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21.12.2012
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Gewaltdebatte in den USA

Die Waffenlobby lädt nach

Von , New York

Chuzpe statt Pietät: Eine Woche nach dem Massaker von Newtown setzt Amerikas Top-Waffenlobby National Rifle Association zum Gegenangriff gegen ihre Kritiker an. Nicht weniger Waffen brauche man jetzt, sondern mehr. Selbst Konservative sind entsetzt.

Wie krass diese Pressekonferenz wird, deutet sich gleich zu Beginn an. Da tritt David Keene, der Präsident der größten US-Waffenlobby NRA, vor die Reporter im Washingtoner Willard-Hotel und gibt die Parole aus: "Wir werden keine Fragen zulassen."

Keine Fragen - dafür gibt es einen Grund. Das, was die National Rifle Association anschließend erklären lässt, bei ihrem ersten öffentlichen Auftreten seit dem Newtown-Massaker vor einer Woche, ist ebenso dreist wie unfassbar. Ihr Vorschlag, weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ist eindeutig: Nicht weniger Schusswaffen - sondern mehr.

Oder, wie Keene erst kürzlich im kleinen Kreis prahlte: "Guns are cool." Knarren sind cool.

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NRA: Kämpfer für noch mehr Waffen

Die politischen Konsequenzen dieser Chuzpe im Moment nationaler Trauer sind enorm: Der jüngste Vorstoß von US-Präsident Barack Obama, nach Newtown die Waffengesetze zu verschärfen, stößt auf einen scharfen, gut finanzierten Gegenangriff.

Denn, so die krude Logik der NRA, nicht die frei verfügbaren Waffen seien für Amokläufe wie den von Newtown verantwortlich. Nicht laxe Kontrollen, unregulierte Waffenmessen oder die Besessenheit vieler, militärische Sturmgewehre zu horten. Nein: Die Schuld liege bei blutigen Videospielen, Hollywood, milden Richtern, linken Politikern, Obama, den Medien und, ja wirklich, all diesen Wirbelstürmen.

Die NRA will Schulen bis an die Zähne bewaffnen

Zugegeben: Es war wohl zu viel erwartet, dass die Hardliner der NRA angesichts der toten Kinder von Newtown weich würden. Sie stehen allesamt in der Tradition ihrer alten Helden wie Charlton Heston. Die Hollywood-Ikone hatte seinerzeit gepoltert, ihm müsse man das Gewehr noch "aus den kalten, toten Händen" reißen, und eine alte Muskete aus Kolonialzeiten dabei geschwungen.

Doch die jüngsten Ereignisse hatten zumindest die Hoffnung auf Milderung geweckt, allein aus Pietät: Noch eine Stunde vor der Pressekonferenz verharrte die Nation in einer Schweigeminute für die Opfer der Newtown-Tragödie.

Stattdessen lädt die NRA nun nach. Doch was Hestons Nachfolger Keene und sein Vize Wayne LaPierre da allen Ernstes als ihren Beitrag zur neu tobenden US-Waffendebatte unterbreiten, macht selbst manchen Konservativen sprachlos: Alle Schulen sollen fortan bis an die Zähne bewaffnet werden.

"Wir müssen in jeder Schule bewaffnete Sicherheitskräfte postieren", fordert LaPierre. Der Kongress müsse dazu "sofort handeln". Viele Republikaner dort dürften sich über diesen Aufruf freuen. Sie haben bereits Widerstand gegen Obamas neue Initiative angekündigt.

Doch andere Konservative sind entsetzt oder zumindest befremdet. "Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", ächzt Michael Steele, vormals Parteichef der Republikaner, im Kabelsender MSNBC: Der NRA-Vorstoß sei "sehr verstörend". Auch der rechte Kommentator Erick Erickson twittert: "Selbst wenn ich den Punkten der NRA und LaPierres in der Substanz zustimme, bin ich mir nicht sicher, ob diese Pressekonferenz eine Woche nach Newtown in gutem Stil war."

