Lade Daten...
09.01.2013
Schrift:
-
+

Kampf gegen Islamisten

Malis Regierung fleht Deutschland um Hilfe an

Aus Bamako berichtet
AFP

Kämpfer der Islamistenmiliz Ansar al-Din: Mali taumelt ins Chaos

"Jeder Tag ohne Unterstützung ist ein verlorener Tag": Eindringlich appelliert die Regierung in Mali an Berlin und die EU, die geplante Militärmission zur Ausbildung einheimischer Soldaten umgehend zu starten. Ohne schnelle Hilfe seien die Islamisten im Norden des Landes nicht mehr zu stoppen.

Malis Übergangsführung hat die Bundesregierung eindringlich gebeten, so schnell wie möglich mit der Ausbildungshilfe für das Militär des afrikanischen Staats zu beginnen. Außerdem sollen die Sicherheitskräfte für eine Intervention im von Islamisten besetzten Nordteil des Landes ausgerüstet werden. Bei einem Besuch des grünen Bundestagsabgeordneten Omid Nouripour in der Hauptstadt Bamako warnten sowohl der amtierende Verteidigungsminister Yamoussa Camara und sein Kollege Tieman Coulibaly aus dem Außenamt, dass die Armee des westafrikanischen Staats ohne eine schnelle Ausbildungsinitiative und Unterstützung bei der Ausrüstung den Kampf gegen die Islamisten im Norden weder beginnen noch gewinnen könne. Dass Nouripour ein Oppositionspolitiker ist, stört die Malier dabei wenig, sie nutzen derzeit jede Chance für ihre Hilfsappelle.

Außenminister Coulibaly sagte, jeder Tag ohne die Unterstützung des Westens sei "ein verlorener Tag" und eine ermögliche den radikalislamistischen Rebellengruppen, ihre Macht im Norden des Landes weiter zu betonieren. "Die Botschaft der Regierung war ein dramatischer Hilferuf an uns und unsere Partner in der Europäischen Union", sagte Nouripour kurz vor dem Abflug aus Bamako, "das Land steckt in einer tiefen und gefährlichen Krise". Nouripour hatte in Mali nicht nur Vertreter der gerade erst neu besetzten Übergangsregierung getroffen. Er traf auch Oppositionspolitiker und Vertreter der Zivilgesellschaft aus Nordmali, die über die desaströse Lage dort berichteten.

Die Treffen mit den Ministern offenbarten, wie schlecht es um die malische Armee steht. Verteidigungsminister Camara berichtete, für eine Intervention im Norden des Landes bräuchten seine Truppen mindestens 430 geländefähige Fahrzeuge, die Armee verfüge aber nur über rund 200. Ebenso schlecht bestellt sei es um Waffen, vor allem fehlten schwere Doppelrohr-Maschinengewehre. Über eine Luftwaffe verfügt das Militär überhaupt nicht mehr: Die vier verbliebenen Hubschrauber seien häufiger in der Werkstatt als in der Luft. Zudem bräuchte man für die Verlegung von Truppen in dem riesigen Areal des Nordens mindestens zwei große Transportflugzeuge. Geld dafür fehlt natürlich. Auch wenn der Minister keine konkreten Forderungen an den Gast aus Deutschland richtete, bekam dieser einen Eindruck, wie umfangreich eine logistische Unterstützung Malis aussehen müsste.

Die Lage erinnert an die Entwicklung in Afghanistan

Mali befindet sich seit Monaten im Chaos. Seitdem im März 2012 junge Militärs den Präsidenten bei einem Putsch aus dem Amt gejagt haben, ist die Führung des Staats kaum noch funktionsfähig. Abseits der machthungrigen Offiziere in Bamako fällt das Militär auseinander. Im Norden Malis, einer Wüstenregion so groß wie Frankreich und Spanien, kam es zur Rebellion. Zunächst vertrieben Tuareg-Stämme gemeinsam mit islamistischen Rebellen die staatlichen Kräfte - alle Gruppen hatten sich nach der Revolution in Libyen in den offenen Waffen-Depots massiv aufgerüstet. Im April dann übernahmen drei radikalislamistische Gruppen mit Verbindungen zum Terrornetzwerk al-Qaida die Kontrolle, führten eine radikale Form der Scharia und eine scharfe Glaubenspolizei ein, zerstörten viele historische Stätten in der Region und terrorisieren die Bevölkerung.

