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29.12.2012
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Wut in Neu-Delhi

Vergewaltigte Studentin tot - Indien rüstet sich für Massenprotest

AP

Der Tod der mehrfach brutal vergewaltigten Studentin stürzt Indien in eine Krise. Premier Singh bemüht sich, seine Landsleute zu beruhigen. Sicherheitskräfte riegeln Straßen in der Hauptstadt Neu-Delhi ab - aus Angst vor neuen Ausschreitungen.

Neu-Delhi - Die Wut in Indien wächst von Tag zu Tag: Die Menschen gehen auf die Straßen, um ihre Empörung darüber zu zeigen, was sich vor eineinhalb Wochen in einem Bus in Neu-Delhi abspielte. Eine 23-jährige Studentin wurde von sechs Männern mehrfach vergewaltigt und mit einer Eisenstange schwer verletzt - fast eine Stunde lang. In der Nacht zu Samstag starb die junge Frau, was die Stimmung im Land weiter verschärfen dürfte.

Überall in Indien zeigten die Menschen am Samstag ihre Trauer, in den großen Städten wird erneut mit Protesten gerechnet. Demonstranten forderten Gerechtigkeit für den Tod der Frau und kündigten an, der Kampf gegen sexuelle Gewalt und für mehr Frauenrechte gehe weiter. "Ich hoffe, dass ein Wandel passiert in dieser Gesellschaft, die Frauen so geringschätzt", sagte eine Demonstrantin.

"Sie ist tot. Aber ihr Kampf muss jeden aufwecken, jetzt etwas zu tun", stand auf einem der Plakate. Und auf einem weiteren: "Die Flamme, die sie entzündete, soll nie mehr verlöschen."

Nach Angaben des britischen Senders BBC riegelten Spezialeinheiten der Polizei zahlreiche Straßen im Zentrum von Neu-Delhi ab, wo sich auch die Regierungsgebäude befinden. Zehn U-Bahn-Stationen in der 16-Millionen-Metropole wurden am Samstag geschlossen, um Kundgebungen vom Parlament und Präsidentenpalast fernzuhalten. Die Behörden untersagten den Menschen, sich auf Plätzen zu versammeln, auf denen bereits in den vergangenen Tagen Demonstrationen stattfanden, wie der US-Sender CNN berichtete.

Bereits in den vergangenen Tagen war es zu teils gewaltsamen Demonstrationengekommen. In der Hauptstadt hatte die Polizei Tränengas, Gummiknüppel und Wasserwerfer eingesetzt. Ein Polizistund ein Fernsehjournalist kamen dabei ums Leben. Mehr als 100 Menschen waren verletzt worden.

Hunderte bereits auf den Straßen

Bilder von BBC zeigten, dass sich dennoch schon Hunderte zusammengefunden haben, um gegen die häufigen Vergewaltigungen im Land zu protestieren. Sie halten der Regierung vor, zu wenig gegen den Missbrauch von Frauen zu tun. Frauenrechtlern zufolge werden in Indien Vergewaltigungen nur selten bestraft. Polizeikommissar Neeraj Kumar mahnte die Menschen in einer Erklärung zur Ruhe.

Die Sicherheitskräfte wurden landesweit in Alarmbereitschaft versetzt. Noch am Samstag soll der Leichnam der vergewaltigten Studentin von Singapur, wo sie in einer Spezialklinik für Organtransplantationen behandelt worden war, nach Indien gebracht werden. Auch die Eltern, die in den letzten Stunden bei ihrer Tochter waren, seien mit an Bord, sagte Indiens Botschafter in Singapur, T. C. A. Radhavan, auf einer Pressekonferenz. Die Regierung übernehme alle Kosten für Behandlung und Transport.

Die Ärzte hatten sich vergeblich bemüht, das Leben der jungen Frau zu retten. Ihr Zustand hatte sich in den vergangenen zwei Tagen verschlechtert, die Organe versagten, das Herz blieb stehen.

