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11.01.2013
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Manipulierte E-Mails

Hacker-Jagd auf Timoschenko

Von und Christian Neef
DPA

In der Ukraine sind brisante E-Mails aufgetaucht, die angeblich von Julija Timoschenkos Tochter stammen. Die inhaftierte kranke Politikerin soll dadurch offenbar verunglimpft werden: Deutsche Ärzte verlangten horrende Summen für die Behandlung und erstellten Gefälligkeitsgutachten, wird behauptet.

Keine 48 Stunden war das neue Jahr alt, da gab es auf der neunten Etage des Eisenbahnerkrankenhauses von Charkiw schon den ersten Skandal. Dort, wo Julija Timoschenko einquartiert ist, die zu sieben Jahren Haft verurteilte Ex-Premierministerin, der zurzeit prominenteste Gefangene des Landes.

Sie werde radioaktiv verstrahlt, beschwerte sich Timoschenko, die wegen schwerer Bandscheibenvorfälle in Behandlung ist, in ihre Kosmetikcremes habe man Gift gemischt. Zugleich erklärte die 52-Jährige, sie beginne eine Aktion "zivilen Ungehorsams": Mit Ermittlern und Staatsanwälten werde sie ab sofort nicht mehr zusammenarbeiten, die Nacht zum Mittwoch verbrachte sie in der Dusche.

Timoschenko will sich dem Land als Oppositionsführerin in Erinnerung bringen, die begnadete Politikerin wehrt sich gegen das Vergessenwerden. Nichts Neues also in der Affäre um die einstige Regierungschefin, die Präsident Wiktor Janukowitsch aus politischer Rache wegsperren ließ?

Ganz im Gegenteil. Dem Staatschef scheint das Wegsperren der Rivalin nicht mehr genug zu sein. Er will auch deren Partei zerschlagen, die noch immer größte Oppositionskraft der Ukraine, damit er der nächsten Präsidentenwahl in zwei Jahren unbeschwert entgegensehen kann.

Das dürfte der Hintergrund einer Intrige sein, die seit Tagen die politischen Zirkel des Landes beschäftigt. In ihrem Mittelpunkt steht Timoschenkos Tochter Jewgenija, genannt Schenja oder auch Schuscha (englisch Zhuzha) , 32 Jahre alt, die in London studierte, den englischen Hardrock-Sänger Sean Carr ehelichte - eine Verbindung, die nicht lange hielt - , und die seit der Einkerkerung ihrer Mutter die weltweite Kampagne für ihre Freilassung koordiniert. Hacker haben jetzt mehrere E-Mail-Konten von ihr geknackt und 5132 E-Mails auf eine eigene Webseite gestellt: zhuzhaleaks.com

Die Offenbarung der Post von Jewgenija Timoschenko hat viele elektrisiert. Auch jene Ärzte der Berliner Charité, die die Ex-Premierministerin seit dem vorigem Frühjahr in Charkiw behandeln, darunter der Vorstandsvorsitzende der Charité, der Neurologe Professor Karl Max Einhäupl.

Denn mit den gehackten E-Mails tauchen nun viele Dokumente der deutschen Ärzte auf: Flugtickets für die Reisen zwischen Berlin und Charkiw, Spesenabrechnungen, Behandlungspläne, Gutachten und Briefe ans ukrainische Gesundheitsministerium. Vieles sei echt, bestätigt Einhäupl im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE - ganz Entscheidendes dagegen aber "frei erfunden und plump gefälscht".

Zum Beispiel eine Rechnung, die die Charité für die Behandlung der Timoschenko-Mutter ausgestellt haben soll, Ende Juni vorigen Jahres. Sie betrifft allein den Monat Mai - und beläuft sich trotzdem auf stolze 680.000 Euro. Auf einen Betrag also, der laut Aussagen von Fachleuten "absolut unerhört" wäre, "nicht nachvollziehbar", "jenseits jeglicher Vorstellung für seriöse Ärzte" - ja ein in der Branche geradezu "unethischer" Vorgang.

Gefälschter Briefwechsel mit der Charité

Wer also hat hier eine Mine gelegt und vor allem: Warum?

Die Rechnung steht auf einem Kopfbogen des CharitéCentrums für Innere Medizin und Dermatologie, Arbeitsbereich für Physikalische Medizin und Rehabilitation. Dessen Leiterin ist die Oberärztin Anett Reißhauer, die zur Behandlung Timoschenkos ebenfalls in Charkiw war.

