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19.12.2012
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Newtown-Massaker

US-Waffenlobby gerät unter Druck

Von , New York
DPA

Waffen-Show in Chantilly, Virginia (Archivbild): "Schockiert, betrübt und untröstlich"

Das Massaker von Newtown hat die USA in eine Sinnkrise gestürzt. Das Waffenrecht steht massiv in der Kritik, selten wurde die Debatte so emotional geführt. Hunderttausende Amerikaner haben Online-Petitionen für strengere Gesetze unterzeichnet - doch die Waffenlobby rüstet schon zum Gegenangriff.

Das Modell "Disney Princesses" ist für Mädchen, es wird in Rosa und Zartblau angeboten, mit lächelnden Königskindern drauf. "SwissGear" ist eher was für Jungen, in coolem Schwarzgrau. Und dann gibt's noch "Avengers", benannt nach den Comic-Helden.

Die Tornister für Kindergarten und Schule sind nicht billig, sie kosten bis zu 400 Dollar. Dafür bieten sie eine zeitgemäße Besonderheit: Sie sind kugelsicher. "Der Rucksack kann schnell als Schild genutzt werden", wirbt die US-Herstellerfirma Amendment II, "wenn man vom Schauplatz einer Schießerei flüchtet".

Nein, kein schlechter Scherz: Amendment II - benannt nach dem US-Verfassungszusatz, der freien Waffenbesitz garantiert - fertigt Panzerschutz für Soldaten und Cops, aber auch für die kleinsten Zivilisten. Seit dem Massaker von Newtown sind die Kiddie-Rucksäcke die neuen Bestseller. "Wir haben unseren Absatz verdreifacht", prahlt Derek Williams, der Präsident des Unternehmens aus Utah, im Gespräch mit dem Magazin "Mother Jones".

Newtown und die Folgen: Anders als frühere Amokläufe hat dieser die USA in eine tiefe Sinnkrise gestürzt. Waffen sind Amerikas DNA, doch Kinder sind seine Heiligen - wie lässt sich dieser tragische Konflikt nun vereinen? "Freitag hat alles verändert", sagt Joe Scarborough, Polit-Moderator im Kabelsender MSNBC und bisher selbst ein überzeugter Waffenfreund.

In der Tat: Dieses Mal ist es anders. Während Newtown seine Kinder beerdigt, scheinen die Nachbeben stärker zu werden statt schwächer.

"Blut an euren Händen"

CNN zeigt täglich neue Fotos der kleinsten Opfer, untermalt von "Amazing Grace". Hunderttausende Amerikaner haben Online-Petitionen gegen Waffen unterzeichnet. Einzelhandelsketten räumen Gewehre aus den Regalen. Die Aktien von Waffenherstellern brechen ein. Finanzinvestor Cerberus Capital will sich ganz vom Waffengeschäft trennen, wiewohl kaum aus plötzlich entdeckter Moral.

Der Schock zeigt sich vor allem in Washington. Dort tobt die Debatte um das Waffenrecht so heiß wie seit Jahrzehnten nicht. Waffengegner marschierten am Dienstag vor dem Kongress auf, flankiert von Hinterbliebenen. "Blut an euren Händen", titelte die Zeitung "New York Daily News" über einem Foto des US-Kapitols.

Die Demokraten kündigten an, Sturmgewehre verbieten zu lassen - etwa das AR-15, eine der populärsten US-Waffen, die der Attentäter von Newtown dabei hatte. Präsident Barack Obama, der sich bisher mit Floskeln beholfen hatte, schloss sich dem an, wenn auch nur indirekt und gewunden über seinen Sprecher Jay Carney. Sein Ex-Stabschef Rahm Emanuel, jetzt Bürgermeister von Chicago, glaubt bereits an einen Erfolg der Initiative: Der Horror von Newtown habe zu "tektonischen Verwerfungen bei den Einstellungen" der Amerikaner geführt.

Selbst die selbstgerechte Waffenlobby NRA gibt sich, nach tagelangem Schweigen, "schockiert, betrübt und untröstlich" - und will am Freitag ihre eigenen Vorschläge präsentieren, "damit dies nie wieder geschieht". Was sich dahinter verbirgt und ob die politisch allmächtige Gruppe ihren Kurs ändert, bleibt freilich offen.

