18.01.2013
Geiseldrama
USA, Japan und Norwegen kritisieren Algeriens Befreiungsaktion
Algier/Hamburg - Der Einsatz des algerischen Militärs wegen des Geiseldramas im Osten des Landes ist noch nicht beendet - doch das Ausland äußert bereits Bestürzung und Kritik an dem blutigen Befreiungsversuch und der Informationspolitik der algerischen Regierung. Vor allem die Regierungen Japans, Großbritanniens, der USA und Norwegens kritisierten die Aktion. Staatsbürger dieser Länder befinden sich unter den Geiseln und Opfern.
Der Angriff habe das Leben der Geiseln gefährdet, sagte der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe. Tokio sei zudem über die Militäroperation zur Befreiung der Geiseln nicht informiert worden, sagte ein japanischer Regierungssprecher. Die Operation sei bedauerlich. Unter den Toten sollen nach ersten Informationen auch zwei Japaner sein. Das Schicksal von 14 Landsleuten sei noch unklar, hieß es in Tokio. Drei Japaner seien in Sicherheit.
Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte in Oslo, seine Regierung habe Algerien offiziell um militärische Zurückhaltung zum Schutz der Geiseln gebeten. Er sei dann am Donnerstagmittag um 12 Uhr telefonisch von seinem algerischen Kollegen lediglich über die bereits laufende Militäraktion informiert worden. Die offiziellen Informationen aus Algier nach dem vermutlichen Abschluss des Militäreinsatzes seien unvollständig gewesen. Man habe noch immer keine sicheren Informationen über das Schicksal der Geiseln.
Cameron: "Äußerst schwierige Situation"
Algerische Hubschrauber und Bodentruppen hatten am Donnerstag das Terrorkommando angegriffen, das sich seit Mittwoch mit Dutzenden ausländischen Geiseln auf dem Gasfeld verschanzt hielt. Medienberichten zufolge gab es viele Tote, mehrere ausländische Arbeiter konnten befreit werden. Über die genaue Zahl der Opfer und entkommenen Geiseln gibt es widersprüchliche Angaben, laut den Terroristen starben allein bei Luftschlägen 35 Geiseln und 15 Kidnapper. Algeriens Informationsminister Mohand Oussaid Belaid bestätigte im staatlichen Fernsehen, dass es Opfer gegeben habe: "Unglücklicherweise" seien einige Tote und Verwundete zu beklagen, es sei aber auch eine große Zahl von Terroristen "neutralisiert" worden.
Auch der britische Premierminister David Cameron zeigte sich unzufrieden. Nach bisherigen Informationen wurde ein Brite getötet, zwei Schotten konnten entkommen. Es sei eine "äußerst schwierige Situation", meinte Cameron, Großbritannien müsse sich auf weitere schlechte Nachrichten einstellen. Eine für Freitag in Amsterdam geplante Ansprache über das britische Verhältnis zur EU sagte Cameron ab. Die Regierungen in den USA, Frankreich, Norwegen, Großbritannien, Irland und Japan hatten bestätigt, dass sich Bürger ihrer Länder unter den Geiseln befinden.
Am Freitag wohl Fortsetzung der Militäroperation
Die Lage auf dem von islamistischen Geiselnehmern und der Armee umkämpften Gasfeld ist weiter unübersichtlich. Lediglich ein Abschnitt mit Wohngebäuden für Mitarbeiter sei vom Militär gesichert worden, berichtete die algerische Nachrichtenagentur APS unter Berufung auf örtliche Behörden. Die Fabrikanlagen selbst waren demnach weiter von Soldaten umstellt, darin verschanzten sich bewaffnete Terroristen.
Die algerische Nachrichtenagentur APS hatte am Donnerstagabend berichtet, die Befreiungsaktion sei beendet worden. Dann hieß es, diese Angaben hätten sich nur auf die Wohnanlage bezogen. Ein britischer Beamter sagte dem US-Sender CNN, dort gebe es an mehreren Stellen noch "Aktivitäten". Es sei jedoch unklar, was genau geschehe. Unter den Opfern des Terrorüberfalls sei eine "erhebliche" Zahl von Briten.
Britische und amerikanische Beamte gingen davon aus, die Militäroperation werde am Freitag bei Tageslicht weitergehen. Es gebe dort weiter Geiseln und Terroristen, zitierte der Sender CNN einen nicht namentlich genannten hohen US-Beamten.
Hinter der Geiselnahme steht nach algerischen Angaben die Organisation Al-Qaida im islamischen Maghreb (AQMI). Die militanten Islamisten forderten ein Ende des französischen Einsatzes in Mali. Die algerische Regierung lehnt Verhandlungen mit den Terroristen strikt ab.
Bundesaußenminister Guido Westerwelle zeigte sich "tief betroffen" über den Tod der Geiseln. "Diese Terroristen, das sind keine Freiheitskämpfer. Das sind brutale Kriminelle, die auch vor der Ermordung von Unschuldigen keinen Halt machen", sagte er in Brüssel nach Beratungen der EU-Außenminister. Der britische Außenminister William Hague kritisierte die Terroraktion als "kaltblütigen Mord".
fdi/dpa/AFP/dapd