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10.01.2013
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Kulturkampf in Amerika

US-Regierung knöpft sich Waffenlobby vor

Von , Washington

Medien outen Waffenbesitzer, ein Verschwörungstheoretiker droht mit Krieg, Lehrer belegen Schützenkurse: In den USA tobt ein erbitterter Kampf ums Waffenrecht. Jetzt trifft Vizepräsident Biden die mächtigen Lobbyisten der Branche - offenbar meint er es ernst mit strengeren Regeln.

"Alex? Alex? Alex?! Alex!" Irgendwann blieb CNN-Moderator Piers Morgan nur noch die verzweifelte Anrufung seines renitenten Gastes im Vornamen-Stakkato. Doch auch das sollte nichts helfen. Alex Jones ließ sich nicht mehr stoppen. In einer 15-minütigen Schimpftirade - die Aufzeichnung wurde gleich darauf zum YouTube-Hit - zog er über Journalist Morgan her.

"Wenn du uns unsere Waffen wegnehmen willst", schrie er, "dann wird 1776 noch einmal geschehen", dann werde es einen neuen amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gegen die Rotröcke geben.

Was war da los? Piers Morgan, britischer Staatsbürger und also Rotrock, hatte nach dem Massaker in der Grundschule von Newtown Amerikas uneinsichtige Waffenlobbyisten kritisiert. Das wiederum veranlasste Jones, einen Radiomoderator und professionellen Verschwörungstheoretiker, eine Petition zu starten, die die Abschiebung Morgans zum Ziel hat. Und deshalb lud nun Morgan den Mann in seine Sendung ein.

Nachher sagte der Brite: "Er war das beste Argument für ein strengeres Waffenrecht."

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USA: Land der Waffenfanatiker
So geht es derzeit zu in Amerika. Der Amoklauf von Newtown, die 20 ermordeten Kinder und sieben getöteten Erwachsenen, all das hat Teile der Nation anscheinend nicht zur Besinnung führen können. Im Gegenteil: Zwischen Waffennarren und ihren Kritikern ist eine Art Kulturkampf entbrannt. Das Duell Morgan vs. Jones ist dabei nur die Spitze dessen, was Tag für Tag in den waffenstarrenden Staaten von Amerika abläuft.

Die National Rifle Association macht Werbung für noch mehr Waffen

Wird US-Präsident Barack Obama in diesem Klima das Waffenrecht überhaupt verschärfen können? Denn genau das hat er nach Newtown angekündigt. Schnell soll es geschehen, schon bald nach seiner Inauguration Mitte Januar will er ein Maßnahmepaket vorlegen. Vizepräsident Joe Biden leitet derzeit eine Arbeitsgruppe, begegnet Kritikern, Lobbyisten, Opfern von Waffengewalt.

An diesem Donnerstag trifft er unter anderem Vertreter der mächtigen National Rifle Association (NRA). Es wird ein schwieriges Gespräch werden, so viel ist schon jetzt klar. Denn die Waffenfreunde haben ein einfaches Rezept gegen die Waffengewalt verkündet: noch mehr Waffen. So erklärte NRA-Vize Wayne LaPierre nur eine Woche nach Newtown: "Das Einzige, was einen bösen Kerl mit einer Waffe stoppt, das ist ein guter Kerl mit einer Waffe." Auch das hört sich reichlich skurril an, wie Satire. Einer neuen Studie zufolge kommen auf 100 Amerikaner schon jetzt 89 Waffen. Und das Militär ist da nicht mal eingerechnet.

Biden seinerseits will Obama am liebsten schon in der nächsten Woche konkrete Vorschläge unterbreiten. Denkbar ist:

Nach einem Treffen mit Verfechtern eines schärferen Waffenrechts ließ Biden am Mittwoch keinen Zweifel aufkommen: "Der Präsident ist entschlossen, hier zu handeln." Die Botschaft: Diesmal meinen wir es ernst. Tatsächlich kann Obama per Exekutivanordnung einige Regeln verschärfen, etwa beim Hintergrundcheck. Für neue Gesetze benötigt er allerdings den Kongress, die Unterstützung der Republikaner.

"Hier ist eine Liste aller Arschlöcher in New York, die Waffen besitzen"

Kann das gelingen? Kühl erklärte Mitch McConnell, der republikanische Fraktionsvorsitzende im Senat: "Unser größtes Problem sind derzeit unsere Schulden und Ausgaben." Kein Wort zu den Waffen. Unterstützung erhält Obama dagegen von Gabrielle Giffords. Die frühere Kongressabgeordnete wurde vor zwei Jahren bei einem Attentat in Arizona durch einen Kopfschuss lebensgefährlich verletzt. Jetzt hat sie die Initiative "Amerikaner für verantwortungsvolle Lösungen" gestartet, um Geld gegen die mächtige Waffenlobby sammeln zu können.

