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11.01.2013
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Marsch der Million in Pakistan

Der neue Messias

Von , Islamabad
DPA

Er ist aufgetaucht wie aus dem Nichts: Ein islamischer Geistlicher mobilisiert in Pakistan die Massen gegen Gewalt und Korruption. Nach einer Terrorwelle werden in Islamabad jetzt eine Million Menschen zu einem Protestmarsch erwartet. Wer ist Muhammad Tahir-ul-Qadri?

Man kann ihn kaum übersehen: diesen Mann mit dem weißen Bart und der weißen Mütze. Das Bild des Geistlichen hängt seit ein paar Tagen in allen Städten von Pakistan. Auf den Plakaten ruft er zum "langen Marsch" auf, zu einer Protestkundgebung nach Islamabad. Am Sonntag soll es in der ostpakistanischen Metropole Lahore losgehen, im Autokorso in die Hauptstadt, wo am Montag mehrere hunderttausend Menschen erwartet werden.

Muhammad Tahir-ul-Qadri, 61, kritisiert Korruption in der pakistanischen Politik, in der Regierung ebenso wie in der Opposition. Er fordert Schritte gegen Terrorismus und, vor allem, den sofortigen Rücktritt der Regierung, die Bildung eines Übergangskabinetts und Neuwahlen. Sollten seine Wünsche nicht erhört werden, würden "Millionen Anhänger" nach Islamabad marschieren.

Einen Tag vor Heiligabend kamen mehr als hunderttausend Menschen zu einer Kundgebung von ihm nach Lahore, um Tahir-ul-Qadri, einen liberalen Muslim, zu hören. Tahir-ul-Qadri ist Religionsgelehrter und Jurist. 1981 gründete er in Lahore die Organisation Minhaj-ul-Quran, "Weg des Korans", die inzwischen in mehr als 90 Ländern vertreten ist und sich für einen moderaten Islam und interreligiösen Dialog einsetzt. Acht Jahre später gründete er eine Partei, seine jetzige Kampagne nennt er Tehrik-i-Minhajul Quran, die "Bewegung zur Befolgung des Wegs des Korans".

Verschwörungstheorien über "fremde Macht" und Militär

Anfang Januar feierten ihn wieder Zehntausende, diesmal in der Hafenmetropole Karatschi. Am Ende der Kundgebung riss zwar ein ferngezündeter Sprengsatz mehrere Menschen in den Tod, doch in der Gewalt gewohnten Stadt trübte das den Erfolg Tahir-ul-Qadris kaum. Er ist da, eine politische Größe, man kann ihn nicht mehr ignorieren. Die Regierung versucht das zwar noch und verweigerte ihm den Wunsch, ein Treffen mit dem Premierminister zu ermöglichen. Doch hinter den Kulissen beriet man hektisch, wie man mit ihm umgehen solle. Schließlich traf sich der Innenminister mit Tahir-ul-Qadri, aber nur, um über Sicherheitsvorkehrungen für die bevorstehende Großdemonstration zu sprechen.

Wer also ist dieser Mann, der aus dem Nichts auftauchte und plötzlich unglaublich viele Menschen mobilisiert? Bislang kannten den begnadeten Redner nur politisch Interessierte in Pakistan, weil er im Jahr 2002 ins Parlament gewählt wurde, sein Mandat aber im Streit mit dem damaligen Militärdiktator General Pervez Musharraf kurze Zeit später wieder aufgab. Jetzt jubeln ihm überall Menschen zu.

Wie ist dieser Aufstieg innerhalb weniger Wochen möglich?

Pakistanische Zeitungen sind voll von Verschwörungstheorien. So stecke eine "fremde Macht" hinter ihm, die der Regierung schaden und ihren eigenen Einfluss stärken wolle. Gemeint sind allen voran die USA, doch in US-Diplomatenkreisen weist man das nicht nur zurück, sondern äußert sogar Sorge über Tahir-ul-Qadris rasanten Aufstieg. "Wir wissen doch überhaupt nicht, woran wir bei ihm sind und welche Ziele er verfolgt", sagt ein hochrangiger US-Vertreter in Islamabad.

