Lade Daten...
21.12.2012
Schrift:
-
+

Debatte über EU-Verbote

Darauf eine Mentholzigarette!

Ein Kommentar von Alexander Neubacher
DPA

Zigarettenraucher: Die Politik geht nichts an, was die Bürger aus sich machen

Rauchen ist ungesund, ja doch. Nur gehen die Anti-Tabak-Pläne der EU-Kommission in ihrer Bedeutung weit über das Qualmen hinaus. Sie sind ein Angriff auf die Freiheit des einzelnen Bürgers, der systematisch für dumm verkauft werden soll.

Mal angenommen, es wäre richtig, Rauchern das ungesunde Rauchen zu verleiden, um sie vor sich selbst zu schützen: Wieso beim Verbot von Mentholzigaretten aufhören? Warum nicht gleich Tabak überhaupt? Und sind fetthaltige, zuckerreiche oder allzu vitaminarme Lebensmittel nicht genauso schädlich? Schluss mit der Süßigkeitenreklame! Und wie kann es eigentlich sein, dass einige europäische Fahrradfahrer noch immer keinen Helm tragen? Dass es Kopfhörer ohne Lautstärkebegrenzer gibt? Socken ohne rutschfeste Stoppernoppen?

Und wenn wir schon mal dabei sind: Wo bleibt der Schutz unseres Verstands? Sind Seele und Geist etwa weniger wichtiger als unsere körperliche Verfassung? Natürlich nicht, im Gegenteil. Wer den Menschen in seiner Gesamtheit verbessern will, darf hier nicht haltmachen. Wie lange noch will die Europäische Union tatenlos zusehen, wie sinnfreie Fernsehsendungen die Bürger davon abhalten, ihren Feierabend mit einem lehrreichen Buch zu verbringen? Ganz zu schweigen vom Dudelfunk im Radio, vom pädagogisch fragwürdigen Plastikspielzeug? Wo bleibt die gesetzliche Holzspielzeugquote für alle europäischen Kindertageseinrichtungen?

Die Antwort lautet: Weil es die Politik nichts angeht, was die Bürger aus sich machen.

Recht auf Unvernuft

Zur Freiheit gehört auch das Recht, sich unvernünftig zu verhalten. Wir müssen nicht das Beste aus uns herausholen. Solange wir anderen damit keinen Schaden zufügen, dürfen wir gute Ratschläge einfach ignorieren. Das mag nicht klug von uns sein, manchmal gefährlich und mitunter sogar selbstzerstörerisch. Aber die Freiheit, über unser eigenes Schicksal selbst entscheiden zu dürfen, ist ein wesentlicher Unterschied zwischen uns und einem Schimpansen.

Um die europäischen Raucher wie behandlungsbedürftige Schwachköpfe behandeln zu können, führt die EU-Kommission drei Argumente an.

Alle drei Argumente sind falsch. Dass die EU-Kommission sie verwendet, verrät viel über das Menschenbild, das in Brüssel vorherrscht. Es verheißt nichts Gutes für das "gemeinsame Europa", von dem immer die Rede ist.

Raucher sterben früher - und verursachen geringere Kosten

Der Reihe nach: Anders als die EU-Kommission behauptet, verursachen Raucher keine gesellschaftlichen Schäden. Im Gegenteil: Zigaretten sind so ungesund, dass sie das Leben nachweislich verkürzen. Dadurch entlasten sie das Gesundheitswesen und die sozialen Sicherungssysteme. Eine Studie im Auftrag des niederländischen Gesundheitsministeriums kam zu dem Ergebnis, dass der durchschnittliche Raucher bis zu seinem Ableben mit rund 77 Jahren etwa 220.000 Euro Behandlungskosten verursacht.

Nichtrauchende und schlanke Menschen hingegen sterben mit 84 Jahren und kosteten insgesamt 281.000 Euro, also gut 60.000 Euro mehr. Studien aus den USA und anderen Ländern bestätigen diesen Trend.

Als nächstes steht die Frage im Raum, welchen mentalen Knacks Kinder erleiden, wenn sie herausfinden, dass ihre Eltern rauchen. Diese Möglichkeit ist in der Tat nicht auszuschließen: Kinder von Rauchern werden eher qualmen als der Nachwuchs von Nichtrauchern, das ist so. Aber die Gefahr eines solchen Erziehungskonflikts besteht auch bei anderen elterlichen Verhaltensweisen, die für Kinder verboten sind, etwa Bier trinken, Horrorfilme gucken, das EU-Parlament wählen oder tagsüber zur Arbeit gehen.