Derweil geschehen draußen im Land weiter wunderliche Dinge. Erst veröffentlichte die Lokalzeitung "Journal News" aus dem Bundesstaat New York für zwei Landkreise eine Liste der Bewohner mit Erlaubnis zum Tragen einer Handfeuerwaffe - inklusive Adresse. Exakt 33.614 Namen stehen auf der Liste. Daraufhin schlugen Waffenfreunde aus ganz Amerika zurück: Die Adressen von "Journal News"-Redakteuren wurden ins Internet gestellt. Preisgegeben wurde laut "New York Times" teilweise auch, welche Schulen deren Kinder besuchen. Blogger hätten dazu aufgerufen, die Kreditkarteninformationen der Journalisten abzugreifen. Am Ende ließ sich die Redaktion - eine weitere Skurrilität - von einem bewaffneten Sicherheitsdienst beschützen.

In dieser Woche legte die Website "Gawker" nach, publizierte die Namen aller Handfeuerwaffen-Besitzer in New York City. Überschrift: "Hier ist eine Liste aller Arschlöcher in New York, die Waffen besitzen." Unter dem Buchstaben A findet sich auch der Name Roger Ailes - des Chefs von Fox News. Prompt erfolgte der Vergeltungsschlag: Fox News veröffentliche Telefonnummer und Email-Adresse des Gawker-Gründers.

Konservative Gruppen planen jetzt einen "Waffenwürdigungstag", der zeitnah zu Obamas Inauguration stattfinden soll. Die Leute sollen sich mit US-Fahnen schmücken, den Waffenladen ihres Vertrauens oder eine Gun Show besuchen und sich am besten Schilder malen mit dem sinnhaften Spruch: "Hände weg von meiner Waffe."

Aber damit ist noch lange nicht Schluss. In Ohio bieten Waffenlobbyisten ein ganz spezielles Schützentraining an: Es richtet sich exklusiv an Lehrer, damit die beim nächsten Amoklauf zurückschießen können. Nach Angaben der Veranstalter von der Buckeye Firearms Association haben sich schon mehr als 600 Interessierte gemeldet.

Der Kurs wird natürlich kostenlos angeboten. Geht ja schließlich um die gute Sache.

