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13.12.2012
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S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal

Italienische Faxen

Eine Kolumne von Jan Fleischhauer

Grundsätzlich freuen wir uns ja über jeden politischen Unterhaltungskünstler. Doch die angedrohte Rückkehr Silvio Berlusconis in die Politik hat für uns Deutsche eine betrübliche Folge: Den Preis für die Clownerie zahlen die Italiener nicht allein.

Endlich ist die Ursache der italienischen Dauerkrise geklärt: Wir Deutschen sind an allem schuld! Erst haben die deutschen Banken auf Befehl der Bundesregierung ihre italienischen Staatsanleihen abgestoßen und damit eine internationale Verkaufswelle ausgelöst. Dann haben wir, vertreten durch Angela Merkel und Wolfgang Schäuble, dem geschwächten Nachbarn einen rigiden Sparkurs aufgezwungen. Und nun, wo die Krise erwartungsgemäß eskaliert ist, peitschen wir neben Griechenland und Spanien auch dieses Land in die Rezession, bis am Ende nur eine Nation in Europa stehen bleibt: Deutschland.

Originell ist er, der Signor Berlusconi, das kann man nicht anders sagen. Normalerweise sind solche verschwörungstheoretischen Ausbrüche das Signum irgendwelcher Dschungel-Despoten oder iranischen Großparanoiker und nicht das eines Staatsmanns, der rund zehn Jahre die Geschicke eines Landes geleitet hat, das zu den größten Industrienationen der Welt zählt. Eigentlich fehlt nur noch der Verweis auf die Nazis und das Vierte Reich, aber das Jahr ist ja noch nicht zu Ende. So wie es aussieht, beginnt Berlusconi gerade erst, sich warm zu laufen.

Ich gebe zu, ich habe ein Faible für Exzentriker und grundsätzlich überhaupt alle politischen Unterhaltungskünstler. Ich mag deshalb auch Helmut Schmidt und Peter Scholl-Latour. Unser Mann im Herzen des englischen Finanzkapitalismus, der in London ansässige Mitkolumnist Wolfgang Münchau, ist am Mittwoch sogar so weit gegangen, dem Cavaliere zu seiner Kandidatur zu gratulieren, weil damit die Diskussion über das "deutsche Spardiktat" neuen Auftrieb erhalte. Auf der Insel hat man sich immer schon einen besonderen Sinn für Humor bewahrt. Leider sehen nicht alle die Ankündigung des italienischen Buffone so entspannt. Was die Leute davon denken, deren Geld auch ein Wieder-Regierungschef Berlusconi brauchen würde, um den Laden in Schwung zu halten, war an den Kreditmärkten zu sehen: Die Rückkehr-Ankündigung hat Italien seit Montag angeblich etwa sieben Milliarden Euro gekostet.

Deutschland zahlt den Preis für politische Phantasten in Italien

Die für uns Deutsche betrübliche Nachricht ist: Den Preis für die Clownerie tragen nicht nur die Italiener, die im kommenden Frühjahr eine neue Regierung bestimmen müssen. An den Kosten für diese Zirkusnummer sind wir ebenfalls beteiligt, und zwar ohne dass wir die Möglichkeit hätten, über einen Wahlgang darauf Einfluss zu nehmen. Das ist nicht sehr demokratisch, aber so stehen heute die Dinge im vereinten Europa, darüber hilft auch kein Nobelpreis hinweg.

Was von außenpolitischen Vordenkern vornehm als Weltinnenpolitik bezeichnet wird, ist in einem gemeinsamen Währungsraum die Handhabe zur Erpressung. So clever ist ein Mann vom Schlage Berlusconis allemal, dass er das begriffen hat. Die Rechnung ist einfach: Wenn der Euro kollabiert, wären die Folgen für die Italiener verheerend, aber für uns Deutsche noch verheerender. Schon der amtierende Premierminister Monti hat auf dem Krisengipfel in Brüssel im Sommer unverhohlen mit der Katastrophe gedroht, und der galt noch als ein Vertreter der Vernunft und Freund der Deutschen. Man mag sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn der Medienmogul aus Mailand oder ein von ihm gestützter Satrap das Ruder übernimmt. Die Kommentatoren versuchen uns mit dem Hinweis zu beruhigen, dass ein neuerlicher Wahlsieg Berlusconis unwahrscheinlich sei. Aber das hieß es auch beim letzten Mal, bevor er dann die Regierungsgeschäfte übernahm.

