Lade Daten...
18.01.2013
Schrift:
-
+

Geiseldrama in Algerien

Angriff beim Schichtwechsel

Von , und
Foto: REUTERS Google Earth/ CNES / Spot Image

Die Terroristen, die das Gasfeld bei Ain Amenas überfielen, wussten genau, wann sie zuschlagen mussten: während eines Schichtwechsels auf der Anlage. Die Details des Überfalls belegen, wie kalkuliert die Islamisten agieren - und wie verheerend die Befreiungsaktion des Militärs für viele Geiseln war.

Es ist nach wie vor schwierig, verlässliche Informationen über die genauen Vorgänge in der algerischen Wüste zu erhalten. Das Ain-Amenas-Gasfeld in der Sahara liegt rund 1300 Kilometer südlich von Algier und 100 Kilometer von der libyschen Grenze entfernt. Das Gelände ist von Soldaten umstellt, Journalisten erhalten keinen Zugang. So ist auch völlig unklar, wie viele Geiseln überhaupt in den Händen der Kidnapper waren. In mehreren Berichten heißt es, die Islamisten hätten zwischenzeitlich zwischen 400 und 600 Menschen in ihrer Gewalt gehabt. Viele von ihnen konnten offenbar fliehen.

Die Gruppe der Entführer, die sich "Die mit dem Blut unterschreiben" nennt, verkündete am Freitag, in ihren Reihen hätten sich Kämpfer aus verschiedenen Staaten an der Geiselnahme beteiligt. Sie stammten aus Algerien, Ägypten, Mali, Mauretanien, Niger und Kanada. Sie drohten mit weiteren Angriffen, falls der Westen seine Operation in Nordmali nicht beende. Algerier sollten sich bis dahin von westlichen Einrichtungen fernhalten.

Mittwoch, früher Morgen: Die Angreifer halten sich in der Dunkelheit in der Nähe der Anlage nahe des Wüstenorts Ain Amenas versteckt. Bei dem Gasfeld handelt es sich um einen Standort des Öl- und Gasmultis BP.

Fotostrecke

Ain Amenas: Geiseldrama in der Wüste
Mittwoch, 5 Uhr: Beginn der Attacke. Laut dem britischen "Guardian" befinden sich zu diesem Zeitpunkt mehr als doppelt so viele ausländische Arbeiter auf dem Gelände als sonst üblich. Ein möglicher Grund ist eine Art Schichtwechsel. Offenbar sollte zum Zeitpunkt des Angriffs gerade eine größere Gruppe Ausländer per Bus zum Flughafen von Ain Amenas gebracht werden. Die Personen befanden sich aber noch auf dem Gelände, als drei Pick-ups mit rund 20 Angreifern auftauchen. Die Extremisten haben bei der Wahl des Zeitpunkts also entweder Glück - oder sie wissen im Voraus, wer sich wann in der Anlage befindet.

Mittwoch, 5.20 Uhr: Die Angreifer eröffnen das Feuer auf den Bus mit den Ausländern, Wachposten feuern zurück. Ein Brite und ein Algerier sterben im Kugelhagel, der Busfahrer steuert sein Fahrzeug trotzdem aus der Anlage und rast in Richtung Ain Amemas.

Mittwoch, gegen 6 Uhr: Nun konzentrieren sich die Extremisten auf die Wohnanlagen der Arbeiter. Ein Augenzeuge berichtet im französischen Fernsehen, die Angreifer hätten die Anlage aus zwei Richtungen attackiert. Die Geiseln werden zusammengetrieben, Ausländer und Algerier getrennt. Nun deponieren die Angreifer laut dem Zeugen Sprengsätze an verschiedenen Stellen - und wohl auch an den Körpern zahlreicher Geiseln. Dann informieren sie die Presse.

Mittwochvormittag: Erste Meldungen über einen Überfall treffen bei den internationalen Nachrichtenagenturen ein. Zunächst ist nur von "mehreren" ausländischen Geiseln die Rede. Die Angaben schwanken im Laufe des Tages zwischen fünf und acht Personen. Später erhöht sich diese Zahl deutlich, von mindestens 40 Geiseln berichten Medien vor Ort. Es gibt bereits Meldungen über mindestens einen Toten und mehrere Verletzte.

Mittwochvormittag: Die Geiselnehmer lassen einen Teil der algerischen Gefangenen frei. Einer von ihnen ist Abdelkader, der 53-Jährige, der seinen Nachnamen aus Sicherheitsgründen nicht nennen will, stammt aus Ain Amenas. "Sie haben uns von Anfang an gesagt, dass sie es nicht auf Muslime abgesehen haben. Es ging ihnen um die Christen und Ungläubigen. Sie schienen das Gelände sehr gut zu kennen und benutzten die Sprache des radikalen Islam."