Ein Gesetzgeber, der Kinder und Pubertierende zum Maßstab für tolerables Verhalten erklärt, hätte viel zu tun.

Aus Protest gegen die Tugendwächter

Das dritte EU-Argument, das die Raucher zu Süchtigen erklärt, ist besonders perfide, auch weil die EU erkannt hat, wie leicht es sich auf andere angebliche Drogen wie Zucker oder Fett ausweiten lässt. Zwar besteht kein medizinischer Zweifel daran, dass Zigaretten abhängig machen. Vielen Rauchern geht es ja gerade um den Nervenkick, den das Nikotin verursacht. Aber ist deshalb ihr freier Wille eingeschränkt? Wie kann es sein, dass Millionen Menschen jedes Jahr einfach so mit dem Rauchen aufhören? Und was ist den vielen anderen potentiell risikoreichen Verhaltensweisen, von denen manche Menschen nicht lassen können, weil sie ihnen Spaß, Nervenkitzel oder Entspannung bringen? Nach Brüsseler Logik könnten demnächst auch Hobbytaucher und Schokoladenjunkies zu Suchtkranken umdefiniert werden: eine Gesellschaft auf dem Weg in die Drogen-Klapse.

Die Anti-Raucher-Pläne der EU-Kommission reichen deshalb in ihrer Bedeutung weit über das Rauchen hinaus. Sie sind ein Angriff auf die Freiheit des einzelnen Bürgers, der hier systematisch für dumm verkauft werden soll.

Doch zu einem Trottel gehören immer zwei: Einer, der ihn dazu macht, und der andere, der sich dazu machen lässt. Ich selbst bin seit Jahren überzeugter Nichtraucher. Aber jetzt denke ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder daran, mir eine Menthol-Zigarette anzustecken, aus Protest gegen die freudlosen Tugendwächter und Supernannys.

Liebe EU-Kommission, schon mal darüber nachgedacht: Die kurze Phase vor dem Tod nennt man übrigens Leben.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 338 Beiträge
1. Großartig!
e_h 21.12.2012
Danke für diesen Artikel! Er spricht mir so sehr aus der Seele!
Danke für diesen Artikel! Er spricht mir so sehr aus der Seele!
2. Hello Mr. Nick Taylor
wolli4 21.12.2012
thank you for smoking ! Wer den Film nicht kennt, kann ja die Kurzfassung aus dem Artikel entnehmen :-)
thank you for smoking ! Wer den Film nicht kennt, kann ja die Kurzfassung aus dem Artikel entnehmen :-)
3. Was
calido46 21.12.2012
soll ich mir noch vorschreiben lassen, in diesem unserem "vereinigten Europa"? Wenn ich rauchen, saufen, fressen, hu...en möchte - wer hat das Recht dazu, mir dieses verbieten zu wollen?????
soll ich mir noch vorschreiben lassen, in diesem unserem "vereinigten Europa"? Wenn ich rauchen, saufen, fressen, hu...en möchte - wer hat das Recht dazu, mir dieses verbieten zu wollen?????
4. Tja, da fällt mir nur eines ein...
keinquerleser 21.12.2012
...dem Autor ein uneingeschränktes DANKE! zu überreichen!
...dem Autor ein uneingeschränktes DANKE! zu überreichen!
5. die spinnen, die Bruessler
Nemetz 21.12.2012
jomei, hab' mir aus Protest ne Mentholzigarette angezuendet, AUCH NOCH SLIM!! Verbrechenstatbestand, warte schon auf zu unauffaellig gekleidete Herren an der Haustuer mit Haftbefehl. Lassts mich doch bittschoen sterben, wann [...]
jomei, hab' mir aus Protest ne Mentholzigarette angezuendet, AUCH NOCH SLIM!! Verbrechenstatbestand, warte schon auf zu unauffaellig gekleidete Herren an der Haustuer mit Haftbefehl. Lassts mich doch bittschoen sterben, wann ich das will. Hatten wir auf der Uni: Modellrechnung Raucher:Nichtraucher. Kam das gleiche Ergebnis heraus, Raucher KOSTEN KEIN GELD, sie bringen solches!

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

MEHR IM INTERNET

Verwandte Themen

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Europäische Union
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten