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04.01.2013
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Mussolini-Kult in Italien

Ciao "Duce"

Von , Rom
Getty Images

In Deutschland unvorstellbar, in Italien normal: Zum neuen Jahr werden Zigtausende Kalender mit Bildern von Mussolini, dem "Führer des Faschismus", in Büros und Küchen gehängt. Viele halten den "Duce" noch immer für einen Ehrenmann. Silvio Berlusconi nutzt das geschickt für seine Zwecke.

In Kampfuniform, die Hand zum faschistischen Gruß erhoben, hängt er an Zeitungskiosken aus, liegt in Buchläden bereit, wird im Internet angeboten: Benito Mussolini, Gründer und "Führer des Faschismus", Kurzform "Duce", erfreut sich in Italien als Kalender-Model großer Beliebtheit. Manchen Monat begleitet er im Stahlhelm, das Kinn markant nach vorne gereckt, den nächsten mit dem römischen Kurzschwert in der Hand, selbst dabei mit markigem Kinn. Auch seine tapferen, stahlbehelmten Soldaten marschieren alljährlich auf, in Farbe oder in Schwarz-Weiß, mit faschistischen Symbolen wie dem Hakenkreuz.

Ausländische Touristen, deutsche zumal, sind entsetzt, wenn sie die offen zur Schau gestellten Druckwerke entdecken und versichern sich heimlich noch einmal schnell der Jahreszahl. Ja, auch im Jahr 2013 hat der italienische Ex-Diktator daheim noch eine treue Fan-Gemeinde. Und die kauft nicht nur Kalender.

"Du bist der einzige Gott"

Das ganze Ausmaß des für viele Ausländer schwer nachvollziehbaren "Duce"-Kultes zeigt sich in Predappio. Das ist ein kleiner Ort in der Emilia-Romagna, mit knapp siebentausend Einwohnern, eigentlich keine Reise wert. Doch hier wurde am 29. Juli 1883 Benito Amilcare Andrea Mussolini als Sohn eines Schmiedes und einer Dorfschullehrerin geboren - Italiens "Duce", Vorläufer und in vielem auch Vorbild des "Führers" Adolf Hitler.

Damals hieß das trostlose Dorf noch Dovia. Doch dessen bekanntester Sohn ließ es zu einer Mustersiedlung faschistischer Architektur aus- und umbauen und in Predappio umbenennen. Später - nachdem er 1945 von italienischen Partisanen gefangen, erschossen und an einer Mailänder Tankstelle, mit dem Kopf nach unten hängend, zur Schau gestellt worden war - wurde der Ex-Diktator mit Vater, Mutter, Frau, Tochter, Schwägerin und Bruder in Predappio beigesetzt.

In der Familiengruft posieren heute regelmäßig junge Männer mit Glatze und langem schwarzen Umhang. In den Kondolenzbüchern stehen Sätze wie "Du bist der einzige Gott", und manche Besucher recken den rechten Arm nach vorn. Der sogenannte "römische Gruß" der italienischen Faschisten ist zwar etwas lockerer als die zackige Variante der deutschen Nazis, aber kein bisschen sympathischer.

"Mussolini war ein Ehrenmann"

Hunderttausend Besucher reisen alljährlich in den Ort, füllen Bars, Restaurants und vor allem die "Duce"-Devotionaliengeschäfte an der Hauptstraße. Dort kann man Brieföffner, Aschenbecher, Münzen, Hemden, Hosen, Kaffeedosen, Wein, Bierkrüge und Feuerzeuge kaufen, auf denen Sprüche stehen wie "Glauben, Gehorchen, Kämpfen" oder "Verdammt sei, wer aufgibt". Natürlich prangt überall Mussolini mit Kinn und Faschisten-Gruß. Es gibt Flaggen mit Hakenkreuz und SS-Runen und bronzefarbene Büsten vom "Duce", 38 Zentimeter hoch für 45 Euro.