Eine andere, näherliegende Theorie lautet, das "Establishment" - wie das Militär und sein mächtiger Geheimdienst ISI genannt werden - würde Tahir-ul-Qadri finanzieren und fördern. Tatsächlich ist in Pakistan eine so beeindruckende Kampagne wie die von Tahir-ul-Qadri kaum ohne Zustimmung des Militärs möglich. "Hätte er in den vergangenen fünf Jahren schon gegen Korruption, Terror und für mehr Demokratie gekämpft, hätte ich ihm das geglaubt", sagt Umar Cheema, Journalist und Kenner der pakistanischen Innenpolitik. "So deutet alles darauf hin, dass das Militär versucht, über ihn seinen Einfluss zu sichern."

Große Unzufriedenheit der Menschen mit der Regierung

Tatsächlich hat die Armee in den vergangenen Jahren, nach der Schmach des jahrelangen unentdeckten Osama Bin Ladens und der Erniedrigung durch die Drohnenangriffe der USA, an Ansehen und Einfluss verloren. Im Frühjahr stehen in Pakistan ohnehin Wahlen an. Dass Tahir-ul-Qadri also ausgerechnet jetzt Druck macht, deuten viele als Versuch der Generäle, sich selbst wieder ins Spiel zu bringen.

Tahir-ul-Qadris Leute weisen jegliche Unterstützung durch Dritte zurück. "Das sind nur böse Behauptungen, um uns schlecht zu machen", sagt Chaudhry Walayat Sahi, ein Mitarbeiter Tahir-ul-Qadris. Die Kampagne werde vielmehr finanziert "von unseren vielen Mitgliedern in aller Welt, auch in Deutschland", sagt er.

Offen für Tahir-ul-Qadri und seine Bewegung hatte bis Donnerstagabend die Partei der indischen Einwanderer in Pakistan, die MQM, geworben. Deren im Londoner Exil lebender Chef hatte sogar von einer "politischen Drohne" gesprochen, obwohl die MQM selbst an der Regierung beteiligt ist. Am Freitag verkündete sie aber kleinlaut, sie werde an dem "langen Marsch" nun doch nicht teilnehmen - und heizte damit Spekulationen darüber an, wer sie wohl mit wie viel Geld zu dieser Umkehr bewegt habe.

Fest steht, dass die Menschen in Pakistan unzufrieden sind mit der Politik ihres Landes. In den vergangenen vier Jahren, seit die demokratisch gewählte Regierung unter der pakistanischen Volkspartei PPP an der Macht ist, hat sich vieles verschlechtert: Lebensmittel- und Energiepreise sind rasant gestiegen. Im Sommer, wenn Klimaanlagen benötigt werden, fällt der Strom inzwischen bis zu 22 Stunden am Tag aus, und jetzt, im Winter, wo Gas zum Heizen benötigt wird, kommt nichts aus den Leitungen. Gas zum Autofahren ist erst recht knapp, ebenso Benzin und Diesel, vor den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie offenbarte, dass die meisten pakistanischen Abgeordneten keine Einkommensteuer zahlen. Politik ist in erster Linie ein Mittel der Selbstbereicherung. Kein Wunder, dass Tahir-ul-Qadris Forderung, Politiker sollten künftig vor ihrer Wahl nachweisen müssen, dass sie Steuern gezahlt haben, auf Zustimmung stößt.

Geschäfte und Büros schließen vorsorglich

Die Regierung ist schwach, die Lage instabil. Es herrscht ein politisches Klima, in dem alles möglich ist, also auch Überraschungen denkbar sind. Außerdem erschüttert immer wieder Terror das Land. Vor dem Abzug der westlichen Truppen aus dem Nachbarland Afghanistan verändert sich das Machtgefüge in der Region, und auch islamistische Organisationen versuchen, ihre Positionen zu verbessern. Radikale Sunniten führen einen blutigen Kampf gegen alle Minderheiten. Die US-Drohnenangriffe im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan nähren die Wut vieler Menschen auf den Westen und verschaffen Extremisten größeren Zulauf.

Vergangene Woche wurde der Taliban-Kommandeur Maulvi Nazir von einer US-Drohne getötet - ausgerechnet jener Mann, der als moderat und deshalb als Gesprächspartner für die Regierung in Islamabad galt. Jetzt rechnen Beobachter mit einem Rachefeldzug der Extremisten. Am Donnerstag starben bei Anschlägen in mehreren Städten Pakistans mindestens 116 Menschen, es war der blutigste Tag seit langem.