Donnerstagmorgen: Das Geiseldrama dauert nun bereits rund 24 Stunden. Inzwischen ist ein Großaufgebot des algerischen Militärs vor Ort. Algier hat neben Soldaten auch eine bisher unbekannte Anzahl von Kampfhubschraubern in den Krisenherd verlegt. Sie umzingeln das Lager. Die USA senden eine Überwachungsdrohne.

Die algerische Tageszeitung "al-Shoruq" stellt den Ablauf der nun beginnenden Militäraktion wie folgt dar:

Am Donnerstagmorgen erhält die algerische Armee Informationen, dass die Geiselnehmer Sprengfallen an der Gasförderstätte anbrachten. Daraufhin habe sie die Entscheidung zu einem raschen Angriff auf die Entführer getroffen. Zunächst habe das Militär die Anlage von Hubschraubern aus angegriffen. Dabei seien zwei Geiseln und mehrere Entführer verletzt worden. Diese Angaben decken sich mit Mitteilungen der Kidnapper an die mauretanische Nachrichtenagentur Ani.

Die Armee vor Ort habe auch Erkenntnisse gehabt, laut denen die Geiselnehmer über schwere Waffen verfügten und sich in drei Gruppen geteilt haben, um eine Erstürmung des Gebiets durch die Armee zurückzuschlagen.

Gegen 11 Uhr: Nach dem ersten Hubschrauberangriff gelingt einer Gruppe von 30 Algeriern und 15 Ausländern verschiedener Nationalitäten die Flucht. Die Armee bringt sie umgehend mit Helikoptern ins Krankenhaus von Ain Amenas. Großbritanniens Premier Cameron telefoniert um 12.30 Uhr mit seinem Amtskollegen Abdelmalek Sellal. Dieser erklärt, dass die Militäraktion begonnen habe.

Gegen 13 Uhr meldet sich "Abu Bara", der Anführer der Geiselnehmer, bei der algerischen Armee und droht, alle Geiseln zu töten, falls die Armee die Anlage stürme. Außerdem fordern die Entführer die Bereitstellung von 20 Allrad-Jeeps mit genügend Treibstoff und freies Geleit bis zur mehr als tausend Kilometer entfernten Grenze zu Mali.

Gegen 14.30 Uhr beginnen die Terroristen, einen Teil der Geiseln in Geländewagen des Gasunternehmens an einen anderen Ort zu bringen. Kurz beschießt das Militär den Konvoi von Hubschraubern aus. Dabei sind nach Angaben der Entführer 35 Geiseln und 15 Kidnapper getötet worden, unter ihnen ihr Anführer Abu Bara. Das algerische Militär hat diese Zahlen bislang nicht bestätigt. Ein Diplomat aus Algier erklärt jedoch, die Soldaten seien gezwungen, "jeden zu erschießen, der sie oder andere bedroht".

Bis 15.30 Uhr gelingt es einer großen Zahl von Geiseln in dem Chaos, von dem Gelände zu entkommen. Algerische Sicherheitskreise sprechen von 180 einheimischen Arbeitern, die fliehen können.

Nach eigenen Angaben halten die Terroristen nun noch sieben Ausländer in ihrer Gewalt - drei Belgier, zwei US-Bürger und je einen Briten und einen Japaner. Sie sollen sich noch immer auf einem Teil des weitläufigen Geländes bei Ain Amenas aufhalten.

Um 17 Uhr bricht der Kontakt der mauretanischen Nachrichtenagentur Ani zu den Geiselnehmern ab. Zuvor hatte die Agentur immer wieder per Telefon Kontakt ins Innere der Anlage gehalten und die Forderungen der Angreifer kolportiert.

18 Uhr: Premier Cameron erklärt nach einem weiteren Krisentreffen mit seinen Sicherheitsexperten, dass bisher ein britischer Staatsbürger getötet wurde. Der Politiker weiter: "Wir rechnen aber mit weiteren schlechten Nachrichten." Die Geiselnahme sei definitiv noch nicht beendet. Am Freitag sind weitere Krisentreffen geplant.

Freitagmorgen bleibt die Lage auf dem Erdgasfeld diffus. Um 8.20 Uhr meldet die französische Zeitung "Le Figaro", es sei noch unklar, ob die Kämpfe zwischen Geiselnehmern und algerischem Militär beendet seien.

Wenig später erklärt das britische Außenministerium, dass die Geiselnahme auf dem BP-Gasfeld noch nicht beendet sei: "Der terroristische Zwischenfall ist weiter im Gange." Auch die Nachrichtenagentur AFP meldete um 11 Uhr, es sei immer noch eine Terroristengruppe in dem Erdgasfeld-Komplex unterwegs.

Laut "Le Monde" landete am Freitagmorgen ein US-Flugzeug auf dem Flughafen von Ain Amenas, um US-Bürger zu evakuieren - genaue Angaben darüber, wie viele Amerikaner unter den Geiseln waren, liegen bislang nicht vor.