Präsident Pranab Mukherjee sagte: "Sie ist eine wahre Heldin und symbolisiert die indische Jugend und Frauen auf das Beste." Premierminister Manmohan Singh bemühte sich nach dem Tod der jungen Frau, an die Vernunft seiner Landsleute zu appellieren. "Wir haben bereits gesehen, welche Emotionen und Energien dieser Vorfall nach sich gezogen hat", erklärte er mit Blick auf die Massenproteste auf seiner Internetseite. Dies seien "verständliche Reaktionen" eines jungen Landes gewesen, das auf einen Wandel hoffe. Zugleich rief der Premierminister die Inder auf, ihre Emotionen in "konstruktives" Handeln umzuwandeln. "Es ist nun an uns, dafür zu sorgen, dass ihr Tod nicht umsonst war", erklärte Singh.

"Vergewaltigungshauptstadt" Neu-Delhi

Allerdings wird sein Aufruf die Inder wohl kaum beruhigen. 100.000 Vergewaltigungsfälle sollen im ganzen Land juristisch noch unerledigt, viele oft jahrelang verschleppt worden sein. Das bringt nicht nur die Frauen in Indien auf.

Singh wird vorgeworfen, gegenüber den Protesten taub gewesen und mit zu harter Hand gegen Demonstranten vorgegangen zu sein. Die Regierung versucht nun Entschlossenheit zu demonstrieren: Sie will die Täter so schnell wie möglich zur Rechenschaft ziehen. Sechs Männer, darunter der Busfahrer, wurden festgenommen. Erwartet wird, dass der Prozess gegen sie schon nächste Woche beginnt. Sie werden nach Angaben der Nachrichtenagentur Ians nun des Mordes angeklagt.

Viele Teilnehmer der Massenproteste forderten die Todesstrafe für die Verdächtigen. "Eine Stadt schämt sich", hatte die Zeitung "Times of India" nach dem Überfall getitelt. Neu-Delhi sei eine "Vergewaltigungshauptstadt". Laut offiziellen Angaben kam es in der Metropole im vergangenen Jahr zu 572 Vergewaltigungen, in diesem Jahr sind es bereits mehr als 600. Landesweit sollen die Zahlen von 2.487 Fällen im Jahr 1971 auf 24.206 im Jahr 2011 gestiegen sein. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Fernsehsender hatten nach der Vergewaltigung der 23-Jährigen rund um die Uhr vom "Schock in Indien" berichtet.

Datenbank von Sexualstraftätern soll veröffentlicht werden

Die Regierung hat Maßnahmen angekündigt. So soll nun eine Datenbank vorbereitet werden, in der alle verurteilten Vergewaltiger des Landes erfasst werden. Ihre Namen, Porträtfotos und Adressen sollen auf Internetseiten der Polizei öffentlich sein. In Neu-Delhi richtet die Polizei eine spezielle Notrufnummer für Frauen ein. Auch sollen Straßen besser beleuchtet und Busse häufiger kontrolliert werden. Zudem soll das Strafmaß für Vergewaltiger überprüft werden.

Im Parlament hatten Abgeordnete in beiden Häusern die reguläre Arbeit niedergelegt und über den Vorfall diskutiert. "Wir brauchen schärfere Gesetze, um Vergewaltigungen zu stoppen", sagte Sushma Swaraj, die Chefin der wichtigsten Oppositionspartei.

Für Empörung sorgten die Äußerungen von Abhijit Mukherjee, einem Abgeordneten der regierenden Kongresspartei und Sohn des indischen Präsidenten. Er hatte die Demonstrationen nach der Vergewaltigung als "pinkfarbene Revolution" von stark geschminkten Frauen bezeichnet. Später hatte er seine Äußerungen bedauert, doch vor allem auf den Internetseiten sozialer Netzwerke wurden seine Worte wütend kommentiert.

heb/dpa/Reuters/dpa

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