In dieser düsteren Lage ist Muhammad Tahir-ul-Qadri jemand, der zum Ausdruck bringt, was die meisten Pakistaner denken, der ihre Wut bündelt. "Wenn ihr den Wandel wollt, bringe ich euch den Wandel", sagt er immer wieder. Sie nehmen ihm nicht übel, dass er erst im Dezember, nach knapp vier Jahren in Kanada, nach Pakistan zurückgekehrt ist. Tahir-ul-Qadri hat auch einen kanadischen Pass. Seine Mitarbeiter versichern, ihr Chef sei lediglich "aus gesundheitlichen Gründen" nach Kanada gegangen und habe dort "seine Heimat Pakistan niemals vergessen". Die von Terror und Gewalt müden Menschen registrieren mit Wohlwollen, dass Tahir-ul-Qadri vor zwei Jahren eine Fatwa erließ, ein 600 Seiten dickes islamisches Rechtsgutachten, in dem er Terror und religiös motivierte Gewalt verurteilt.

Wie viele Menschen bis zum Montag in Islamabad eintreffen werden, um ihrem Ärger Luft zu machen, ist ungewiss. Geschäfte und Büros vieler Nichtregierungsorganisationen haben bereits angekündigt, am Montag geschlossen zu bleiben. Sicherheitskräfte riegeln das Regierungsviertel schon jetzt mit Containern ab, rund 5000 Polizisten stehen bereit. Botschaften raten ihren Landsleuten, sich sicherheitshalber Lebensmittelvorräte für ein paar Tage anzulegen.

Tahir-ul-Qadri hat versichert, man wolle friedlich demonstrieren. Aber man rechnet mit dem Ausnahmezustand.

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insgesamt 76 Beiträge
1.
donmarten 11.01.2013
Wäre ja zu schön; allerdings glaube ich, der Mann wird in Pakistan keine allzu große Lebenserwartung mehr haben, leider.
Zitat von sysopDPAEr ist aufgetaucht wie aus dem Nichts: Ein islamischer Geistlicher mobilisiert in Pakistan die Massen gegen Gewalt und Korruption. Nach einer Terrorwelle werden in Islamabad jetzt eine Million Menschen zu einem Protestmarsch erwartet. Wer ist Muhammad Tahirul Qadri? http://www.spiegel.de/politik/ausland/in-pakistan-organisiert-der-geistliche-tahirul-qadri-massenproteste-a-876975.html
Wäre ja zu schön; allerdings glaube ich, der Mann wird in Pakistan keine allzu große Lebenserwartung mehr haben, leider.
2. Lieber meinen als wissen
nervmann 11.01.2013
Es geht wohl nicht darum, ob einer was Gutes vor hat, sondern ob er der (Schein-)Gute von den (anderen) Bösen ist. Mal sehen, wann ihn die Konkurrenz erwischt. Versuche gab es ja wohl schon.
Es geht wohl nicht darum, ob einer was Gutes vor hat, sondern ob er der (Schein-)Gute von den (anderen) Bösen ist. Mal sehen, wann ihn die Konkurrenz erwischt. Versuche gab es ja wohl schon.
3. erneuter heilsbringer
kstbremen 11.01.2013
von denen hatte pakistan schon genug. wie will man ein volk von 70 % analphabeten regieren. das gleiche gilt überigens für indien ebenfalls, und beide sind atommächte, wofür??? die angst vor veränderungen bleibt bestehen, [...]
von denen hatte pakistan schon genug. wie will man ein volk von 70 % analphabeten regieren. das gleiche gilt überigens für indien ebenfalls, und beide sind atommächte, wofür??? die angst vor veränderungen bleibt bestehen, solange sich der islam nicht selbst reformiert und im 21 jhrt. ankommt.
4. optional
20099 11.01.2013
"Weg des Islam" - Hört sich für mich nicht sonderlich moderat oder liberal an! Außerdem halte ich eine religiöse Bewegung nicht wirklich für geeignet um ein Entwicklungsland aus tiefster Armut, Rückständigkeit und [...]
"Weg des Islam" - Hört sich für mich nicht sonderlich moderat oder liberal an! Außerdem halte ich eine religiöse Bewegung nicht wirklich für geeignet um ein Entwicklungsland aus tiefster Armut, Rückständigkeit und politischer und sozialer Verwahrlosung zu führen!
5. Spekulationen sind kontraproduktiv!
abominog 11.01.2013
Also ich freue mich über diesen Mann und wünsche ihm alles Liebe und Gute dieser Welt! Gleichzeitig möchte ich ausdrücklich die Überschrift dieses Artikels kritisieren! Nur weil jemand gegen Gewalt und Korruption ist, muss [...]
Also ich freue mich über diesen Mann und wünsche ihm alles Liebe und Gute dieser Welt! Gleichzeitig möchte ich ausdrücklich die Überschrift dieses Artikels kritisieren! Nur weil jemand gegen Gewalt und Korruption ist, muss man ihn ja nicht gleich als "Messias" bezeichnen, was soll das verdammt nochmal? Also ich bin auch gegen Gewalt und gegen Korruption. Würde mich der Autor dieses Artikels etwa deswegen jetzt auch so nennen? Sowas können echt nur militante Atheisten hervorbringen, die alles in den Dreck ziehen wollen, was auch nur im Entferntesten an Religion erinnert. Schande, schande, schande! Stellt euch bitte mal vor, es gibt sogar unter den religiösen Menschen dieses Planeten welche, die gegen Gewalt und Korruption sind! Was macht diese Erkenntnis jetzt mit euch?