Einhäupl bestreitet nicht nur, dass jemals eine solche Rechnung ausgestellt worden sei. Auch eine Honorarvereinbarung mit Timoschenko habe es "nie gegeben", sie oder ihre Partei hätten der Charité bislang nichts für die medizinische Behandlung bezahlt. Nur die privat verauslagten Reisekosten seien den Deutschen erstattet worden. Die Kosten für einen Flug zu einem Treffen mit dem ukrainischen Generalstaatsanwalt habe die Regierung in Kiew beglichen, für einen anderen habe die Bundesregierung einen ihrer Flieger zur Verfügung gestellt.

In den E-Mails findet sich aber ein Briefwechsel zwischen Einhäupl und der Timoschenko-Tochter, bei dem es um Einzelheiten der Bezahlung jener Mai-Rechnung geht - um die Frage nämlich, ob die bereits erfolgte Anzahlung von 200.000 Euro von der Charité berücksichtig worden sei oder nicht. "Richtig, Sie sollten 480.000 Euro zahlen", so trifft am 14. August Einhäupls Antwort ein. "Auch diese E-Mail ist gefälscht", sagt der Charité-Chef SPIEGEL ONLINE.

Wer sich die Daten der Dokumente näher ansieht, wundert sich tatsächlich. Das PDF-Dokument mit der Mai-Rechnung wurde über ein Windows-Bildbearbeitungsprogramm erstellt und mit der entsprechenden E-Mail am 10. August vorigen Jahres verschickt. Am 31. Dezember 2012, um 14:15:54 Uhr wurde es aber noch mal kopiert.

Die deutschen Ärzte sind damit endgültig zum Spielball einer innenpolitischen Intrige geworden, an deren Ende die Zerschlagung der Vaterland-Partei von Julija Timoschenko stehen könnte. Seit langem schon will die ukrainische Regierung die eigenen Bürger glauben machen, das Timoschenko-Lager habe die Ärzte der Charité bestochen. Ein Abgeordneter der Regierungspartei von Präsident Wiktor Janukowitsch warf den Medizinern vor, sie hätten "Timoschenko zur Invalidin gemacht, um Geld zu verdienen". Vor allem aber soll die horrende Rechnungssumme vom Mai suggerieren, die Opposition habe die Deutschen gekauft, damit die Gefälligkeitsgutachten erstellen und Frau Timoschenko vor weiteren derzeit laufenden Gerichtsverfahren schützen.

Es scheinen mehrere solche Unterstellungen auf zhuzhaleaks.com versteckt, der Website mit den gehackten E-Mails von Timoschenkos Tochter Jewgenija. So behaupten Unbekannte, ein im September vom US-Senat verabschiedeter Aufruf zur Freilassung der Politikerin sei für "eine Summe von 85.000 Dollar" gekauft worden.

Höhepunkt einer seit Wochen laufenden Kampagne

Von Timoschenko angeheuerte Lobbyisten, darunter der ehemalige demokratische Kongressabgeordnete Jim Slattery, hätten zudem versucht "direkten Einfluss zu nehmen" auf ein Gutachten amerikanischer Juristen. Das Dokument spielt eine Schlüsselrolle bei Kiews Versuch, die Rechtmäßigkeit des Timoschenko-Urteils vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg zu belegen. Die US-Wirtschaftskanzlei Skadden hatte den 300-Seiten-Bericht über den Timoschenko-Prozess im Dezember vorgelegt. Experten kamen darin zu dem Schluss, für ein politisch motiviertes Verfahren gegen die Politikerin gebe es "keine sachbezogenen Hinweise". In Auftrag gegeben wurde der Bericht von der Regierung des Präsidenten Janukowitsch.

Die Veröffentlichung der Timoschenko-E-Mails reiht sich ein in eine seit Wochen laufende Kampagne. Im Oktober war eine ähnliche Website online gegangen, registriert auf dem selben Server wie zhuzhaleaks.com. Ziel der Attacke war ein hochrangiger Abgeordneter der Vaterland-Partei: Grigorij Nemirja. Er gilt ukrainischen Medien als "Timoschenkos inoffizieller Außenminister", weil er die Partei-Kontakte mit dem Westen pflegt. Abrechnungen, die auf der Seite nemyrialeaks.com veröffentlicht wurden, suggerieren, Timoschenkos Vertrauter habe Geldwäsche betrieben und "Regeln der Finanzierung politischer Tätigkeit verletzt".