Ich habe meine eigenen Erfahrungen mit dem Berlusconismus gemacht, vielleicht sehe ich die Dinge deshalb so pessimistisch. Als ich im vergangenen Jahr anlässlich des Schiffsunglücks vor der Insel Giglio ein paar Witze auf Kosten unser europäischen Nachbarn riss, war das dem "Il Giornale", der von dem Berlusconi-Bruder Paolo geführten Tageszeitung, eine Titelseite wert. Allerdings reichte dem Chefredakteur nicht, was ich geschrieben hatte, deshalb erfand er der Einfachheit halber ein paar Sätze hinzu, um das Ganze mit der Schlagzeile "Wir haben Schettino, ihr habt Auschwitz" abzurunden. Auf so einen Irrsinn muss man erst einmal kommen. Dagegen ist die "Bild"-Zeitung ein kreuzbraves Kirchenblatt.

Viel gefährlicher als die Machiavellisten sind die politischen Phantasten, die selbst an die Version der Wirklichkeit glauben, die sie in die Welt gesetzt haben. Der reine Machtpolitiker ist Realist, das macht ihn zurechnungsfähig und damit kalkulierbar. Wer hingegen über nahezu unbegrenzte Macht oder Reichtum verfügt, neigt dazu, sich eine Wirklichkeit zu schaffen, in der alles so läuft, wie er sich das wünscht. Da bleibt es nicht aus, dass man von der Zahl der Gäste in den Restaurants auf die Gesundheit der Wirtschaft schließt oder die Spreads zwischen deutschen und italienischen Staatstiteln für "faulen Zauber" hält.

Nicht einmal auf die Müllabfuhr ist Verlass

Berlusconis Popularität gründete immer schon darauf, die Wähler in ihren kindlichen Wünschen und Affekten zu bestätigten. "Viele Italiener vergöttern ihn wegen seiner ungeschminkten Gier nach Geld und Macht geradezu, so wie sie Leute bewundern, die als letzte an den Schalter kommen, sich an den anderen vorbeidrängeln und vorne anstellen. Ein Amerikaner, dem ein Händler keine Quittung ausstellt, denkt sofort: 'Wenn der keine Steuern zahlt, wird der Staat versuchen, zu Geld zu kommen, indem er meine Steuern erhöht. Der Mann schadet mir persönlich'. Doch selbst ein italienischer Angestellter, der seine Abgaben auf Heller und Pfennig bezahlt, findet einen Steuerhinterzieher bewundernswert." Das ist nicht mein Urteil, sondern das des Psychoanalytikers und Schriftstellers Sergio Benvenuto, nachzulesen in seinem Aufsatz "Gehirne im Tank", der vor zwei Jahren in "Lettre International" erschienen ist, und da war noch nicht einmal ganz ausgemacht, wohin der Berlusconismus das Land führen würde.

Es ist nicht so, dass die Italiener nicht über die Mittel verfügen würden, ihre Probleme ohne fremde Hilfe in den Griff zu bekommen. Was das private Geldvermögen angeht, liegen sie klar vor den Bundesbürgern. Ausweislich des letzten "Global Wealth Reports" der Allianz besitzt jeder Italiener 42.800 Euro an Nettovermögen, das sind 4000 Euro mehr als ein Deutscher hat. Das Problem ist hier, dass die meisten Italiener keine Veranlassung sehen, über eine Entschuldung ihres Staates nachzudenken. Man kann es den Leuten nicht einmal verdenken: Wenn bei uns nicht einmal auf die Müllabfuhr Verlass wäre, würden wir auch am Sinn regelmäßiger Steuerzahlungen zweifeln.

Aber vielleicht wäre es an der Zeit, Politiker an die Spitze zu holen, die dem Misstand abhelfen, anstatt ihn zu verschlimmern. Nicht zuletzt in der Wahl seiner Repräsentanten beweist sich die Reife eines Volkes.