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Fakten über Pakistan

Staatsgründung
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Pakistan entstand 1947 aus den überwiegend muslimischen Teilen von Britisch-Indien. Zunächst bestand es aus den beiden Landesteilen West- und Ostpakistan, zwischen denen mehr als 1500 Kilometer Entfernung lagen. Beiden Teilen mangelte es jedoch an einer gemeinsamen nationalen Identität. Nach einem Krieg, bei dem Indien dem Osten half, entstand 1971 als neuer Staat Bangladesch .
Kaschmir-Konflikt
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Seit der Staatsgründung führte Pakistan zwei große Kriege mit dem Nachbarn Indien um die Grenzregion Kaschmir , 1947/48 und 1965. Der Fürstenstaat Kaschmir hatte sich zunächst zu Indien zugehörig erklärt. Der islamische Staat Pakistan beanspruchte das überwiegend von Muslimen bewohnte Kaschmir jedoch für sich und gewann die Herrschaft über den westlichen und nördlichen Teil der Region. Doch auch Indien betrachtete Kaschmir als sein Territorium. Die von der Uno 1948 vorgeschlagene und vom indischen Premierminister versprochene Volksabstimmung, in der die kaschmirische Bevölkerung selbst über ihre Zukunft entscheiden sollte, wurde nie durchgeführt.

Seit den achtziger Jahren kämpfen im indischen Teil Kaschmirs muslimische Rebellen für die Unabhängigkeit der Region oder einen Anschluss an Pakistan. 1999 kam es wieder zu größeren militärischen Auseinandersetzungen mit mehreren hundert Toten, und 2001 standen die Atommächte Indien und Pakistan erneut am Rande eines Krieges. 2004 wurde ein Friedensprozess zwischen Neu-Delhi und Islamabad eingeleitet.

Der pakistanische Geheimdienst ISI steht im Verdacht, Kontakte zu islamistischen Terroristen zu pflegen. Indien wirft Pakistan die Unterstützung muslimischer Terroristen vor. Auch hinter der Anschlagserie in Mumbai 2008 vermutet Neu-Delhi islamistische Terroristen aus Pakistan.

Islam
AP

Mit der Verfassung von 1956 wurde Pakistan die erste islamische Republik der Welt. Der Islam ist Staatsreligion, gleichzeitig garantiert die Verfassung jedoch Religionsfreiheit. 96 Prozent der Pakistaner sind Muslime, der Präsident muss ebenfalls Muslim sein. Seit der Staatsgründung haben Spannungen zwischen verschiedenen Gruppen über die Rolle des Islam im Staatsverständnis die Innenpolitik beherrscht.

Immer wieder gab es auch islamistische Tendenzen. So führte Diktator Zia ul-Haq die Scharia , die islamische Rechtsprechung, ein. 1997 erkannte Pakistan als erster Staat das extremistische Taliban -Regime in Afghanistan an und unterstützte es bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 . Während die Zentralregierung in Islamabad zu einem der wichtigsten Verbündeten der USA im Anti-Terror-Krieg avancierte, erstarkte die islamistische Opposition im Land.