Den anonymen Anklägern im Internet hat sich die Generalstaatsanwaltschaft angeschlossen, sie leitete inzwischen ein Verfahren wegen illegaler Parteienfinanzierung gegen die Vaterland-Partei ein: Die Rede ist von rund 100 Millionen Euro. Von Zypern aus seien sie auf Konten geflossen, die auch "auf den Namen Grigorij Nemirja registriert sind", so Vize-Generalstaatsanwalt Renat Kusmin. Ermittler geben an, das Geld stamme entweder von steuerflüchtigen ukrainischen Oligarchen, aus Timoschenkos Auslandsvermögen - oder von ihren Unterstützern in der EU und den USA. Parteispenden aus dem Ausland sind in der Ukraine verboten. Die Ermittlungen könnten deshalb "zur Liquidierung der Partei" führen, schreibt die angesehene Kiewer Tageszeitung "Kommersant".

"Die E-Mails sind eine Provokation des Regimes"

Unübersehbar ist auch, dass die Unterstellungen den Hass gegen Frau Timoschenko persönlich schüren sollen - gegen eine Frau, die in den letzten 20 Jahren nicht nur politische Karriere machte, sondern als Geschäftsfrau auch ein dreistelliges Millionen-Vermögen angehäuft haben soll. In einer E-Mail vom 30. August 2012 übermittelt Jewgenija Timoschenko dem Vertrauten Nemirja Grüße von ihrer Mutter. Er solle dafür sorgen, dass die Debatte um das Honorar für den Timoschenko-Anwalt Sergej Wlassenko eingestellt werde. Die ihm versprochenen 250.000 Dollar pro Monat seien zwar "nicht wenig Geld", aber der Umfang des Honorars habe eigentlich keinerlei Bedeutung. Wichtig sei, dass Julija Timoschenko dem Mann traue wie keinem anderen.

Rechnet man die Summen hoch, so würde die Ex-Premierministerin monatlich angeblich fast eine Million Euro allein für die deutschen Ärzte und für ihren Anwalt bezahlen. "Diese E-Mails sind eine Provokation des Regimes", ließ Jewgenija Timoschenko gestern gegenüber SPIEGEL ONLINE erklären.