Auch Hitler gibt es als Büste, mit 16 Zentimeter deutlich kleiner natürlich, dafür zum Schnäppchenpreis von 15 Euro. Das lockt manche deutsche Neonazis an - die greifen bei der Gelegenheit auch gern zur Flasche: Bier drin, Adolf-Bild draußen, mit Unterzeile "Der Kamerad", für drei Euro.

Italiener lassen die deutschen Nazi-Nostalgie-Artikel meistens liegen. Sie stören das im Lande weit verbreitete Geschichtsbild. Das beschrieb der erfolgreichste "Duce"-Souvenirhändler am Ort, Pierluigi Pompignoli, einmal so: "Hitler war ein Verbrecher, aber Mussolini war ein Ehrenmann."

Vergangenheit kollektiv verdrängt

Nun ist es keineswegs so, dass eine große Zahl von Italienern sich wieder dem Faschismus verschrieben hätte. Die meisten, auch der "Duce"-Fans, die nach Predappio reisen oder Mussolini-Kalender kaufen, wählen keine rechtsradikalen Parteien. Sie machen ihr Kreuz bei Silvio Berlusconis "Volk der Freiheit", bei den Christdemokraten oder den Mitte-Links-Parteien. Die Bürgermeister von Predappio kommen zum Beispiel seit vielen Jahren aus den Reihen der Linken.

Viele Italiener verherrlichen Mussolini, weil unter seiner Ägide Postämter in jeder italienischen Stadt eröffnet wurden, man die Sümpfe der südtoskanischen Maremma trocken legen und mit schnurgeraden Landstraßen durchschneiden ließ. Und, ach ja, weil die Züge zu seiner Zeit pünktlich fuhren, wie man sagt.

Die "Duce"-Verherrlichung ist vor allem eins - viel Gerede. Die Kenntnisse über dieses Kapitel der italienischen Geschichte sind gering, entsprechend verbreitet sind Mythen und Halbwahrheiten. Eine Auseinandersetzung mit dem Faschismus hat es nie gegeben: Die Faschisten waren bald nach dem Krieg wieder gut gelitten. Man brauchte sie im globalen wie im nationalen Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Schon Mussolini war in seinen Anfangsjahren von Frankreich und britischem Geheimdienst finanziert und gefördert worden.

Die Italiener haben ihre Vergangenheit nicht aufgearbeitet, sondern kollektiv verdrängt. Italienische Giftgas-Angriffe auf die Bevölkerung Äthiopiens? Nie gehört oder vergessen. Überfälle auf Albanien und Griechenland? Unbekannt. Nur so konnte "der Mythos des guten italienischen Soldaten" entstehen, analysierte schon vor ein paar Jahren Lutz Klinkhammer vom Deutschen Historischen Institut in Rom.

Mussolinis Rassengesetze von 1938, der italienische Einsatz im Spanischen Bürgerkrieg an der Seite von Francisco Franco und Hitler, Deportationen, Geiselerschießungen? Kann nicht sein. Wir waren die Guten. Die Deutschen waren die Bösen. Und das bisschen Schlechte auf unserer Seite war eher harmlos. Wie die Verbannung kritischer Intellektueller in entlegene Dörfer, zum Beispiel. Das war doch, wie es Berlusconi noch als Regierungschef bezeichnete, "Urlaub in der Sommerfrische".

Gesund - dank der Rechten

Berlusconi setzte den Verdrängungsprozess der Nachkriegszeit erfolgreich fort. Er brauchte die übrig gebliebenen Spätfaschisten, als er Anfang der neunziger Jahre in die Politik zog, um Mehrheiten zu bekommen. Also machte er sie gesellschaftsfähig, koalierte mit ihnen, nahm sie in sein Kabinett.