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 532 Beiträge
1. Diese Gesellschaft wird....
onig85 10.01.2013
sich irgendwann selbst erledigen, wenn sie nicht bald anfangen zu handeln. Das Problem der Waffen ist die eine Seite, die soziale Ungerechtigkeit die andere. Um in einer sicheren Gesellschaft leben zu können, müssen beide Dinge [...]
sich irgendwann selbst erledigen, wenn sie nicht bald anfangen zu handeln. Das Problem der Waffen ist die eine Seite, die soziale Ungerechtigkeit die andere. Um in einer sicheren Gesellschaft leben zu können, müssen beide Dinge gleichermaßen angegangen werden.
2.
Jan B. 10.01.2013
Traurig wie sehr sich Menschen an ihre Waffen klammern, man könnte meinen sie haben Angst davor, nicht mehr wichtig zu sein.
Zitat von sysopDPAMedien outen Waffenbesitzer, ein Verschwörungstheoretiker droht mit Krieg, Lehrer belegen Schützenkurse: In den USA tobt ein erbitterter Kampf ums Waffenrecht. Jetzt trifft Vize-Präsident Biden die mächtigen Lobbyisten der Branche - offenbar meint er es ernst mit strengeren Regeln. Konflikt um Waffenrecht wird in den USA zum Kulturkampf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/konflikt-um-waffenrecht-wird-in-den-usa-zum-kulturkampf-a-876695.html)
Traurig wie sehr sich Menschen an ihre Waffen klammern, man könnte meinen sie haben Angst davor, nicht mehr wichtig zu sein.
3. Freiheit
spiegelleser_1981 10.01.2013
Es gibt einen schönen Spruch " Wer Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren". Es gibt Millionen Waffenbesitzer in den USA und nur da hier und da jemand durchdreht sollen alle legalen [...]
Zitat von sysopDPAMedien outen Waffenbesitzer, ein Verschwörungstheoretiker droht mit Krieg, Lehrer belegen Schützenkurse: In den USA tobt ein erbitterter Kampf ums Waffenrecht. Jetzt trifft Vize-Präsident Biden die mächtigen Lobbyisten der Branche - offenbar meint er es ernst mit strengeren Regeln. Konflikt um Waffenrecht wird in den USA zum Kulturkampf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/konflikt-um-waffenrecht-wird-in-den-usa-zum-kulturkampf-a-876695.html)
Es gibt einen schönen Spruch " Wer Freiheit aufgibt um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren". Es gibt Millionen Waffenbesitzer in den USA und nur da hier und da jemand durchdreht sollen alle legalen Waffenbesitzer nun dafür büßen ? Verbrecher kommen immer an Waffen ran und nutzen diese auch, und der Normalbürger muss ich diesen schutzlos ausliefern und solange warten bis ein bewaffneter Polizeibeamter kommt. Waffen zu besitzend bedeute ein Stück Freiheit und darf nicht eingeschränkt werden. Es sterben wesentlich mehr Menschen durch Sonntagsfahrer, die mal mit einem PS starken Sportwagen über die Autobahn fegen als durch Schusswaffen. Es kommt ja auch keiner auf die Idee deswegen schnelle Autos oder unnötige Autofahrten zu verbieten oder ?
4. Gar nicht so einfach …
Dr.pol.Emik 10.01.2013
… selbst wenn man ein ausgewiesener Gegner von Waffen ist, drängen sie doch hier für den aufmerksamen Betrachter diverse Fragen auf. Zuerst einmal riecht es nach einer Hetzjagd. Die Zahl der absoluten Waffenmissbraucher [...]
… selbst wenn man ein ausgewiesener Gegner von Waffen ist, drängen sie doch hier für den aufmerksamen Betrachter diverse Fragen auf. Zuerst einmal riecht es nach einer Hetzjagd. Die Zahl der absoluten Waffenmissbraucher dürfte womöglich unterhalb der Prozentgrenze liegen, damit wird jetzt eindeutig die Mehrheit diskriminiert. Ein schlechtes Zeichen. Böse Erinnerungen. Begann nicht der Aufstieg der braunen macht in Deutschland n den 30er Jahren auch mit einer umfänglichen Volksentwaffnung? Wir leiden ja heute noch unter den Folgen die uns die braune Suppe dann einbrachte. Hier kommt das Argument, dass das Volk sogar gegenüber der eigenen Regierung wehrhaft sein muss. Aber noch viel besorgniserregender ist doch die Tatsache, dass der Staat USA derzeit massiv aufrüstet. Polizei und Homeland Security werden mit schweren Waffen und gepanzerten Fahrzeugen bis zur Halskrause aufgerüstet. Noch schlimmer: *450 Mio. Spezial-Totmacher für US Homeland Security* (http://qpress.de/2012/04/04/450-mio-spezial-totmacher-fur-homeland-security/) … aber dafür gibt es keine öffentlichen Erklärungen. Jetzt wieder der Blick rückwärts. Damals in Deutschland geschah auch alles nur zum Wohle des Volkes. Wer also sieht sich in der Lage dieses Dilemma aufzulösen? Der Wunsch nach einer waffenfreien Gesellschaft darf sich scheinbar nicht nur auf den zivilen Teil erstrecken. Dann muss man die Staatsgewalt, um Missbrauch auszuschließen, hier ebenso mit einbeziehen, so meine Meinung, sonst könnte es ins Auge gehen.
5.
spatenheimer 10.01.2013
---Zitat von spon--- ■ein Verbot halbautomatischer Sturmgewehre, das es einst unter Bill Clinton schon gab, ■die Beschränkung von Magazinen auf maximal zehn Schuss Munition, ■ein verschärfter [...]
---Zitat von spon--- ■ein Verbot halbautomatischer Sturmgewehre, das es einst unter Bill Clinton schon gab, ■die Beschränkung von Magazinen auf maximal zehn Schuss Munition, ■ein verschärfter Hintergrund-Check bei Waffenkäufern sowie die Bestrafung jener, die beim Kauf falsche Informationen vorgelegt haben, ■die Beobachtung von Weiter- und Wiederverkäufen, ■die Registrierung von Waffen. ---Zitatende--- Eine Alternative wäre evtl. ein Gesundheitssystem, in dem psychische Krankheiten schon weit vor einem Amoklauf erkannt und erfolgreich behandelt werden. ---Zitat von spon--- In Ohio bieten Waffenlobbyisten ein ganz spezielles Schützentraining an: Es richtet sich exklusiv an Lehrer, damit die beim nächsten Amoklauf zurückschießen können. ---Zitatende--- Das ist die gute Seite der NRA: Training für den verantwortungsbewussten Umgang mit der Waffe.
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