Um 12 Uhr sagt Premier Cameron im britischen Parlament, dass die algerische Armee noch immer nach Terroristen und Geiseln suche. "Weniger als 30 britische Bürger" seien von dem Anschlag betroffen. Die Sicherheitsvorkehrungen in der Region würden weiter verschärft, so der Regierungschef.

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 47 Beiträge
1. optional
hador2 18.01.2013
An anderer Stelle ist von ~35 Toten Geiseln die Rede was natürlich sehr tragisch ist. Auf der anderen Seite dürfte es bei insgesamt 300-400 Geiseln, die noch dazu anscheinend Sprengfallen tragen mussten, praktisch unmöglich sein [...]
An anderer Stelle ist von ~35 Toten Geiseln die Rede was natürlich sehr tragisch ist. Auf der anderen Seite dürfte es bei insgesamt 300-400 Geiseln, die noch dazu anscheinend Sprengfallen tragen mussten, praktisch unmöglich sein alle lebend da herauszubekommen egal wie die Befreiungsaktion ausgesehen hätte. Die einzige Alternative wäre wohl gewesen auf die Bedingungen der Terroristen einzugehen und selbst dann hätte man keine Sicherheit gehabt, alle Geiseln lebend wiederzubekommen. Zumindest die Ausländer wären ja selbst in diesem Falle mit Sicherheit wer weiß wielange als Lebende Schutzschilde missbraucht worden.
2. Guter sachlicher Artikel -
kachnazeli 18.01.2013
...danke
...danke
3. 56789
kein Ideologe 18.01.2013
daher kommt also unser öl. Wollen wir da nicht auch ganz viele Kollektoren aufstellen, daß auch der Strom von daher kommt? Sicher ein interessantes Projekt, aber man muß mit dem Temperament der Leute in der Gegend rechnen.
Zitat von hador2An anderer Stelle ist von ~35 Toten Geiseln die Rede was natürlich sehr tragisch ist. Auf der anderen Seite dürfte es bei insgesamt 300-400 Geiseln, die noch dazu anscheinend Sprengfallen tragen mussten, praktisch unmöglich sein alle lebend da herauszubekommen .....
daher kommt also unser öl. Wollen wir da nicht auch ganz viele Kollektoren aufstellen, daß auch der Strom von daher kommt? Sicher ein interessantes Projekt, aber man muß mit dem Temperament der Leute in der Gegend rechnen.
4. Ergebnis überrascht nicht
joki81 18.01.2013
War abzusehen, dass ein Angriff der algerischen Armee auf ein Blutbad herausläuft. Aber die Algerier waren da wohl zu "stolz auf ihre Souveränität", um das jemand machen zu lassen, der es kann, wie z.B. die [...]
Zitat von sysopDie Terroristen, die das Gasfeld bei Ain Amenas überfielen, wussten genau, wann sie zuschlagen mussten: während eines Schichtwechsels auf der Anlage. Die Details des Überfalls belegen, wie kalkuliert die Islamisten agieren - und wie verheerend die Befreiungsaktion des Militärs für viele Geiseln war. Algerien: Chronologie der Geiselnahme auf dem BP-Gasfeld Ain Amenas - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/algerien-chronologie-der-geiselnahme-auf-dem-bp-gasfeld-ain-amenas-a-878337.html)
War abzusehen, dass ein Angriff der algerischen Armee auf ein Blutbad herausläuft. Aber die Algerier waren da wohl zu "stolz auf ihre Souveränität", um das jemand machen zu lassen, der es kann, wie z.B. die amerikanischen Navy Seals oder israelische Spezialeinheiten.
5. Es ist so traurig
tilko 18.01.2013
immer nur Krieg und Gemetzel. Wo man nur hinschaut, weltweit. Ein einziges Abschlachten. Ist schonmal Jemandem aufgefallen, daß es keinen einzigen Tag gibt mit nur positiven schönen Meldungen. zum Beispiel:... Brunnen gebaut [...]
immer nur Krieg und Gemetzel. Wo man nur hinschaut, weltweit. Ein einziges Abschlachten. Ist schonmal Jemandem aufgefallen, daß es keinen einzigen Tag gibt mit nur positiven schönen Meldungen. zum Beispiel:... Brunnen gebaut in Somalia -Stop- Menscheit hilft Kindern in Kenia in außergewöhnlicher Form -Stop- Rußland und USA verschrotten die U-Bootflotte und bauen Entsalzunganlagen für Trinkwasser -Stop- Palästinenser und Israelis trinken gemeinsam Tee -Stop- Letzte Meldung Frieden in der Welt erreicht --Stop--

Empfehlen

MEHR AUF SPIEGEL ONLINE

Video

Artikel

News verfolgen

Lassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter RSS
alles zum Thema Geiselnahme in Algerien
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2014 Alle Rechte vorbehalten