Mirko Tremaglia, zeitweise Minister für die Belange der Italiener im Ausland, brüstete sich, Kämpfer der Nazi-treuen Salò-Regierung (von 1943 bis 1945) gewesen zu sein. Maurizio Gasparri kündigte als Minister für Kommunikation an, gezielt "rechte Kulturtalente" zu fördern, um die linke Dominanz in den Schulen und beim Staatssender RAI zu beenden. Auf sein Geheiß wurde der Katalog zur Ausstellung "Rom 1948 bis 1959" mit Sätzen verschönert, wie: "Dank der Kultur der Rechten ist Italien noch heute ein gesünderes Land als jene Demokratien, die dem Nihilismus entgegengehen."

Doch Berlusconi und Co haben Italien nicht zu einem rechten Land gemacht. Die postfaschistische "Alleanza Nazionale" ist vielfältig zersplittert, heute politisch nahezu bedeutungslos. Auch die Kleinstparteien am rechten Rand haben wenig Zulauf. Was die Berlusconi-Jahre in Italien allerdings auf dem Feld hinterlassen haben, ist eine folgenreiche Banalisierung des Faschismus.

Das hat rechtsextremen Randgruppen Mut gemacht, sich offener und gewalttätiger zu zeigen. Wenn selbsternannte Faschos angereiste britische Fußballfans zusammenschlagen und sie dazu - wie vor dem Europa-League-Spiel Lazio Rom gegen Tottenham Hotspurs - als Juden beschimpfen oder wenn Neo-Faschisten mit Rauchbomben in Schulen einfallen, um gegen Kürzungen im Bildungsbereich zu protestieren und dabei brüllen: "Es lebe der Duce", dann ist das auch die Saat der Berlusconi-Regentschaft.

