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03.01.2013
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Anwalt der Smolensk-Angehörigen

Polens Quälgeist

Von Jan Puhl

Der Absturz der Präsidentenmaschine im Jahr 2010 ist für viele Polen ein Trauma - auch wegen der Ermittlungspannen. Ausgerechnet ein Rechtsanwalt aus Berlin will aufklären, wie es zu der Tragödie von Smolensk kam. Stefan Hamburas Feldzug ist auch ein Kampf gegen die polnische Regierung.

Warschaus Powazki-Friedhof ist das polnische Pantheon, hier werden Nationalhelden begraben. Polens Geschichte hat viele davon hervorgebracht, zuletzt am 10. April 2010. Damals tauchte die Maschine von Präsident Lech Kaczynski beim Landeanflug auf Smolensk im dichten Nebel zu tief ab, köpfte eine Birke und zerschellte. Außer dem Staatsoberhaupt starben 96 Politiker, Militärs und Geistliche. Sie waren ausgerechnet auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die 22.000 Polen, die Stalins Geheimdienst 1940 bei Katyn ermordet hatte. Das macht das Flugzeugunglück zu einer sehr polnischen Katastrophe - und es gibt viele Polen, die sich damit nicht abfinden können.

Stefan Hambura gehört dazu. Der Rechtsanwalt mit deutschem und polnischem Pass sowie gutgehender Kanzlei in Berlin vertritt etliche Angehörige von Smolensk-Opfern. Auch seiner Beharrlichkeit ist es zu verdanken, dass die Katastrophe vom 10. April 2010 noch immer auf der politischen Tagesordnung in Polen steht - und, dass Premier Donald Tusk ein Problem hat.

Zweifel der Angehörigen

Hambura vertritt zum Beispiel die Angehörigen des ehemaligen Dissidenten Stefan Melak, der mit an Bord war, und mit viel weiß-rotem Pomp auf dem Powazki-Friedhof beigesetzt wurde. Zumindest glaubte man das bisher.

Demnächst sollen Bagger anrücken. Sie werden die schwere schwarze Marmorplatte auf Melaks Grab anheben und den Sarg heraushieven. Ein DNA-Test wird Gewissheit bringen, wer wirklich dort liegt. "Den Angehörigen waren Zweifel gekommen, als sie die Obduktionsunterlagen aus Russland genauer studierten. Es könnte auch eine andere Leiche sein", sagt Hambura.

Schon im August hatte der Jurist die Exhumierung einer Toten von Smolensk erwirkt. Damals stellte sich heraus, dass russische Ermittler die sterblichen Überreste von Anna Walentynowicz mit einer anderen weiblichen Leiche verwechselt hatten. Walentynowicz war eine Streikführerin auf der Danziger Werft 1980, eine Ikone der Protestbewegung Solidarnosc. Insgesamt fast ein Dutzend der Opfer mussten bisher exhumiert werden, weil Angehörige befürchteten, dass ihre Toten vertauscht sein könnten. Dieser Tage werden die Gräber zweier Kleriker geöffnet.

Privater Feldzug

Für Hambura sind die Verwechslungen mehr als makabere Schlamperei. Hier werde Polens Ehre mit Füßen getreten. Das historisch ohnehin gebeutelte Land von den Russen gedemütigt und vom Rest Europas im Stich gelassen, glaubt er: "Wenn Amerikaner oder Briten gestorben wären, wäre ein Aufschrei um die Welt gegangen, denken Sie an Lockerbie." Brüssel aber habe es damals abgelehnt, eine internationale Kommission damit zu beauftragen, das Smolensk-Unglück zu untersuchen.

Rechtsanwalt Hambura ist ein eher kleiner Mann mit Schnurrbart. Seine Brille fällt auf, sie kombiniert runde Intellektuellen-Gläser mit einem seltsam geschwungenen Designerrahmen. Der Rechtsanwalt verabredet sich gern im Restaurant Borchardt am Gendarmenmarkt. Wer dorthin geht, will zeigen, dass er dazugehört zum politischen Inventar der Berliner Republik. Am Nachbartisch speist Michel Friedman.

Dazuzugehören - damit hatte Hambura schon immer ein Problem. 1961 in Gliwice (Gleiwitz) geboren, siedelte er 1979 mit seinen Eltern in die alte Bundesrepublik über: "Im kommunistischen Polen wurden wir als Angehörige der deutschen Minderheit diskriminiert", sagt er, "in Deutschland war ich dann plötzlich der Pole, der sich fragen lassen musste: Was willst du hier?"

Vielleicht sind es diese Erfahrungen, die ihn dazu brachten, seine Mandate als Anwalt sehr politisch auszulegen: Wo Polens Geltung in Gefahr ist, wo sich Polen von Deutschen überrannt fühlen, ist Hambura zur Stelle. Er führt auch einen privaten Feldzug, wenn er wie derzeit in Rostock eine polnische Import-Firma gegen deutsche Zollbehörden verteidigt.