Macht der Taliban
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In den Stammesgebieten in der nordwestlichen Provinz an der Grenze zu Afghanistan hat die pakistanische Zentralregierung nur begrenzten Einfluss. Dort herrschen islamistische Extremisten und pakistanische Taliban , die sich teilweise auf die Hilfe der regionalen Stammesführer stützen. Die Enttäuschung über die korrupte staatliche Justiz und Verwaltung erhöhte die Attraktivität des Islamismus in der Bevölkerung.

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Kampf gegen die Extremisten
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Die pakistanische Armee führte ab 2003 wiederholt Militäraktionen im Nordwesten gegen die Taliban - und Quaida -Terroristen durch. Als Reaktion verübten Terroristen verheerende Anschläge in pakistanischen Städten.

Die Amerikaner versuchen, die islamistischen Extremisten in ihren pakistanischen Verstecken mit ferngesteuerten Präzisionsraketen zu treffen. Doch diese Drohnen -Angriffe sind bei der Bevölkerung äußerst unpopulär und treiben die Menschen in die Arme der militanten Islamisten.

Das pakistanische Militär scheute zunächst die ernsthafte Konfrontation mit den Extremisten. Die Armee und der pakistanische Geheimdienst ISI haben diese Gruppierungen zum Teil Anfang der achtziger Jahre selbst aufgebaut, um im Kampf gegen die Sowjets in Afghanistan mitzumischen, und haben sie später im Kaschmir-Konflikt eingesetzt. Und noch immer betrachten viele Offiziere die Taliban nicht als ihren eigentlichen Gegner – der wahre Feind sei Indien .

Um die Aufständischen in den Stammesgebieten ruhigzustellen, versuchte schon Präsident Pervez Musharraf , Abkommen mit ihnen zu schließen, und versagte. Im April 2009 scheiterte ein Friedensabkommen, das sein Nachfolger, Staatschef Asif Ali Zardari , ausgehandelt hatte: Die Taliban sollten die Waffen niederlegen und im Gegenzug in der Region Malakand, zu der das Swat-Tal und fünf weitere Distrikte gehören, die Scharia anwenden dürfen. Mit Hilfe des islamischen Rechts können sich die Taliban die Bevölkerung legal gefügig machen - wer sich gegen ihre Herrschaft auflehnt, wird geköpft. Statt einer Feuerpause brachten sie vom Swat-Tal aus mehrere Distrikte unter ihre Kontrolle und rückten bedrohlich nahe an die Hauptstadt Islamabad heran, bis die Armee im Frühjahr 2009 eingriff und die Gebiete zurückeroberte. Im Oktober 2009 begann das Militär außerdem einen Krieg gegen die Taliban in der Region Südwaziristan.

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1985 wurde in Pakistan erstmals Uran angereichert, seit 1998 besitzt das Land nachweislich Atomwaffen : Nur Tage nach indischen Atomtests zündete Pakistan im Mai 1998 in der Nähe der unbewohnten Chagai-Berge erfolgreich Kernwaffen. Die genaue Zahl der atomaren Sprengköpfe ist nicht bekannt, aber es sollen 60 bis 100 sein, die an verschiedenen Stellen im Land gelagert und von rund 10.000 Soldaten bewacht werden.

Damit gehört Pakistan neben den fünf offiziellen Atommächten USA, Russland, Großbritannien, Frankreich und China sowie Indien, Israel und Nordkorea zum Kreis der neun Nuklearmächte, was die Bedeutung des verarmten Landes stark erhöht.

Militärbeobachter befürchten, Nuklearwaffen aus dem pakistanischen Waffenarsenal könnten aufgrund der Instabilität des Landes in die Hände von Extremisten fallen. Diese hätten damit ein Mittel in der Hand, dem Westen ihre Bedingungen zu diktieren. Geschürt wird die Angst vor diesem Horrorszenario dadurch, dass die Taliban in den vergangenen Monaten ihre Basis in den Stammesgebieten an der Grenze zu Afghanistan ausgebaut haben. Im April 2010 rückten sie bis auf 100 Kilometer Entfernung auf die Hauptstadt Islamabad vor, bevor sie vom pakistanischen Militär zurückgedrängt wurden.

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