Die Errichtung des Gottesstaats in der Sahara-Region alarmierte die internationale Staatengemeinschaft. Vor allem Frankreich, ehemalige Kolonialmacht und immer noch einflussreich in der Region, fürchtet wie auch Berlin oder Washington das Entstehen eines neuen Terrorhorts nach dem Vorbild von Afghanistan in den neunziger Jahren. Tatsächlich erinnern die verwackelten Videos, die aus der Nord-Region kommen, frappant an die dunklen Zeiten am Hindukusch. Vermummte Kämpfer posieren auf Pick-up-Geländewagen mit Raketenwerfern. Unter ihnen sollen mittlerweile viele ausländische Dschihadisten sein, die wie in Afghanistan eine Basis für weitere Operationen auf der ganzen Welt aufbauen. Vor islamischen Schnellgerichten verurteilen sie angebliche Ehebrecher zu Peitschenhieben, Religionsrichter amputieren vermeintlichen Dieben noch vor Ort die Hände.

Deutliche Sicherheitsbedenken

Selbst intervenieren will jedoch kein westliches Land in Mali, zu tief sitzt die Frustration nach den verlustreichen und am Ende wenig erfolgreichen Feldzügen im Irak oder Afghanistan. Folglich erarbeitete man den Plan einer Unterstützungsmission mit so wenig Risiko wie möglich. Statt selbst Kämpfer zu schicken, sollen ausländische Militärs malische Soldaten abseits der Front trainieren und ihnen bei der Logistik helfen. Die EU hat bereits einen detaillierten Operationsplan entwickelt, der bis zu 270 Ausbilder umfasst. Die Vereinten Nationen beschlossen im Dezember ein Mandat für die Operation, das neben den Trainern auch 3300 Soldaten der afrikanischen Staatengemeinschaft Ecowas einschließt. Gemeinsam soll Mali mit den Ecowas-Truppen schließlich die Islamisten vertreiben und die Integrität Malis wiederherstellen.

Gleichwohl gibt es in Berlin wachsende Zweifel an der Machbarkeit der Mission. Zum einen ist die Regierung in Mali faktisch von den Putschisten eingesetzt und damit kaum als legitim zu bezeichnen. Zwar versprachen die Minister auch bei den Gesprächen in Bamako schnelle und faire Wahlen. Wie diese aber in dem faktisch geteilten Land stattfinden sollen, ist kaum abzusehen. In der Bundeswehr, die bis zum März über mehrere Jahre ein Ausbildungsprogramm für Pioniere in Mali durchführte, gibt es zudem immer stärkere Sicherheitsbedenken. Auch wenn deutsche Soldaten nicht an die Frontlinie geschickt würden, könnten sie schnell zum Ziel von Anschlägen der Islamisten werden. Die verfügen nach Geheimdiensterkenntnissen nicht nur im Norden des Landes über ein Netz von Informanten, sondern bis in die Hauptstadt Bamako hinein.

Kaum rascher Start der EU-Mission

Die angespannte Lage in Mali wurde auch während des Besuchs von Nouripour deutlich. Schon am Montag gab es in Bamako alarmierende Gerüchte, die Islamisten würden nach einer großen Zusammenkunft der drei Rebellengruppen Ansar al-Din, Mujao und dem al-Qaida-Ableger Aqmi weiter in Richtung Süden auf die strategisch wichtige Stadt Mopti zumarschieren, die mit Zehntausenden Flüchtlingen aus dem Norden überfüllt ist.

Tatsächlich war die vermeintliche Offensive wohl eher ein Test oder eine Provokation der Islamisten. Augenzeugen berichteten, die Kämpfer seien mit rund 15 Pick-up-Geländewagen auf der Hauptstraße in Richtung Süden gerast. Als die malische Armee schließlich mit Mörsern Warnschüsse abfeuerte, drehte die Gruppe umgehend wieder um und verschanzte sich wieder im von ihnen als Grenzort eingerichteten Douentza.

Auch wenn das Scharmützel Hunderte Kilometer von Bamako stattfand, herrschte in der Hauptstadt durchaus Nervosität - ein weiterer Vormarsch der Islamisten wäre weit mehr als ein fatales Signal. Am Mittwoch dann schließlich ließ das Militär im Staatsfernsehen eine Erklärung verlesen, man habe die Islamisten erfolgreich in die Flucht geschlagen. Beobachter fürchten jedoch, dass die Islamisten ihr Einflussgebiet in den kommenden Wochen erneut ausweiten und die Teilung des Landes weiter vorantreiben könnten.