"Die Deutschen wissen nichts über ihre nächsten Nachbarn, und fühlen sich ihnen im Zweifel überlegen", sagt er mit kaum wahrnehmbarem polnisch rollendem R. Daran habe sich auch nach mehr als acht Jahren gemeinsamer EU-Mitgliedschaft nichts geändert.

Knallharte "Germanisierungspolitik"

Mittlerweile eilt Hambura in Deutschland der Ruf voraus, so etwas wie der juristische Sachwalter der polnischen National-Konservativen zu sein. Geführt wird dieses Lager von Jaroslaw Kaczynski, dem Zwillingsbruder des in Smolensk ums Leben gekommenen Präsidenten.

Hambura half mit, eine "Polnische Treuhand" zu gründen als Gegenspieler einer deutschen Firma, der Preußischen Treuhand, die die Güter Vertriebener zurückfordern wollte.

Auch vertrat Hambura polnische Eltern, die sich nach Scheidungen von deutschen Partnern durch Jugendämter der Bundesrepublik benachteiligt fühlten. Kaczynskis Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) ist noch heute überzeugt, dass die deutschen Behörden in solchen Fällen eine knallharte "Germanisierungspolitik" betreiben, indem sie grundsätzlich nur den deutschen Eltern Sorgerechte übertragen.

Seit Jahren schon versucht Hambura, den 1,1 Millionen in Deutschland lebenden Bürgern polnischer Abstammung den Status einer "nationalen Minderheit" zu verschaffen. Seine letzte große Idee war es, eine Partei der Polen in Deutschland gründen zu wollen. Das Projekt liegt aber auf Eis, es fehlen Unterstützer.

Außerdem nimmt die Smolensk-Affäre Hambura zurzeit voll in Anspruch. Zwar sind zwei Untersuchungskommissionen zu dem Schluss gekommen, dass eine ganze Kette von Fehlern der polnischen Piloten und der russischen Tower-Mannschaft das Unglück verursacht hat. Für Kaczynski und seine Parteigänger ist aber klar: Es war ein russischer Anschlag.

Fatales Katastrophenmanagement

Hambura ist zu schlau, sich auf Verschwörungstheorien festzulegen: "Ich stelle nur Fragen." Zum Beispiel danach, warum die Black Box und das Wrack der Maschine bis heute in russischer Hand geblieben seien, warum die Militärstaatsanwaltschaft Warschau einmal Meldungen über TNT-Spuren am Wrack dementiert, dann aber nur Wochen danach doch bestätigt. Oder, wie es zu den Verwechslungen der Opfer kommen konnte.

Sicher ist für ihn nur eines: "Das Katastrophenmanagement der Warschauer Regierung war fatal." Und es ist auch sein Verdienst, dass mittlerweile Umfragen zufolge eine Mehrheit der Polen so denkt und Premier Tusk, ein liberaler Merkel-Freund, in der Wählergunst verliert.

"Viele Polen glauben, dass Tusk schon in Smolensk versagt hat", sagt Hambura. "Sie fragen sich: Wie soll er dann nur die Wirtschaftskrise meistern, die jetzt langsam auch jenseits der Oder spürbar wird?" Die nächste Regierung in Warschau, das glaubt und hofft der Rechtsanwalt, wird eine andere: "Und wahrscheinlich eine sehr viel konservativere, Deutschland-kritischere."

Fühlt er sich denn eigentlich mehr als Pole oder als Deutscher? Hambura denkt lange nach und antwortet auf Polnisch: "Ich sitze auf der Barrikade, das kann manchmal sehr weh tun."

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Das Katyn-Massaker

Die Tat
Das Massaker von Katyn gilt als Symbol der schwierigen Beziehungen zwischen Polen und Russland: Nahe dem westrussischen Ort Katyn verübte der sowjetische Geheimdienst NKWD eines der schwersten Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Dort und an zwei anderen Orten töteten Soldaten fast 22.000 polnische Offiziere sowie Vertreter der bürgerlichen Elite per Genickschuss und verscharrten sie.

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Symbolik
Jahrzehntelang stand Katyn als Symbol für ungesühnten Massenmord einer Aussöhnung zwischen Polen und Russen im Wege. Die Sowjetführung leugnete die Täterschaft an dem Massaker und machte deutsche Nazi-Truppen dafür verantwortlich.
Aufarbeitung
Erst 1990 in der Glasnost-Ära gab der neue Kreml-Chef Michail Gorbatschow zu, dass Sowjetdiktator Josef Stalin den Befehl zum Massenmord gegeben hatte. Angehörige der Ermordeten und polnische Politiker fordern die bis heute ausgebliebene juristische Aufarbeitung und Rehabilitierung der Opfer. Moskau lehnt dies ab.
Aussöhnung
In der Woche vor dem Unglück von Smolensk hatten die Regierungschefs von Russland und Polen, Wladimir Putin und Donald Tusk, am Mahnmal in Katyn der Ermordeten gedacht. Das Treffen wurde als eine historische Geste auf dem Weg zur Aussöhnung zwischen beiden Ländern gesehen.

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