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04.01.2013
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Medien-Echo zur Euro-Krise

2013! Voran in die Flaute!

Von Carolin Lohrenz
dapd

Europäische Flagge in Athen: Sorgen und Hoffnungen zum Jahreswechsel

Kommt 2013 Europas großer Katzenjammer? Oder gibt es Lichtblicke auf dem Kontinent? Die Presse ist sich uneins. "Es gibt nichts mehr abzuspecken", warnt der Diário Económico. Libération hingegen ruft das "Jahr der Hoffnung aus".

Müssten 27 Regierungschefs des Kontinents sich zu Jahresanfang auf eine Sorgen/Wunsch-Liste einigen, dann stände Europa wahrscheinlich ganz oben. Von Großbritannien bis Griechenland rüttelt die Frage nach dem Bestehen und der Zukunft der EU an der Regierungspolitik. So liest sich auch die Presse zum Jahreswechsel.

In Lissabon geht das Jahr ganz schwarz los, steht im "Diário Económico" .

"Die Rezession wird anhalten, die Arbeitslosigkeit steigen, die Armut fortschreiten und die soziale Ausgrenzung sich verstärken. So sieht der schwarze Hintergrund dieses Jahres aus. […] Die Opfer der Bevölkerung sind enorm. Anfang 2013, nachdem die Portugiesen bereits zwei Jahre lang den Gürtel immer enger geschnallt haben, treten die höchsten Steuererhöhungen für Familien und Rentner der jüngsten Vergangenheit in Kraft. Dabei gibt es nichts mehr abzuspecken. Ohne sichtbare Ergebnisse wird die politische und soziale Debatte sich verstärkt auf Alternativen zu den Forderungen der Troika konzentrieren. Denn Portugal steht nicht allein da. Und die Rezession verbreitet sich wie die Pest in ganz Europa."
Diário Económico, Lissabon, 2. Januar

2013 wird gewiss nicht leichter, vor allem für die Verbraucher, meint auch das Wirtschaftsblatt "NRC Handelsblad" aus Den Haag:

"Laut dem nationalen Statistikamt fürchtet nun jeder Dritte Holländer, dass ihn die Krise im kommenden Jahr persönlich treffen wird. Auf ihrem Höhepunkt wird sich die Wirtschaft um 3,5 Prozent verlangsamen und die Kaufkraft um zwei Prozent einbrechen. [...] Nicht nur die Regierungspolitik dürfte für den Bürger zum Problem werden. Was soll man zu den Immobilienpreisen sagen, die in vier Jahren um 15 Prozent gefallen sind? [...] Weiter wird die Arbeitslosigkeit steigen. 2013 wird es 50 000 mehr Arbeitslose geben und ihre Gesamtzahl wird auf 525 000 erhöhen."
NRC Handelsblad, Den Haag, 3. Januar

In Rumänien geht es ebenfalls um Jobs, allerdings um das Ende der Beschränkungen für rumänische Arbeitsmigranten in Europa, das für Ende 2013 ansteht. "Adevrul" schreibt, dass die Jobsuche im Ausland nur eine kleine Minderheit von Rumänen betreffen wird. In Europa werde dagegen der Mythos jobsuchender Massen aus dem Osten aufrechterhalten. Für 2013 ruft die Zeitung deshalb zum Kampf für ordentliche Information auf.

"Das ist das Ende der protektionistischen Politik der Mitgliedstaaten. Eingerichtet wurde sie aus lauter Verängstigung vor der Geschichte über die Hungernden aus dem Osten, die die heimischen Märkte erdrücken würden, und den Wohlfahrtsstaat gleich mit ihnen. Was hat der Bericht der EU-Kommission aus dem Jahr 2010 gebracht, der zeigte, dass zwischen 2004 und 2009 gerade mal 0,9 % des Migrationspotentials aus dem Osten wirklich in andere EU-Arbeitsmärkte auswanderte? Das Bild von der Gefahr aus dem Osten bleibt fest in den Köpfen verankert."
Adevrul, Bukarest, 3. Januar

Auch in Prag sinniert die Presse über den Platz des Landes in Europa. Tschechien mache einen großen Fehler, weiter seine Euro-Skepsis zu kultivieren, schreibt die liberale Prager Wochenzeitung "Respekt". Das Machtzentrum des Kontinents verlagere sich zunehmend Richtung Osten, womit Prag historisch viele Kohlen aus dem Feuer zu holen habe.