Forum

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insgesamt 68 Beiträge
1. Hahaa!
artusdanielhoerfeld 11.01.2013
"begnadete Politikerin" Was haben die Autoren denn geraucht? Das will ich auch! Timoschenko hat sich im Amt auf eine Weise bereichert, dass sie jetzt Milliardärin ist!
"begnadete Politikerin" Was haben die Autoren denn geraucht? Das will ich auch! Timoschenko hat sich im Amt auf eine Weise bereichert, dass sie jetzt Milliardärin ist!
2. kampagne
solowjew 11.01.2013
der Spon-artikel ist doch sehr einseitig für Julia Timoschenko geschrieben.vielleicht ist er teil einer pro-tmoschenko kampagne.dass die timoschenko steinreich ist,weiss doch jeder.und dass sich die ärzte bedienten ,kann ich mir [...]
der Spon-artikel ist doch sehr einseitig für Julia Timoschenko geschrieben.vielleicht ist er teil einer pro-tmoschenko kampagne.dass die timoschenko steinreich ist,weiss doch jeder.und dass sich die ärzte bedienten ,kann ich mir schon vorstellen.wieso sollten die hacker nur einen kleinen teil der post fälschen...etwas unglaubwürdig.
3. Oha! Auch Teile von Fr. Timoschenkos Vermögen gilt es in Zypern zu retten?
Privatier 11.01.2013
Dann wird zweifelsfrei Deutsches Steuergeld in unbegrenzter Höhe fließen, um Zypern vor der Pleite zu bewahren - pardon: in die Lage zu versetzen, Fr. Timoschenko schadlos zu halten. So sehr, wie sich Fr. Merkel bislang [...]
Zitat von sysopIn der Ukraine sind brisante E-Mails aufgetaucht, die angeblich von Julija Timoschenkos Tochter stammen. Die inhaftierte kranke Politikerin soll dadurch offenbar verunglimpft werden: Deutsche Ärzte verlangten horrende Summen für die Behandlung und erstellten Gefälligkeitsgutachten, wird behauptet. Ukraine: Gefälschte E-Mails sollen Timoschenko belasten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/ukraine-gefaelschte-e-mails-sollen-timoschenko-belasten-a-876984.html)
Dann wird zweifelsfrei Deutsches Steuergeld in unbegrenzter Höhe fließen, um Zypern vor der Pleite zu bewahren - pardon: in die Lage zu versetzen, Fr. Timoschenko schadlos zu halten. So sehr, wie sich Fr. Merkel bislang für Fr. Timonschenko eingesetzt hat, wird dies völlig alternativlos bleiben! Selbst wenn die SPD tatsächlich wie geplant: Euro-Finanzminister verzögern Hilfspaket für Zypern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/euro-finanzminister-verzoegern-hilfspaket-fuer-zypern-a-876487.html) die Hilfe ablehnen wird, und Fr. Mekel keine Kanzlermehrheit dafür zusammentrommeln kann: Streit um Schwarzgeld: Auch Union stellt Zypern-Hilfe in Frage - manager magazin - Politik (http://www.manager-magazin.de/politik/artikel/0,2828,876792,00.html) werden gewiß dunkle Kanäle zu finden sein, guten Freunden den Verlust von Schwarzgeld auf Zypen zu ersparen! MfG
4. ...auch gekauft?
kleeschen 11.01.2013
Wer die Mails liest, sowohl in ukrainischer, deutscher und englischer Sprache, muss bei der Annahme, dass "alles nur gefälscht" sei, aufgrund des Sprachniveaus und der verwendeten Terminologie zumindest von sehr guten [...]
Wer die Mails liest, sowohl in ukrainischer, deutscher und englischer Sprache, muss bei der Annahme, dass "alles nur gefälscht" sei, aufgrund des Sprachniveaus und der verwendeten Terminologie zumindest von sehr guten Fälschern ausgehen. Fraglich ist auch, ob im Fall einer orchestrierten Demontage-Kampagne eine solche Masse an Mails gefälscht werden würde? Der Spiegel stellt sich wieder einmal ganz in den Dienst der "Heiligen Julia", die, wie der zuständige Korrespondent eigentlich wissen müsste, in der Ukraine selber von nur noch einer kleinen Minderheit als solche betrachtet wird. Es gibt genügend Informationen, die darauf hindeuten, dass Frau Timoshenko und ihr Clan sich in quasi der gleichen schamlosen Weise am ukrainischen Volksvermögen bereichert haben wie es der derzeitige Ober-Kleptokrat Yanukovich tut. Etwas mehr Differenzierung wäre wünschenswert, und vielleicht mal öfter in die Ukrainska Pravda schauen, kann man auch in Moskau im Internet lesen... Oder sind die den geleakten E-mails zufolge teuer bezahlten westlichen PR-Profis und Spin-Doctors doch keine Erfindung...?
5.
kollerspeter 11.01.2013
Der weitaus größte Teil des ukrainischen Schwarzgeldes auf Zypern gehört Rinat Achmetov. Dieser gilt als der reichste Mann der Ukraine und ist der Hauptgeldgeber von Präsident Janukovytsch. Noch nicht mal er selbst behauptet von [...]
Zitat von PrivatierDann wird zweifelsfrei Deutsches Steuergeld in unbegrenzter Höhe fließen, um Zypern vor der Pleite zu bewahren - pardon: in die Lage zu versetzen, Fr. Timoschenko schadlos zu halten. So sehr, wie sich Fr. Merkel bislang für Fr. Timonschenko eingesetzt hat, wird dies völlig alternativlos bleiben! Selbst ....
Der weitaus größte Teil des ukrainischen Schwarzgeldes auf Zypern gehört Rinat Achmetov. Dieser gilt als der reichste Mann der Ukraine und ist der Hauptgeldgeber von Präsident Janukovytsch. Noch nicht mal er selbst behauptet von sich, diese Reichtümer auf gänzlich legale Weise erworben zu haben. Schon immer wieder interessant, wie die Trolls im Auftrag des ukr. Regimes versuchen, mit Desinformationen die öffentliche Meinung in Deutschland zu beeinflussen.

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