Denn was wird, was kann sich wirklich ändern? Wahrer Wandel braucht lange - und wäre auch dann ungewiss. Zum Beispiel das angedachte Verbot von Sturmgewehren, initiiert von der Senatorin Dianne Feinstein: Es wäre eine Neuauflage eines ähnlichen Gesetzes, das von 1994 bis 2004 galt, bevor es automatisch auslief. Schon damals galt es als unzureichend.

Skeptisch sind die Republikaner - und das Oberste Gericht

Jede Änderung des US-Waffenrechts muss außerdem zuerst durchs Repräsententenhaus, in dem die Republikaner die Mehrheit halten. Schon sperrt sich Robert Goodlatte, der als designierter Vorsitzender des Justizausschusses solche Gesetze fortan kontrolliert: "Waffenkontrolle ist nichts, was ich unterstützen würde", sagte er dem Magazin "Congressional Quarterly" am Dienstag.

Der Kongress hat noch andere Optionen. "Alles muss auf den Tisch", fordert Harry Reid, der Top-Demokrat im Senat und bisher Waffenfan. Dazu könnte eine Kontrolle von Munitionsclips gehören, bessere Kooperation der Behörden und stärkere Aufsicht über private Gun Shows, auf denen Waffen frei verkauft werden. Doch abermals müssten die Republikaner mitspielen.

Selbst wenn sie das tun - am Ende könnte immer noch der Oberste US-Gerichtshof dazwischenfunken. Und der hat sich bisher stets auf die Seite der Waffenbesitzer gestellt, etwa indem er den Brady Act aushöhlte, das wegweisende Anti-Schusswaffengesetz von 1993: Der Supreme Court sprach die Hoheit über solche Themen den Bundesstaaten zu.

Obama könnte auch eigenständig handeln. Per präsidialer Anordnung könnte er Background-Checks verschärfen, mehr Daten sammeln oder Waffenimporte drosseln lassen. Das US-Justizministerium arbeitet bereits seit dem Attentat auf die Kongressabgeordnete Gabby Giffords im Januar 2011 an einer solchen Liste, hat sie bisher aber aus Angst auf Eis gelegt.

Die Angst ist nicht nur eine politische. Trotz des nationalen Aufschreis nach Newtown gärt der Hass der extremsten Waffennarren gegen Obama, wie teils rassistische Internet-Kommentare nach dem Attentat beweisen. Lange schürte auch die NRA Verschwörungstheorien des rechten Sumpfes, dass der Präsident den Amerikanern alle Waffen "wegnehmen" wolle.

In Colorado erschoss ein Mann drei Menschen

Was also gefordert ist, sind weniger Gesetze - sondern ein Sinneswandel. "Wir müssen uns ändern", sagte auch Obama am Sonntag. Doch das ist leichter gesagt als getan. Zumal Obama selbst sich bei solchen Reizfragen bisher weniger als Pionier hervorgetan hat, etwa bei der Debatte um die Schwulenrechte. Es sei unklar, "ob Obama vorangehen wird", zweifelt Arianna Huffington ("Huffington Post").

An Obama allein liegt es aber kaum. Frank Rich vergleicht den Waffenwahn mit Amerikas anderer "Ursünde", der Sklaverei: "Wir wissen, wie lange wir gebraucht haben, diese Fesseln abzuschütteln." Pulitzer-Preisträger Garry Wills wirft seinen Landsleuten im "New York Review of Books" vor, Waffen zu "Götzen" zu erheben - "Zeichen einer zutiefst degradierten Kultur". Gesetze helfen da wenig und kommen zu spät.

Die Waffenfreunde gehen bereits zum Gegenangriff über. Larry Pratt, Chef der Lobbygruppe Gun Owners of America, macht die Runde durch die US-Talkshows und fordert mehr Sturmgewehre statt weniger. Der texanische Gouverneur Rick Perry umgarnt Tea-Party-Konsorten mit der Forderung, auch Lehrer zu bewaffnen - in mindestens einem Schulbezirk seines Staats längst Wirklichkeit.

Unterdessen wird weiter gestorben. In Colorado erschoss ein Mann am Dienstag drei Menschen und danach sich selbst. Ein Opfer konnte noch die Polizei anrufen. Das Letzte, was zu hören war, war eine Frauenstimme: "Nein, nein, nein!" Dann Schüsse - und Stille.