Die Zeit drängt also, doch mit einem Start der europäischen Mission ist nach Angaben von EU-Diplomaten vor Herbst kaum zu rechnen. Dann aber, so jedenfalls die Warnung von mehreren Gesprächspartnern in Bamako, könne es zu spät sein.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 66 Beiträge
1.
moev 09.01.2013
Wieso deutsche Ausbilder? Weil Deutschland Erfahrung damit hat von einem vorrückenden Gegner im eigenen Land immer weiter zurück gedrängt zu werden oder was?
Wieso deutsche Ausbilder? Weil Deutschland Erfahrung damit hat von einem vorrückenden Gegner im eigenen Land immer weiter zurück gedrängt zu werden oder was?
2. Schon alles?
Peter-Lublewski 09.01.2013
"....für eine Intervention im Norden des Landes bräuchten seine Truppen mindestens 430 geländefähige Fahrzeuge, die Armee verfüge aber nur über rund 200. Ebenso schlecht bestellt sei es um Waffen, vor allem fehlten [...]
"....für eine Intervention im Norden des Landes bräuchten seine Truppen mindestens 430 geländefähige Fahrzeuge, die Armee verfüge aber nur über rund 200. Ebenso schlecht bestellt sei es um Waffen, vor allem fehlten schwere Doppelrohr-Maschinengewehre. Über eine Luftwaffe verfügt das Militär überhaupt nicht mehr: Die vier verbliebenen Hubschrauber seien häufiger in der Werkstatt als in der Luft. Zudem bräuchte man für die Verlegung von Truppen in dem riesigen Areal des Nordens mindestens zwei große Transportflugzeuge...." Und das ist schon alles?
3. Keine deutschen Soldaten
fort-perfect 09.01.2013
für Mali! Sollen die Afrikaner doch selbst mit diesem Schlamassel fertig werden. Man kann keine sich illegal an die Macht geputschte Regierung unterstützen nur weil deren Gegner ein noch schlimmeres Gesocks ist..... [...]
Zitat von sysopAFP"Jeder Tag ohne Unterstützung ist ein verlorener Tag": Eindringlich appelliert die Regierung in Mali an Berlin und die EU, die geplante Militärmission zur Ausbildung einheimischer Soldaten umgehend zu starten. Ohne schnelle Hilfe seien die Islamisten im Norden des Landes nicht mehr zu stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordmali-regierung-appelliert-an-die-eu-im-kampf-gegen-islamisten-a-876566.html
für Mali! Sollen die Afrikaner doch selbst mit diesem Schlamassel fertig werden. Man kann keine sich illegal an die Macht geputschte Regierung unterstützen nur weil deren Gegner ein noch schlimmeres Gesocks ist..... Falls der Westen gegen islamischen Terror in Mali aktiv werden will, dann sollte er die Dinge so handhaben wie zB im Jemen. Drohnen helfen auch in Mali gegen Terroristen.... Im Übrigen sollte der Westen seine wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zu islamistischen Staaten überdenken.... Man kann keine Saudis unterstützen, die einen intoleranten Islam wahabitischer Prägung leben.....
4. Aus Ausbildern werden immer Kampfsoldaten
localpatriot 09.01.2013
Eine Sache fuer die ehemaligen Kolonialmaechte. D stoehnt immer noch unter taeglich ueberarbeiteten Abenteuern des Adolf Regimes. Wenn die in 1000 Jahren ein bisschen in Vergessenheit geraten snd, dann vielleicht. Bis [...]
Zitat von moevWieso deutsche Ausbilder? Weil Deutschland Erfahrung damit hat von einem vorrückenden Gegner im eigenen Land immer weiter zurück gedrängt zu werden oder was?
Eine Sache fuer die ehemaligen Kolonialmaechte. D stoehnt immer noch unter taeglich ueberarbeiteten Abenteuern des Adolf Regimes. Wenn die in 1000 Jahren ein bisschen in Vergessenheit geraten snd, dann vielleicht. Bis dahin muss man hoffend dass die Kanzlerin den Drang die Welt zu retten unterdrueckt. Also schoen brav zu Hause bleiben.
5. Unerträglich
Werner655 09.01.2013
Es ist eben auch in Mali so, wie in zunehmend mehr anderen Ländern auch. Wobei man der politischen Etikette wegen darauf hinweisen sollte, dass diese radikalen Islamisten mit dem Islam natürlich nichts zu tun haben. [...]
Zitat von sysopAFP"Jeder Tag ohne Unterstützung ist ein verlorener Tag": Eindringlich appelliert die Regierung in Mali an Berlin und die EU, die geplante Militärmission zur Ausbildung einheimischer Soldaten umgehend zu starten. Ohne schnelle Hilfe seien die Islamisten im Norden des Landes nicht mehr zu stoppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/nordmali-regierung-appelliert-an-die-eu-im-kampf-gegen-islamisten-a-876566.html
Es ist eben auch in Mali so, wie in zunehmend mehr anderen Ländern auch. Wobei man der politischen Etikette wegen darauf hinweisen sollte, dass diese radikalen Islamisten mit dem Islam natürlich nichts zu tun haben. Finanziert wird auch bei den derzeitigen "Kämpfern" herzhaft und mit voller Hingabe von den so geschätzten Saudis, die laut offizieller Lesart unser wichtiger stabilisierender Partner sind. Es ist unerträglich. was sich derzeit abspielt und wie Ursachen unter Verschluss gehalten werden. Nicht nur in Mali.

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Verwandte Themen

Fotostrecke

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Mali
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten