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16.01.2013
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Geiselnahme in Algerien

In der Gewalt des einäugigen Dschihadisten

Von
SPIEGEL ONLINE

Islamistenchef Belmokhtar im Dezember 2012: Vergeltung für Frankreichs Intervention

Eine islamistische Terrorgruppe hat sich zum Überfall auf das BP-Gasfeld in Algerien bekannt. Es handele sich um eine Vergeltungsmaßnahme für die französische Intervention in Mali. Der Chef der Kämpfer, Mokhtar Belmokhtar, blickt bereits auf eine imposante Dschihadistenkarriere zurück.

Der Ort Ain Amenas ist ein kleiner, gottverlassener Flecken Erde, mitten in der unwirtlichen Sahara. Die nächste größere Stadt ist fast 300 Kilometer entfernt, rundherum nichts als Sand, Staub und Geröll. Trotzdem erlebt der Wüstenort seit einigen Jahren einen gewaltigen Boom. Denn tief unter dem Sahara-Sand ruhen enorme Rohstoffreserven. Seit 2006 beuten BP, Statoil und andere ausländische Unternehmen in Ain Amenas das größte Gasfeld Algeriens aus. Mehrere tausend Arbeiter aus dem In- und Ausland leben inzwischen in dem Ort nahe der libyschen Grenze.

Am Mittwochmorgen haben islamistische Terroristen eine Gasförderstätte in der Wüste angegriffen, die knapp 40 Kilometer von Ain Amenas entfernt liegt. Dabei brachten sie offenbar mehrere hundert Arbeiter in ihre Gewalt. Einen Tag später kam es in der algerischen Wüste zu einem Blutbad. Beim Versuch, die Geiseln zu befreien, wurden Dutzende Menschen getötet. Genaue Opferzahlen liegen auch 24 Stunden später noch nicht vor.

Zu der Geiselnahme bekannte sich eine Terrorgruppe unter der Führung von Mokhtar Belmokhtar, der sich auch Mokhtar Belaour und Khalid Abu al-Abbas nennt. Der Anschlag sei eine Vergeltungsaktion für die Entscheidung der algerischen Regierung, dem französischen Militär Überflugrechte zu gewähren. Frankreichs Armee geht seit der vergangenen Woche verstärkt gegen militante Islamisten in Nordmali vor und nimmt dabei auch Belmokhtars Kämpfer ins Visier. 1500 Kilometer von der Grenze Malis entfernt haben nun offenbar erstmals islamistische Kämpfer Rache für die französische Militärmission genommen.

Die algerische Regierung teilte mit, man werde sich nicht auf eventuelle Forderungen der Extremisten einlassen. Nach Aussage eines Zeugen verlangen die Täter unter anderem die Freilassung von mehr als einhundert Islamisten.

Gegenüber algerischen Medien nannte sich das Terrorkommando "al-Muwaqiun bi-l Dam", was auf Deutsch soviel bedeutet wie "Die mit dem Blut unterschreiben". Diese Gruppe gehört nach eigenen Angaben zur "Katibat al-Mulathamin", die zu den ältesten Dschihadistenbewegungen in der Sahara gehört.

Geiselnahmen als Millionengeschäft

Belmokhtar gründete diese "Brigade der Vermummten" 2004. Neben Algeriern schlossen sich ihr zahlreiche Tuareg aus dem Azawad an, dem nördlichen Teil Malis. Ideologisch folgt die Bewegung dem Salafismus, sie strebt die Schaffung eines Staates auf der Grundlage der islamischen Rechtsordnung Scharia an. Dieses Ziel teilt sie mit der Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), dem regionalen Ableger des Terrornetzwerks. Die Beziehungen zwischen Belmokhtar und der AQIM sind jedoch seit Jahren gespannt. Zeitweilig ging der Algerier mit dem Netzwerk ein strategisches Bündnis ein. Im Dezember sagte sich Belmokhtar in einem Video aber von der AQIM los und verkündete die Gründung der "Muwaqiun bi-l Dam". Zugleich drohte er mit Selbstmordanschlägen, falls der Westen in Mali intervenieren sollte.

Der 40-jährige Belmokhtar blickt auf eine imposante Dschihadistenkarriere zurück, die für militante Islamisten in Nordafrika durchaus typisch ist. In der algerischen Oasenstadt Ghardaia geboren, schloss er sich 1991 den ausländischen Dschihadisten in Afghanistan an, aus denen sich später Osama Bin Ladens al-Qaida entwickeln sollte. Während der Kämpfe am Hindukusch verlor Belmokhtar ein Auge - die Presse in seiner Heimat nennt ihn deshalb meist nur "den Einäugigen."

1993 kehrte er nach Algerien zurück, das inzwischen in einen blutigen Bürgerkrieg zwischen Militär und Islamisten versunken war. Rasch stieg er dort zu einem der Kommandeure der aufständischen Groupe Islamique Armé (GIA) auf. 1998 schloss er sich der noch radikaleren Salafistengruppe für Predigt und Kampf (GSPC) an, die wiederum später in der AQIM aufgehen sollte.