Erst die hat den rechten Rand gesellschaftsfähig gemacht.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
1. ...
Wolffpack 04.01.2013
Was erwartet man von einem Land, das so vertrottelt ist, das es Jahre lang Berlusconi wählt?
Zitat von sysopGetty ImagesIn Deutschland unvorstellbar, in Italien normal: Zum neuen Jahr werden Zigtausende Kalender mit Bildern von Mussolini, dem "Führer des Faschismus", in Büros und Küchen gehängt. Viele halten den "Duce" noch immer für einen Ehrenmann. Silvio Berlusconi nutzt das geschickt für seine Zwecke. Duce-Kult: Mussolini hat in Italien noch eine treue Fan-Gemeinde - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/duce-kult-mussolini-hat-in-italien-noch-eine-treue-fan-gemeinde-a-875608.html)
Was erwartet man von einem Land, das so vertrottelt ist, das es Jahre lang Berlusconi wählt?
2. Ja, die Italiener haben was gelernt
johnnybongounddie5goblins 04.01.2013
Und zwar: nie wieder Totalitarismus. Das beudeutet auch keinen Gesinnungsterrorismus gegen vermeitliche und richtige Faschisten. Antifaschistischer Terror gegen konservative Kleinparteien wie "Die Freiheit", ProKöln, [...]
Und zwar: nie wieder Totalitarismus. Das beudeutet auch keinen Gesinnungsterrorismus gegen vermeitliche und richtige Faschisten. Antifaschistischer Terror gegen konservative Kleinparteien wie "Die Freiheit", ProKöln, ProNRW gibt's nur in DE. Dass man konservative Politiker wie Berusconi mit Faschismus in Verbindung bringt, ist eben auch totalitär.
3. Bestürzend, dass...
Schroekel 04.01.2013
...viele Italiener Mussolini für einen Ehrenmann halten und ihn nach wie vor huldigen. Der Mann war ein Faschist, Despot und Betrüger. Nichts anderes. Berlusconi ist nur ein Betrüger. Wobei auch diesbezüglich traurig und [...]
Zitat von sysopGetty ImagesIn Deutschland unvorstellbar, in Italien normal: Zum neuen Jahr werden Zigtausende Kalender mit Bildern von Mussolini, dem "Führer des Faschismus", in Büros und Küchen gehängt. Viele halten den "Duce" noch immer für einen Ehrenmann. Silvio Berlusconi nutzt das geschickt für seine Zwecke. Duce-Kult: Mussolini hat in Italien noch eine treue Fan-Gemeinde - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/duce-kult-mussolini-hat-in-italien-noch-eine-treue-fan-gemeinde-a-875608.html)
...viele Italiener Mussolini für einen Ehrenmann halten und ihn nach wie vor huldigen. Der Mann war ein Faschist, Despot und Betrüger. Nichts anderes. Berlusconi ist nur ein Betrüger. Wobei auch diesbezüglich traurig und bestürzend ist, dass mancher Italiener auch das wiederum nicht merkt.
4.
pantokrator 04.01.2013
" boia chi molla" und "credere, obbedire, combattere" kenne ich noch aus meiner Kindheit der 70er Jahre in Rom. Es war Alltag diese Sprüche an vielen Hauswänden oder auf den Straßen als Graffiti zu lesen.Als [...]
" boia chi molla" und "credere, obbedire, combattere" kenne ich noch aus meiner Kindheit der 70er Jahre in Rom. Es war Alltag diese Sprüche an vielen Hauswänden oder auf den Straßen als Graffiti zu lesen.Als Kind habe ich mir nichts dabei gedacht, Aufklärung über den Ursprung undf Bedeutung dieser "Losungen" gab es nicht. Faschismus war in gewisser Weise "Alltag" eben
5. Ein paar Korrekturen und Gedanken
Martin Angler 04.01.2013
1. Es heißt "Alleanza Nazionale", nicht "Allianza Nazionale". 2. "Die postfaschistische "Allianza Nazionale" ist vielfältig zersplittert, heute politisch nahezu bedeutungslos". Das kann [...]
1. Es heißt "Alleanza Nazionale", nicht "Allianza Nazionale". 2. "Die postfaschistische "Allianza Nazionale" ist vielfältig zersplittert, heute politisch nahezu bedeutungslos". Das kann man so nicht sagen. Schließlich ist diese Partei nach ihrer Auflösung 2009 in die Partei "Popolo della Libertà" (PDL) Berlusconis übergegangen. Das AN-Gedankengut ist also durchaus noch in der PDL präsent - und war damit auch geraume Zeit in der Regierung vertreten. Vielleicht wird dies ab 2013 wieder der Fall sein. 3. "Die Duce-Verherrlichung ist vor allem eins - viel Gerede." Jein. Es gibt einige Gruppierungen, für die die Verherrlichung nicht bloßes Gerede ist, darunter die von Ihnen genannte "Studentenorganisation". Diese und weitere Organisationen leisten aktive "Aufklärungsarbeit" und sehen sich als Neofaschisten des 3. Jahrtausends. Tatsächlich ist die Szene sehr aktiv, egal ob in Nord- oder Süditalien. Ansonsten: Wichtiges Thema. Ich finde es gut, dass Sie es aufgreifen. Beste Grüße, Martin W. Angler
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Steckbrief Italien

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Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone. Das Land hat im Gegensatz zu Griechenland zwar eine recht solide Wirtschaft, leidet aber ebenfalls unter einer gigantischen Staatsverschuldung. Die wichtigsten Daten im Überblick:
Wirtschaftsleistung 2011
1589 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2589 Milliarden Euro

Griechenland: 222 Milliarden Euro
Wirtschaftswachstum 2011
+0,7 Prozent, zum Vergleich:

Deutschland: 2,9 Prozent

Euro-Zone: 1,6 Prozent
Wirtschaftswachstum 2012
+0,6 Prozent
Staatsverschuldung
1911 Milliarden Euro, zum Vergleich:

Deutschland: 2133 Milliarden Euro

Griechenland: 351 Milliarden Euro
Staatsverschuldung in Prozent des BIP
120 Prozent. Das ist doppelt so viel wie nach dem europäischen Stabilitätspakt eigentlich erlaubt.
Neuverschuldung 2011
4,0 Prozent. Laut Stabilitätspakt dürften es nur 3,0 Prozent sein.
Arbeitslosenquote
8,3 Prozent. In der Euro-Zone sind es 10,0 Prozent.

Quelle: EU-Kommission

AUS SPIEGEL 29/2011

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