Dieser Stil - nein: diese Ideologie - lässt sich in einem Kernsatz zusammenfassen, den LaPierre sorgfältig ausbuchstabiert: "Die einzige Art, einen bösen Kerl mit einer Waffe zu stoppen", spricht er, "ist ein guter Kerl mit einer Waffe."

Das Wetter als Mittäter?

Kein Wunder, dass die NRA LaPierre vorschickt. Der 64-jährige Rechtsaktivist ist ein populäres Sprachrohr der Lobby, ein alter Haudegen im Kampf gegen alles Böse, namentlich alle Waffenfeinde. Im US-Fernsehen moderiert er eine Reality-Show namens "Crime Strike", die brachial-bewaffnete Selbstverteidigung predigt.

Diese propagiert die NRA nun also auch für Schulen und, ja, Kindergärten. Banken, Flughäfen, Gerichte, Sportstadien, der Kongress, das Weiße Haus: All diese Einrichtungen, argumentiert LaPierre, würden mit Waffengewalt beschützt. Warum also nicht Schulen? Oder wolle Amerika seine Kinder den "Monstern" dieser Welt "wehrlos" ausliefern?

Als Erstes nimmt LaPierre liberale Politiker ins Visier: Die hätten erzwungen, dass Schulen "waffenfreie Zonen" seien - ergo Schuld daran, dass nun "jeder verrückte Killer" wisse, "dass Schulen der beste Ort sind, mit minimalem Risiko maximales Durcheinander anzurichten".

Danach gerät die Videospiel-Branche ins Fadenkreuz des NRA-Vizes. "Eine herzlose, korrupte Schattenindustrie, die Gewalt anstachelt", so LaPierre. Als Beispiel lässt er auf Monitoren Szenen des Online-Spiels "Kindergarten Killer" vorführen, "das gibt es seit zehn Jahren".

LaPierres nächster Halbsatz lässt freilich viele ratlos, nicht nur im Saal: "Nehmen Sie dann nur einen weiteren Hurrikan und eine weitere Naturkatastrophe…" Das Wetter als Mittäter?

Mitverantwortlich für all das Blutvergießen, so LaPierre weiter, seien auf jeden Fall aber die US-Medien. Diese würden die "schmutzige Wahrheit" hinter Amerikas Waffengewalt vertuschen und "rechtmäßige Waffenbesitzer dämonisieren". Damit seien sie "stille Helfer, wenn nicht gar stille Komplizen" der Killer.

Lobbyarbeit für die milliardenschwere Waffenindustrie

Am Ende überrascht einen diese Argumentation kaum. In Wahrheit ist die NRA ja gar keine Lobbygruppe für Waffenbesitzer. Sie ist eine Lobby für die Waffenhersteller - ein politischer Arm einer Milliardenindustrie. Unter dem Tarnmantel der Verfassung hilft sie der Branche dabei, so viele Schusswaffen wie möglich zu verkaufen. Um Kontrollen zu lockern, setzt sie mit ihrem Geld und ihrem Einfluss Politiker in Washington und den US-Bundesstaaten unter Druck.

Mit Erfolg: Seit 2007 ist der Absatz von Schusswaffen und Munition in den USA um 5,7 Prozent angestiegen, auf zuletzt zwölf Milliarden Dollar in 2012. "Trotz der Rezession gingen die Waffenverkäufe so schnell nach oben, dass die heimischen Hersteller kaum mithalten konnten", konstatiert die "New York Times". Am meisten zeige sich Amerikas Waffenfreude zum Jahresende: "Nichts wärmt das Herz zu den Feiertagen so wie kalter Stahl."

LaPierres stählerne Worte bleiben jedoch schon bei seinem Auftritt in Washington nicht unwidersprochen. Zweimal wird er von Demonstranten laut unterbrochen. "Die NRA hat Blut an den Händen!", brüllt eine Frau. Ein Mann stellt sich direkt vor LaPierres Pult und verdeckt ihn mit einem Spruchband: "Die NRA killt unsere Kinder." LaPierre ignoriert die Proteste stoisch, trotz empörter Zwischenrufe.