Forum

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insgesamt 98 Beiträge
1. Grundsätzlich
kdshp 13.12.2012
Ja wenn schon! WIR deutschen profitieren doch auch am meisten von dieser EU und unter dem strich machen wir doch plus ALSO kein grund hier zu jammern!
Zitat von sysopGrundsätzlich freuen wir uns ja über jeden politischen Unterhaltungskünstler. Doch die angedrohte Rückkehr Silvio Berlusconis in die Politik hat für uns Deutsche eine betrübliche Folge: Den Preis für die Clownerie zahlen die Italiener nicht alleine. Fleischhauer über das Comeback von Silvio Berlusconi - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/fleischhauer-ueber-das-comeback-von-silvio-berlusconi-a-872712.html)
Ja wenn schon! WIR deutschen profitieren doch auch am meisten von dieser EU und unter dem strich machen wir doch plus ALSO kein grund hier zu jammern!
2. Über Gebühr
Peter_Lublewski 13.12.2012
Stimmr, allerdings haben wir von dieser Spezies in Deutschland über Gebühr, brauchen Herrn Berlusconi also überhaupt nicht.
Zitat von sysopGrundsätzlich freuen wir uns ja über jeden politischen Unterhaltungskünstler. Fleischhauer über das Comeback von Silvio Berlusconi - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/fleischhauer-ueber-das-comeback-von-silvio-berlusconi-a-872712.html)
Stimmr, allerdings haben wir von dieser Spezies in Deutschland über Gebühr, brauchen Herrn Berlusconi also überhaupt nicht.
3. Wehe wer sich mit den Falschen bettet
GevatterGans 13.12.2012
Jetzt zählen wir bis drei und warten bis die italienischen Schmierfinken von diversen Revolverblättern wieder auf der Matte stehen... Letztlich drückt sich die Dysfunktionalität des heutigen Europas auch darin aus, dass jedes [...]
Jetzt zählen wir bis drei und warten bis die italienischen Schmierfinken von diversen Revolverblättern wieder auf der Matte stehen... Letztlich drückt sich die Dysfunktionalität des heutigen Europas auch darin aus, dass jedes Land sich nach Herzenslust selbst der Lächerlichkeit preisgeben kann, aber am Ende alle Länder dafür zu zahlen haben. Machen wir uns nix vor ohne Euro, könnte es uns egal was für ein Quark Italien zusammenwählt. Das hat uns Kanzler Kohl schon ganz hervorragend konstruiert.
4. Instinktiv
Keycard 13.12.2012
Instinktiv war meine erste Frage nach Bekanntwerden der Rueckkehrgeruechte um Berlusconi ... "Koennen die Italiener wirklich so bescheuert sein?". Irgendwie will mich die Meinung von Experten, dass eine Wiederwahl [...]
Instinktiv war meine erste Frage nach Bekanntwerden der Rueckkehrgeruechte um Berlusconi ... "Koennen die Italiener wirklich so bescheuert sein?". Irgendwie will mich die Meinung von Experten, dass eine Wiederwahl "unwahrscheinlich" sei, nicht so recht beruhigen. Und in der Tat, "nicht zuletzt in der Wahl seiner Repräsentanten beweist sich die Reife eines Volkes", oder eben das Gegenteil...
5.
bias-san 13.12.2012
"Endlich ist die Ursache der italienischen Dauerkrise geklärt: Wir Deutschen sind an allem schuld! Erst haben die deutschen Banken auf Befehl der Bundesregierung ihre italienischen Staatsanleihen abgestoßen und damit eine [...]
"Endlich ist die Ursache der italienischen Dauerkrise geklärt: Wir Deutschen sind an allem schuld! Erst haben die deutschen Banken auf Befehl der Bundesregierung ihre italienischen Staatsanleihen abgestoßen und damit eine internationale Verkaufswelle ausgelöst. Dann haben wir, vertreten durch Angela Merkel und Wolfgang Schäuble, dem geschwächten Nachbarn einen rigiden Sparkurs aufgezwungen. Und nun, wo die Krise erwartungsgemäß eskaliert ist, peitschen wir neben Griechenland und Spanien auch dieses Land in die Rezession, bis am Ende nur eine Nation in Europa stehen bleibt: Deutschland." Gut analysiert, bis auf die Tatsache, dass der rigide Sparkurs auch Deutschland schadet (siehe Exporteinbrüche). Der Rest des Artikels ist wohl ironisch gemeint. Hab jedenfalls entsprechend gelacht...

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