Gegenwärtig soll Belmokhtar mehrere hundert Kämpfer befehligen. Ausgerüstet mit schnellen Allrad-Fahrzeugen ist seine Truppe extrem mobil. Sie soll für Anschläge auf Ziele in Niger, Mali, Mauretanien, Algerien und Libyen verantwortlich sein. In dem Wüstengebiet verfügen die Kämpfer über beste Ortskenntnisse und können die Ländergrenzen ohne Schwierigkeiten überqueren. Zudem sichern sie sich die Unterstützung der örtlichen Bevölkerung, indem sie diese an Einnahmen aus Überfällen und Geiselnahmen beteiligen. Seit 2003 hat Belmokhtar mit zahlreichen Entführungen westlicher Ausländer Lösegelder in Millionenhöhe eingenommen. 2007 töteten seine Kämpfer vier Franzosen um ihre Entschlossenheit zu beweisen.

Außerdem gehören Belmokhtars Männer zu den größten Zigarettenschmugglern in Afrika. In Geheimdientskreisen hat er deshalb auch den Spitznamen "Mister Marlboro".

Belmokhtar hat wie kaum ein anderer vom Sturz des libyschen Machthabers Muammar al-Gaddafi profitiert. Schon im November 2011 hatte er damit geprahlt, dass seine Gruppe zahlreiche Waffen aus geplünderten Beständen der libyschen Armee erhalten habe. Seither dürfte er sein Arsenal noch weiter aufgestockt haben. Beobachter fürchten, Belmokhtars Männer könnten inzwischen auch über Panzerabwehrgeschosse und Boden-Luft-Raketen verfügen. Frankreich und seinen Verbündeten drohen weitere blutige Vergeltungsschläge .

Forum

Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
1. Letzlich
mc6206 16.01.2013
ein Mörder und Verbrecher, der unschädlich gemacht warden muß. SIcher ist das gefährlich, darum zahlt man Steuern, um ein Militär zu haben, daß uns vor solchen Typen schützt.
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEEine Terrorgruppe des Islamisten-Führers Belmochtar hat sich zum Überfall auf das BP-Gasfeld in Algerien bekannt. Es handele sich um eine Vergeltungsmaßnahme für die französische Intervention in Mali. Die Geiselnahme zeigt, wie riskant die Militärmission der Franzosen ist. Mochtar Belmochtar bekennt sich zur Geiselnahme bei BP in Algerien - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mochtar-belmochtar-bekennt-sich-zur-geiselnahme-bei-bp-in-algerien-a-877961.html)
ein Mörder und Verbrecher, der unschädlich gemacht warden muß. SIcher ist das gefährlich, darum zahlt man Steuern, um ein Militär zu haben, daß uns vor solchen Typen schützt.
2.
flaschenöffner 16.01.2013
Da würden die Islamisten ja endlich mal was positives bewirken, wenn sie derartige Heuschrecken- und Haifischorganisationen aus den Entwicklungsländern vertreiben würden.
Da würden die Islamisten ja endlich mal was positives bewirken, wenn sie derartige Heuschrecken- und Haifischorganisationen aus den Entwicklungsländern vertreiben würden.
3. Bohrfeld-Aufsicht
rwk 16.01.2013
In Amenas und Hassi Messaoud sind mir bestens bekannt, deshalb ist es mir schleierhaft wie diese Terroristen unbemerkt in diese Bohrstation eindringen konnten. Alle Camps sind umzäunt und kontrolliert. Zufahrtsstrassen sind deren [...]
In Amenas und Hassi Messaoud sind mir bestens bekannt, deshalb ist es mir schleierhaft wie diese Terroristen unbemerkt in diese Bohrstation eindringen konnten. Alle Camps sind umzäunt und kontrolliert. Zufahrtsstrassen sind deren drei und einfach zu überwachen, dazu es ist topfeben und nur Sand. Übers "Feld" zu kommen ist äusserst riskant da es Treibsandfelder gibt. Wenn ein Allradfahrzeug da reinfährt versinkt es meist mit den Passagieren. Es bleibt aber die Frage wie die alg. Behörden diese Aktion von Islambanditen erklären.Da Gebiet wird permanent überwacht. Militärstreifen sind immer unterwegs und die Fahrzeuge die in der Ecke verkehren kennt man. Rätselhaft oder es läuft mit Wissen der Behörden!
4. Pöhse Kapitalisten
Peter-Lublewski 16.01.2013
Jaja, die pöhsen Kapitalisten, die machen aber auch immer Sachen. Die sind so schlimm, dass sogar Terroristen auf einmal sympathisch wirken - wollen Sie uns das mit Ihrem Beitrag sagen?
Zitat von flaschenöffnerDa würden die Islamisten ja endlich mal was positives bewirken, wenn sie derartige Heuschrecken- und Haifischorganisationen aus den Entwicklungsländern vertreiben würden.
Jaja, die pöhsen Kapitalisten, die machen aber auch immer Sachen. Die sind so schlimm, dass sogar Terroristen auf einmal sympathisch wirken - wollen Sie uns das mit Ihrem Beitrag sagen?
5. Fussel
Peter-Lublewski 16.01.2013
Gut, schenken wir BP diesem Fusselbart und seinen Kumpels. Mal sehen, wieviele Tage der Konzern überlebt.
Zitat von flaschenöffnerDa würden die Islamisten ja endlich mal was positives bewirken, wenn sie derartige Heuschrecken- und Haifischorganisationen aus den Entwicklungsländern vertreiben würden.
Gut, schenken wir BP diesem Fusselbart und seinen Kumpels. Mal sehen, wieviele Tage der Konzern überlebt.
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