Noch während LaPierre spricht, werden übrigens aktuelle Todeszahlen bekannt: In der einen Woche seit Newtown starben mindestens 78 weitere Amerikaner durch Waffengewalt.

Forum

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insgesamt 547 Beiträge
1.
d2e4 21.12.2012
Everything You Need To Know About The NRA's Wayne LaPierre | ThinkProgress (http://thinkprogress.org/politics/2012/12/21/1368881/everything-you-need-to-know-about-the-nras-wayne-lapierre/)
Everything You Need To Know About The NRA's Wayne LaPierre | ThinkProgress (http://thinkprogress.org/politics/2012/12/21/1368881/everything-you-need-to-know-about-the-nras-wayne-lapierre/)
2. Wer hat das nochmal gesagt?
hxk 21.12.2012
'Man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen, dann wird sie geglaubt.' Militärische Sturmgewehre sind durch Gesetze aus den Jahren 1934, 1968 und 1986 praktisch nicht mehr erhältlich. Was man kaufen kann, sind [...]
Zitat von sysopNicht laxe Kontrollen, unregulierte Waffenmessen oder die Besessenheit vieler,*militärische Sturmgewehre* zu horten.
'Man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen, dann wird sie geglaubt.' Militärische Sturmgewehre sind durch Gesetze aus den Jahren 1934, 1968 und 1986 praktisch nicht mehr erhältlich. Was man kaufen kann, sind stinknormale halbautomatische Gewehre.
3. Bewaffnet die Kinder!
csar 21.12.2012
Vor der Einschulung Schiesstraining und jeder Erstkässler mit Colt im Halfter auf der Schulbank! Dann können sie sich selber verteidigen. Ist doch linkes Gewäsch von der NRA, dass die Schule für Sicherheit sorgen muss, ein [...]
Vor der Einschulung Schiesstraining und jeder Erstkässler mit Colt im Halfter auf der Schulbank! Dann können sie sich selber verteidigen. Ist doch linkes Gewäsch von der NRA, dass die Schule für Sicherheit sorgen muss, ein echter Amerikaner kann sich selbst verteidigen und braucht sowas nicht. Dann könnte man ja gleich kommunistische Ideen wie eine gesetzliche Krankenversicherung einführen! Als nächstes bunte Schiesseisen für bessere Akzeptanz in Kindergärten!
4. Amerikkka
backtoblack 21.12.2012
Mit Hardlinern wie LaPierre von der NRA kann man nicht diskutieren. Da keine Chance besteht, ihren geistigen Gesundheitszustand überprüfen zu lassen, bleibt den Demokraten nur der steinige Weg die NRA politisch zu isolieren. [...]
Zitat von sysopChuzpe statt Pietät: Eine Woche nach dem Massaker von Newtown setzt Amerikas Top-Waffenlobby National Rifle Association zum Gegenangriff gegen ihre Kritiker an. Nicht weniger Waffen brauche man jetzt, sondern mehr. Selbst Konservative sind entsetzt. National Rifle Association geht in US-Waffendebatte zum Gegenangriff über - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/national-rifle-association-geht-in-us-waffendebatte-zum-gegenangriff-ueber-a-874445.html)
Mit Hardlinern wie LaPierre von der NRA kann man nicht diskutieren. Da keine Chance besteht, ihren geistigen Gesundheitszustand überprüfen zu lassen, bleibt den Demokraten nur der steinige Weg die NRA politisch zu isolieren. Dafür stehen die Chancen doch im Moment gar nicht so schlecht, ähnlich wie die Tea-Party-Fanatiker im Steuerstreit in ihrer eigenen Partei voll an die Wand gefahren sind. Starrsinn kann halt in der Konsequenz doch in den Wahnsinn führen. Irgendwie tröstlich, finde ich.
5.
BingoBongoMan 21.12.2012
" ", oder wie schreibt man Sprachlosigkeit?
" ", oder wie schreibt man Sprachlosigkeit?

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