"Bisher sind sich vor allem die deutschen und polnischen Politiker der neuen Möglichkeiten bewusst. Die Staaten der Visegrád-Gruppe mit ihren 50 Millionen Einwohnern sind heute schon ein bedeutenderer Handelspartner für Deutschland als Frankreich. Und der deutsche Blick auf die Region ändert sich. Die Polen haben das als Erste verstanden und nutzen die Gelegenheit. Sie sind die Speerspitze der Integration geworden."
Respekt, Prag, 2. Januar

Im Land der notorischen EU-Zweifler Großbritannien wird laut der "Financial Times" die Innenpolitik wie kaum jemals zuvor an europäischen Konfliktlinien entlang verhandelt werden, mit am Ende der großen Frage: mit oder ohne die EU?

"Sieht man mal über den britischen Tellerrand hinweg, dann werden die Tories ihre anti-europäische Haltung verstärken. Die Lib Dems werden vor allem darum kämpfen, dass diese Haltung sich nicht in der Koalitionspolitik niederschlägt. Und Labour wird eine euroskeptische Auktion zu fallenden Preisen verhindern wollen. 2013 werden die politischen Kampflinien entlang Großbritanniens EU-Mitgliedschaft verlaufen."
Financial Times, London, 3. Januar

In Paris stemmt sich die linksliberale "Libération" mit einem entschlossenen "Hoffnung!" gegen die medial befeuerte Neujahrsdepression vor dem Krisenjahr, in dem Frankreich seinen Absturz erleben soll.

"Und wenn 2013 nicht das Land des großen Katzenjammers, der Flaute und des Schmerzes wäre? Wenn die kommenden Monate im Zeichen des Mutes ständen, und des Widerstands gegen die Fatalität? Wenn die Hoffnung sich gegen die allgemeine Verzweiflung durchsetzte? Heute noch mehr als gestern müssen wir uns vor "der gelehrten Unwissenheit der Experten", die uns den Schlimmstfall predigen, in Acht nehmen, schreibt [der französische Philosoph] Edgar Morin. 2013 könnte das Jahr der sozialen und steuerlichen Gerechtigkeit werden, der Homo-Ehe und - warum nicht - des Wahlrechts für Ausländer. 2013 könnte auch das Jahr der Beispielhaftigkeit unserer Regierenden sein, und der Reichen auch. Das Jahr der Solidarität, dieses hehren Wortes und absoluten Heilmittels gegen Depression und Verzicht."
Libération, Paris, 2. Januar

Auch in Belgien sind zum Jahreswechsel Schulden-, Staats- und Identitätskrise das beherrschende Thema. Angesichts der Aufgaben des kommenden Jahres verlässt den Brüsseler "Le Soir" die Hoffnung.

"Januar 2013. Das könnte wie ein ruhiger Fluss erscheinen, gemessen an dem, was wir hinter uns haben - den drohenden Zusammenbruch der Euro-Zone und Belgiens - und dem, das vor uns liegt - 2014, das Superwahljahr mit Regional-, Bundes- und Europawahlen. Sicher ist nur, und das gilt sowohl für das Duo Van Rompuy-Barroso oder die Regierung Di Rupo: Sie müssen Maßnahmen ergreifen, mehr und mehr Reformen wagen und unter keinen Umständen mit der harten Arbeit aufhören. Europa? Muss die Folgen seiner exzessiven Sparpolitik aushalten. Großbritanniens Mitgliedschaft steht auf dem Spiel. Und für Belgien wird 2013 kein Tag vergehen, ohne von der Perspektive auf 2014 heimgesucht zu werden. Was wird aus Brüssel? Welche Reformen? Ebenso für Wallonien. Und für den Bund Wallonien-Brüssel? Joker! Die Feststellung in diesem Januar 2013 ist schrecklich: Schon an diesem 2. Januar fehlt die Zeit, um all das zu erreichen."
Le Soir, Brüssel, 2. Januar