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insgesamt 204 Beiträge
1. im Kern nicht verstanden
beschwingt 19.12.2012
Auch Obama´s Regierung wird die freiheitsliebenden Amerikaner nicht umerziehen. Anders als uns Bundesbürgern, die wir mittlerweile obrigkeitshöriger sind als zu Kaisers´ Zeiten, sind den Amerikanern Eigenverantwortung, [...]
Auch Obama´s Regierung wird die freiheitsliebenden Amerikaner nicht umerziehen. Anders als uns Bundesbürgern, die wir mittlerweile obrigkeitshöriger sind als zu Kaisers´ Zeiten, sind den Amerikanern Eigenverantwortung, Selbständigkeit, Freiheit und Sicherheit zu wichtig, um sie einem staatlichen Behördenapparat zu überlassen.
2. Einfache Überlegung
m.breitkopf 19.12.2012
Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: 120 Jahre gab es das Recht Waffen zu tragen für Jedermann. Es wäre an der Zeit, eine andere Richtung einzuschlagen, wenigstens vorübergehend. Dann wird man sehen, ob die Zahl der Toten [...]
Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: 120 Jahre gab es das Recht Waffen zu tragen für Jedermann. Es wäre an der Zeit, eine andere Richtung einzuschlagen, wenigstens vorübergehend. Dann wird man sehen, ob die Zahl der Toten durch Schusswaffen wirklich signifikant zurückgeht. Das funktioniert aber nur, wenn man konsequent alle Waffen verbietet, nicht nur Schnellfeuergewehre. Ausnahmeregelungen für gefährdete Personen oder Menschen, die einsam wohnen, sollten möglich sein. Sollte es nichts bringen, was ich nicht glaube, kehrt man wieder zurück zur alten Regelung.
3. optional
spon-facebook-1425926487 19.12.2012
Ich habe immer noch nicht verstanden, auf welche Art und Weise eine Waffe eine Waffe Schutz bieten soll, wenn einer erschossen wird...? Ebensogut könnte man mit einem Löffel Gurken schälen..
Ich habe immer noch nicht verstanden, auf welche Art und Weise eine Waffe eine Waffe Schutz bieten soll, wenn einer erschossen wird...? Ebensogut könnte man mit einem Löffel Gurken schälen..
4. Nur Kosmetik
osnaplayer 19.12.2012
Waffen gehören nun mal zur USA wie Bier zu Bayern. Manch einer lehnt es ab, andere stimmen zu. Einige wenige Gesetzesänderungungen werden bei ca. 300 Mio. Waffen die im Umlauf sind, gar nichts bewirken. Es fängt bei der [...]
Waffen gehören nun mal zur USA wie Bier zu Bayern. Manch einer lehnt es ab, andere stimmen zu. Einige wenige Gesetzesänderungungen werden bei ca. 300 Mio. Waffen die im Umlauf sind, gar nichts bewirken. Es fängt bei der Erziehung der Kleinsten an. Damit dauert es Generationen bis ein Umdenken einsetzt. Man kann froh sein das in Deutschland nicht jeder Hans und Franz beim Händler an der Ecke eine M16, G36 o.ä. kaufen kann, weil ich mir dann AUCH eine Waffe zulegen würde. Traurig aber wahr, die Amis stecken in einem Teufelskreis.
5.
S.Albrecht 19.12.2012
Interessant ist, dass in Kanada mit einem ähnlich laxem Waffenrecht weit weniger geschossen wird, während Mexiko mit noch schärferen Gesetzen als Deutschland nahezu mithalten kann bei den Schusswaffenopfern. Was also ist in [...]
Interessant ist, dass in Kanada mit einem ähnlich laxem Waffenrecht weit weniger geschossen wird, während Mexiko mit noch schärferen Gesetzen als Deutschland nahezu mithalten kann bei den Schusswaffenopfern. Was also ist in den USA anders? Was macht ausgerechnet dort die Schusswaffe zu einem derartigen Fetisch und Konfliktlöser? Hängt es mit der Geschichte zusammen, mit der gewaltsamen Eroberung des Landes und dem Gefühl, sein Land, seine Familie fernab aller Zivilisation nur selber verteidigen zu können, einem Grundgefühl, das sich über die Generationen bis heute hält? Mit der Ästhetik, dass der Gute, der Held in der Erzählkunst, in Legenden, in Literatur und Film, die Bösen mut der Schusswaffe und eben nicht mit Fäusten bezwingt?

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