition bald eine Erklärung abgeben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/aegypten-mursi-berater-treten-aus-protest-zurueck-a-871480.html
"Arabischer Frühling".. Hach, wurde der noch herumposaunt hier im SPON vor einem halben Jahr (?). Nun kehrt wohl die Einsicht ein.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Video

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Ägypten
RSS
Rubriken

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten