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18.01.2013
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Geiseldrama in Algerien

Terroristen drohen neue Attacken an - Ölfirmen ziehen Arbeiter ab

Foto: REUTERS Google Earth/ CNES / Spot Image

Die islamistische Terrorgruppe, die hinter der blutigen Geiselnahme in Algerien steckt, kündigt weitere Attacken auf Industrieanlagen an: "Wir werden dort zuschlagen, wo es am wenigsten erwartet wird." Internationale Ölfirmen haben bereits Hunderte Mitarbeiter aus dem Land evakuiert.

Algier/Paris - Noch ist das blutige Geiseldrama auf einem Gasfeld in Algerien nicht beendet - nun droht die dafür verantwortliche islamistische Terrorgruppe mit weiteren Anschlägen in dem Land. Die mauretanische Nachrichtenagentur Ani zitiert einen Sprecher der Gruppe, die sich "Die mit dem Blut unterschreiben" nennt.

In der von Ani übermittelten Erklärung warnte der Sprecher der Terrorgruppe die algerische Bevölkerung, sich von "Anlagen ausländischer Unternehmen fernzuhalten, da wir dort zuschlagen werden, wo es am wenigsten erwartet wird". Der Bericht konnte nicht unabhängig überprüft werden, allerdings hat die mauretanische Nachrichtenagentur enge Kontakte zu der von Mokhtar Belmokhtar angeführten Gruppierung.

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Ain Amenas: Geiseldrama in der Wüste
Internationale Ölfirmen reagieren bereits auf die Gefährdungslage. Hunderte Mitarbeiter seien schon am Donnerstag aus dem Land gebracht worden, viele weitere sollten in den kommenden Tagen folgen, teilte der britische Energiekonzern BP am Freitag mit. Demnach seien am Donnerstag elf Mitarbeiter des Unternehmens sowie Hunderte Beschäftigte anderer Firmen in drei Flugzeugen ausgeflogen worden. Am Freitag sei bislang ein weiterer Flug geplant, nach Bedarf würden zusätzliche arrangiert. Es befänden sich nur noch "eine geringe Anzahl" von BP-Mitarbeitern dort, gab der Konzern bekannt.

Terroristen haben sich verschanzt

Die Lage auf dem unter anderem von BP betriebenen Gasfeld Ain Amenas in der Nähe der libyschen Grenze, auf dem ein Terrorkommando der Gruppierung am Mittwoch zahlreiche algerische und ausländische Geiseln genommen hat, ist unklar. Auf dem Gelände halten sich weiterhin einige der Islamisten verschanzt. "Es gibt noch eine verschanzte terroristische Gruppe" in dem Komplex, zitiert die Nachrichtenagentur AFP algerische Sicherheitskreise. Zuvor hatte das britische Außenministerium erklärt, die Terroraktion dauere weiter an. Der Sprecher der Terrorgruppe sagte der Nachrichtenagentur Ani, ihr gehörten Staatsbürger Algeriens, Ägyptens, Nigers, Malis, Mauretaniens und Kanadas an.

Am Donnerstag hatte die algerische Armee die Islamlisten mit Hubschraubern und Bodentruppen angegriffen. Dabei gab es Medienberichten zufolge viele Tote, mehrere ausländische Geiseln konnten befreit werden.

Über die exakte Zahl der Opfer und entkommenen Geiseln gibt es keine verlässlichen Angaben. Die Islamisten sprachen von 35 Geiseln und 15 Kidnappern, die allein durch die Luftangriffe gestorben sein sollen, und drohten mit der Tötung von sieben verbliebenen Geiseln. Algeriens Informationsminister Mohand Oussaid Belaid bestätigte Todesopfer und Verletzte, ohne konkrete Zahlen zu nennen. Es sei aber auch eine große Zahl von Terroristen "neutralisiert" worden.

Aus Sicherheitskreisen des Landes hieß es, bei dem Angriff seien 30 Geiseln getötet worden, darunter mehrere Ausländer. Das Schicksal von mindestens 22 Ausländern ist weiter unklar. Zwei Franzosen haben die Geiselnahme unverletzt überlebt, teilte der französische Innenminister Manuel Valls mit. Über zwei weitere Franzosen, die sich zum Zeitpunkt der Geiselnahme möglicherweise in der Anlage aufgehalten haben, lägen aber keine Informationen vor - ebensowenig zu dem französischen Staatsbürger, der zu den Geiselnehmern gehören soll.

Auch ein Österreicher ist laut Innenministerium erfolgreich befreit worden und befinde sich nun in Sicherheit. Über Details sei die österreichische Regierung nicht informiert.

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Aktion zur Geiselbefreiung noch nicht beendet

Dem britischen Premierminister David Cameron zufolge sind deutlich weniger als 30 britische Staatsbürger in Gefahr. Die Zahl, von der man ursprünglich ausgegangen sei, sei nach neuen Erkenntnissen "signifikant reduziert" worden, sagte Cameron am Freitag nach einer Tagung des Krisenstabs der Regierung. Genauere Details nannte er nicht.

Die Aktion zur Geiselbefreiung sei noch nicht beendet, dies bestätigte auch sein französischer Kollege Jean-Marc Ayrault. Cameron erklärte, er verabscheue und verurteile die "brutale und grausame Attacke" der Geiselnehmer. Er habe die algerische Regierung gebeten, Großbritannien über neue geplante Aktionen sofort zu informieren.

Die algerische Nachrichtenagentur APS meldete unter Berufung auf örtliche Behörden, bei der Militäraktion sei lediglich ein Bereich des Gasfelds von der Armee gesichert worden. Britische und amerikanische Beamte gingen davon aus, die Militäroperation werde am Freitag bei Tageslicht weitergehen. Es gebe dort weiter Geiseln und Terroristen, zitierte der Sender CNN einen nicht namentlich genannten hohen US-Beamten.

"Menschenverachtende und skrupellose Tat"

Der Befreiungsversuch der algerischen Armee hat international harsche Kritik hervorgerufen. Die Regierungen Norwegens, Japans, der USA und Großbritanniens ließen verlauten, sie seien von der Aktion überrascht worden. Staatsbürger dieser Länder befinden sich unter den Geiseln und Opfern. Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg erklärte, seine Regierung habe Algerien offiziell um militärische Zurückhaltung zum Schutz der Geiseln gebeten. Als die Militäraktion bereits lief, sei er lediglich unvollständig informiert worden.

Auch Japans Regierungschef Shinzo Abe beklagte, er sei über die Militäraktion überhaupt nicht informiert worden, sie habe das Leben der Geiseln gefährdet. Der britische Premier zeigte sich nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters "enttäuscht", dass er vor der Aktion des algerischen Militärs nicht über die Operation in Kenntnis gesetzt wurde.

Norwegisches Sanitätsflugzeug darf doch in Algerien landen

Norwegen hat eine fliegende Krankenstation nach Algerien geschickt. Das Flugzeug mit moderner medizinischer Ausrüstung bietet 26 Krankenbetten, davon drei für Intensivpatienten. Dies erklärte der norwegische Außenminister Espen Barth Eide am Freitag. Das am Vorabend aus Norwegen gestartete Flugzeug war wegen der zunächst aus Algerien verweigerten Landeerlaubnis im süditalienischen Catania zwischengelandet. Am Freitag erteilten die algerischen Behörden dann jedoch die Landegenehmigung. Ein Sprecher des Außenministeriums in Oslo sagte im Sender NRK, die Maschine dürfe auf einem einige hundert Kilometer entfernten Flugplatz von Ain Amenas landen.

Bisher hat die Maschine allerdings keine Landeerlaubnis für Algerien und wartet auf Sizilien. In Norwegen wird am Nachmittag ein Flugzeug mit 18 Statoil-Mitarbeitern erwartet, die aus Nordafrika ausgeflogen wurden.

Die Bundesregierung zeigte sich bestürzt: Bei der Geiselnahme auf einem Erdgasfeld handle es sich um eine "menschenverachtende und skrupellose Tat", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes gibt es derzeit keine Anhaltspunkte, dass Deutsche durch die Geiselnahme betroffen sein könnten.

Der blutige Konflikt in Mali war am Mittwoch auf das benachbarte Algerien übergeschwappt. Als Reaktion auf die von Algiers geduldete Intervention der Franzosen hatten islamistische Extremisten ein Gasfeld im Süden des Landes in ihre Gewalt gebracht. Algerien lehnt Verhandlungen mit den Extremisten ab.

In Mali wehrt sich die Zentralregierung gegen den Vormarsch der Islamisten aus dem Norden des Landes. Seit vergangener Woche wird sie von Truppen aus Frankreich unterstützt. Paris hatte die Stärke der islamistischen Kämpfer nach Angaben von Diplomaten anfangs aber unterschätzt. Die Aufständischen seien gut ausgerüstet, ausgebildet und entschlossen gewesen, sagte ein hochrangiger nicht namentlich genannter Diplomat des Landes Reuters.

fdi/heb/Reuters/AFP/dapd/dpa; mit Informationen von Thomas Karlsen, Oslo

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insgesamt 108 Beiträge
1.
tellerrand 18.01.2013
Und deswegen bin ich gegen das Desertec-Projekt. Das ist doch der Wahnisnn, wenn man sich vorstelle, dass Europa am Energietropf einer so unruhigen Region hinge.
Zitat von sysopAP/ DigitalGlobeDie islamistische Terrorgruppe, die hinter der blutigen Geiselnahme in Algerien steckt, kündigt weitere Attacken an. Ziel sollen wieder Industrieanlagen ausländischer Unternehmen sein. "Wir werden dort zuschlagen, wo es am wenigsten erwartet wird." http://www.spiegel.de/politik/ausland/algerien-islamisten-drohen-mit-weiteren-anschlaegen-auf-anlagen-a-878332.html
Und deswegen bin ich gegen das Desertec-Projekt. Das ist doch der Wahnisnn, wenn man sich vorstelle, dass Europa am Energietropf einer so unruhigen Region hinge.
2.
bigboom 18.01.2013
Damit hat sich Desertec in Nordafrika wohl erstmal erledigt....
Damit hat sich Desertec in Nordafrika wohl erstmal erledigt....
3.
darthmax 18.01.2013
offensichtlich hat man eine Niederlage erlitten und macht jetzt mit Drohungen weiter, um Gesicht zu wahren.
offensichtlich hat man eine Niederlage erlitten und macht jetzt mit Drohungen weiter, um Gesicht zu wahren.
4.
Zorpheus 18.01.2013
Dass diese Geiselnahme ausgerechnet mit dem Eingreifen Frankreichs kommt muss nichts mit Rache zu tun haben - ich glaube eher, dass die Leute Geld für neue Waffen bschaffen wollten. Es scheinen ja vor allem Japaner und Briten [...]
Dass diese Geiselnahme ausgerechnet mit dem Eingreifen Frankreichs kommt muss nichts mit Rache zu tun haben - ich glaube eher, dass die Leute Geld für neue Waffen bschaffen wollten. Es scheinen ja vor allem Japaner und Briten betroffen zu sein. Diese würden auch am ehesten viel Lösegeld bezahlen. Sie müssen ja nicht mit den Folgen davon leben, mit den schwer bewaffneten Banditen und weiteren Geiselnahmen. Und um genau das zu verhindern hat denke ich Algerien gleich eingegriffen. Es wird endlich Zeit für eine internationale "Keine Verhandlungen mit Terroristen"-Vereinbarung. Diese Lösegeldzahlungen machen nur für den einzelnen Betroffenen Sinn, insgesamt kommen dadurch nur viel mehr Menschen zu Schaden.
5. Zündschnur gelegt
ftraven 18.01.2013
Frankreich hat offensichtlich die Zündschnur durch seinen militärischen Feldzug in Mali gelegt. F wird dies nicht allen aus humanitären Gesichtspunkten getan haben, sondern vor allem um "sein" Uran in Mali und [...]
Frankreich hat offensichtlich die Zündschnur durch seinen militärischen Feldzug in Mali gelegt. F wird dies nicht allen aus humanitären Gesichtspunkten getan haben, sondern vor allem um "sein" Uran in Mali und andere Rohstoffe auch in Nachbarstaaten zu sichern. Jeder, der bei diesem Feldzug, ob anfangs nur mit Flug- zeugen oder auch anders, mitmacht, gerät ins Visier der Islamisten. Wir können uns demnach auch auf was gefaßt machen. D hat wahrscheinlich nicht immer das Glück, dass Spreng- sätze nicht funktionen (Köln, Bonn etc.)

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