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insgesamt 11 Beiträge
1. Es gibt
derandersdenkende 04.01.2013
im Sinne ihrer ideologischen Aufgabe Schönschreiber und Untergangspropheten. Ich bewege mich eher dazwischen und wünsche den Realisten einen Zuwachs und Aufschwung. Wir werden die derzeitigen Probleme für alle, nicht [...]
Zitat von sysopdapdKommt 2013 Europas großer Katzenjammer? Oder gibt es Lichtblicke auf dem Kontinent? Die Presse ist sich uneins. "Es gibt nichts mehr abzuspecken", warnt der Diário Económico. Libération hingegen ruft das "Jahr der Hoffnung aus". http://www.spiegel.de/politik/ausland/aussenspiegel-europas-presse-zur-euro-krise-in-2013-a-875715.html
im Sinne ihrer ideologischen Aufgabe Schönschreiber und Untergangspropheten. Ich bewege mich eher dazwischen und wünsche den Realisten einen Zuwachs und Aufschwung. Wir werden die derzeitigen Probleme für alle, nicht nur für eine elitäre Klientel, akzeptierbar lösen können, wenn man diese im Sinne der "Volksmeinung" betrachtet und nicht immer nur vom elitären Standpunkt. Lichtblicke sind menschlich und zuviele mit Euronen und Dollars vor und hinter den Augen arbeiten an der allgemeinen Finsternis. Die Gesellschaft hat nur eine Zukunft, wenn sie sich das Kapital zur eigenen Existenz untertan macht und nicht wenn sie sich zum Sklaven desselben und seiner Besitzer macht.
2. Noch weit vom Realismus entfernt …
Dr.pol.Emik 04.01.2013
Volle Zustimmung dafür. Nur setzt dies voraus, dass die Menschen auch das eigentliche Problem erkennen, nämlich das kaputte Geldsystem. Den Medien vollführen hier ja eher eine ständige Vernebelungs- statt [...]
Zitat von derandersdenkendeim Sinne ihrer ideologischen Aufgabe Schönschreiber und Untergangspropheten. Ich bewege mich eher dazwischen und wünsche den Realisten einen Zuwachs und Aufschwung. Wir werden die derzeitigen Probleme für alle, nicht nur für eine elitäre Klientel, akzeptierbar lösen können, wenn man diese im Sinne der "Volksmeinung" betrachtet und nicht immer nur vom elitären Standpunkt. Lichtblicke sind menschlich und zuviele mit Euronen und Dollars vor und hinter den Augen arbeiten an der allgemeinen Finsternis. Die Gesellschaft hat nur eine Zukunft, wenn sie sich das Kapital zur eigenen Existenz untertan macht und nicht wenn sie sich zum Sklaven desselben und seiner Besitzer macht.
Volle Zustimmung dafür. Nur setzt dies voraus, dass die Menschen auch das eigentliche Problem erkennen, nämlich das kaputte Geldsystem. Den Medien vollführen hier ja eher eine ständige Vernebelungs- statt Aufklärungsberichterstattung. Wer es einmal um 180° versetzt und auch etwas süffisanter braucht, der kann sich dazu ja einmal einen anonymen Billionär anhören, der das ganze Dilemma aus Sicht der „Guthabenkrise“ beschreibt, was nichts anderes ist als die andere Seite des T-Kontos: *Schuldenkrise eskaliert, jetzt auch noch Guthabenkrise* (http://qpress.de/2011/12/05/schuldenkrise-eskaliert-jetzt-auch-noch-guthabenkrise/) … wer danach noch an einen positiven oder kampflosen Ausgang der Story glaubt, der ist zu bewundern, obgleich es ja zu befürworten wäre. Das Bedauerliche an der Geschichte ist, dass unsere sogenannten Volksvertreter, entweder durchgehend keine Ahnung haben, oder sie haben sich aus welchen Gründen auch immer auf die falsche Seite geschlagen.
3. In Portugal
agua 04.01.2013
ist zur Zeit der Finanzminister der maechtigste Mann.Er ist es,der im Fernsehen die neuen Massnahmen bekannt gibt.Cavaco Silva hat die neuen Plaene der Sparmassnahmen fuer 2013 abgesegnet.Es gibt im Grunde bei der Bevoelkerung [...]
ist zur Zeit der Finanzminister der maechtigste Mann.Er ist es,der im Fernsehen die neuen Massnahmen bekannt gibt.Cavaco Silva hat die neuen Plaene der Sparmassnahmen fuer 2013 abgesegnet.Es gibt im Grunde bei der Bevoelkerung nichts mehr zu holen.Aber weiterhin sind Rentner,Angestellte,der kleine Selbstaendige und Kleinbetriebe betroffen.
4. Nur Fakten zählen ...
karlsiegfried 04.01.2013
... und diese deuten auf Tsunami. Massnahmen: Nicht auf verlogene Politiker hören. Abhauen, fressen, saufen, huren. Keine Zeitung lesen, kein Radio hören, Fernseher aus dem Fenster schmeissen. Der Weltuntergang hat längst [...]
... und diese deuten auf Tsunami. Massnahmen: Nicht auf verlogene Politiker hören. Abhauen, fressen, saufen, huren. Keine Zeitung lesen, kein Radio hören, Fernseher aus dem Fenster schmeissen. Der Weltuntergang hat längst begonnen.
5. Die armen Franzosen
karlsiegfried 04.01.2013
Das Hoffnung stirbt zuletzt. Aber die böse Realität bleibt.
Das Hoffnung stirbt zuletzt. Aber die böse Realität bleibt.

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