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28.01.2013
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Verletzte US-Veteranen

Der Wundenheiler von New Jersey

Aus Piscataway berichtet
SPIEGEL ONLINE

US-Präsident Obama holt immer mehr Truppen nach Hause. Doch in den Kliniken gibt es eine zweite Front: 50.000 US-Soldaten sind in Irak und Afghanistan verletzt worden, viele haben Arme und Beine verloren. Ein deutscher Professor will sie heilen - mit Körperteilen aus dem Reagenzglas.

Die Revolution ist für Joachim Kohn nur ein paar Stufen entfernt. Gerade steigt er sie hinauf, in den zweiten Stock des New Jersey Center for Biomaterials. Kohns Arbeitsplatz ist ein kühler, moderner Bau, angesiedelt zwischen dem Biologie- und Chemieinstitut der renommierten Rutgers University in Piscataway, New Jersey. Er öffnet die Tür zu einem Labor, das er den "discovery room" nennt. "Sie sind jetzt in einer anderen Welt", sagt Kohn. Es ist die Welt, in der Körperteile aus dem Reagenzglas kommen.

Kohn läuft auf einen kastenförmigen Roboter zu, in dem Hunderte Glasröhrchen hin- und hergeschüttelt werden. "Das ist unser Freddy", sagt er über das Gerät. Einmal programmiert, kann Freddy Chemikalien so zusammenmischen, dass Kohn mit dem Resultat menschliches Gewebe nachwachsen lassen kann.

Kohn, 60, ist Biochemiker und der Heiler einer Armee der Verwundeten: Kein Krieg in der US-Geschichte hat so lange gedauert wie die Einsätze in Irak und Afghanistan. Mehr als 50.000 US-Soldaten sind in den vergangenen zwölf Jahren in beiden Ländern verletzt worden, 2000 bis 5000 von ihnen so schwer, dass sie ein Leben lang entstellt bleiben werden. Zwar hat US-Präsident Barack Obama einen Teilabzug der Truppen für das Frühjahr angekündigt. Doch das Schicksal der verletzten Soldaten dürfte eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen Amerikas für die Zeit nach Afghanistan werden.

Kohn ist Deutscher, in München geboren, seit 26 Jahren ist er in New Jersey zu Hause. An seinem Jackett trägt er einen Pin der amerikanischen Flagge, es ist ein Geschenk der U.S. Marines. Kohn arbeitet für das Pentagon. Das US-Verteidigungsministerium hat den Professor damit beauftragt, die Behandlungsmöglichkeiten vor allem für schwerverletzte Soldaten zu verbessern. Der Forscher ist einer der führenden Köpfe des Armed Forces Institute of Regenerative Medicine, einem 100-Millionen-Dollar-Projekt des US-Verteidigungsministeriums.

Nachwachsende Knochen, Hautteppiche, Gesichtstransplantationen

Regenerative Medizin steht für die Idee, dass sich verletztes Gewebe selbst erneuern kann - ganz so, wie eine Wunde wieder zuheilt, wenn man sich in den Finger geschnitten hat. Kohn will dieses Prinzip nutzen, um US-Soldaten, die in den Kriegseinsätzen in Irak und Afghanistan verstümmelt wurden, Arme und Beine wiederzugeben.

Auf einem langen Labortresen - direkt gegenüber von Freddy, dem Roboter - liegt Kohns neueste Entdeckung in einem Schälchen. Ein weißes poröses Plättchen, etwa so groß wie eine Brausetablette. "Damit können wir Knochen wieder wachsen lassen", sagt Kohn. Die Idee ist so jung, dass sie bislang nur an Hasen getestet wurde. Denen hat Kohns Team das weiße Plättchen eingesetzt; als eine Art Gerüst, um Bruchstellen im Knochen zu schienen. Im Test löste sich das Plättchen nach einer Weile auf, die Wunde verheilte - und das ohne OP. In gut einem Jahr könnte das Prinzip zum ersten Mal auch bei schwerverletzten US-Soldaten eingesetzt werden.

Das Geheimnis hinter dem Knochenplättchen ist die Chemie: 20 Kohlenstoff-, 19 Wasserstoff-, fünf Sauerstoff- und ein Stickstoffatom - "tyrosin-basierter Co-Polymer" heißt die Verbindung im Chemiker-Jargon. Sie ist das Gemisch, das Roboter Freddy in den einzelnen Reagenzgläsern zusammensetzt. Die Verbindung setzt Kohn vielseitig ein: Neben harten Knochen kann er aus den Polymeren auch künstliche Nervenkanäle bauen.

Sechs neue Behandlungsmethoden haben US-Wissenschaftler unter Kohns Leitung in den vergangenen vier Jahren entwickelt - darunter: die erste Gesichtstransplantation der USA, ein Hautteppich, mit dem man verbranntes Gewebe ersetzen kann und eine Behandlungsmethode, um die Heilung von Brandnarben zu verbessern. Sie alle werden schon jetzt am Menschen getestet.

"Irak und Afghanistan bringen uns die regenerative Medizin"

Kohns potentielle Patienten eint ein ähnliches Schicksal: Brandsätze haben ihnen Haut und Haare versengt. Oft haben sich Granaten, Bombensplitter oder Sprengfallen in Arme oder Beine gebohrt. Die beiden Weltkriege, sagt Kohn, hätten Prothesen, Penizillin und Blutkonserven hervorgebracht - er ist sich sicher: "Irak und Afghanistan bringen uns die regenerative Medizin".

Dennoch gebe es Grenzen, warnt der Wissenschaftler. Ist ein Bein oder ein Arm komplett weggesprengt, könne auch die regenerative Medizin nichts mehr tun. Seine Forschung könne aber Krater in Armen und Beinen mit künstlichem Gewebe, Knochen und Nerven auffüllen - und so den Körper dazu anregen, sich selbst zu heilen. "Das Besondere ist, dass wir nicht nur Form sondern auch Funktion der Körperteile wiederherstellen können", erklärt Kohn. So kann er Gliedmaßen retten, die früher amputiert worden wären.

Sein ganzes Leben treibt Kohn die Frage nach Krieg und seinen Folgen um. Kohn kommt aus einer jüdischen Familie, seine Großeltern, Tanten und Onkel sind während des Holocausts von den Nazis getötet worden. Als Student in Israel hat Kohn die Auswirkungen des Jom-Kippur-Kriegs im Militär miterlebt. "Ich habe Brandopfer gesehen, Menschen, die ihre Beine verloren haben." Kurz darauf begann er, an den chemischen Verbindungen zu forschen, die heute die Basis für seine Arbeit sind. 25 Jahre ist das her. Heute zählt Kohn zu den bedeutendsten Forschern auf seinem Gebiet.

Forschung nützt auch Zivilisten

Auch bei der Bundeswehr denkt man darüber nach, in den kommenden Jahren regenerative Medizin als Behandlungsmethode einzusetzen. Ähnlich große Projekte wie das von Kohn gibt es in Deutschland allerdings nicht - vor allem wegen der Kosten. Gut 900 Millionen Euro steckte das Pentagon vergangenes Jahr in medizinische Forschung und Entwicklung - die Bundeswehr investierte gerade einmal sieben Millionen Euro.

Zunächst werden Kohns Erkenntnisse vorrangig verwundeten Soldaten helfen. In einigen Jahren könnte die Forschung aber auch Zivilisten zugutekommen, die beispielsweise durch einen Autounfall entstellt wurden. "Krieg ist die größte Quelle für Innovationen", sagt Kohn und klingt dabei fast zynisch. Dann fügt er noch ein Wort hinzu: "Leider."

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