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18.01.2013
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Europas Presse über den Mali-Einsatz

"Paris nicht alleine lassen"

Von Carolin Lohrenz
AFP

Französische Truppen in Mali: "Frankreich muss nun zeigen, dass es mehr kann, als Streitkräfte zu schicken"

Sollen Frankreichs europäische Partner an seiner Seite in Mali eingreifen? Europas Presse ist in dieser Frage gespalten: "Höfliche Ausreden", wohin man blicke, klagt "Le Figaro". Eine "unerträgliche Einsamkeit", beklagt "Le Monde". Der "Independent" warnt vor einem zweiten Afghanistan.

Seit einer Woche fliegt Frankreich Luftangriffe gegen radikale Islamisten in Mali. Der Militäreinsatz zieht immer weitere Kreise. Doch das Land fühlt sich von seinen europäischen Partnern alleingelassen.

So schreibt der Politologe Gilles Kepel in "Le Monde" zur "unerträglichen Einsamkeit Frankreichs in Mali":

Ist Frankreich dafür gerüstet, die Aktion zur Wiederherstellung der malischen Souveränität und zum Stopp der dschihadistischen Ausbreitung in der Sahelzone zu einem guten Ende zu bringen? Anders gesagt: Wie auch immer die Kämpfe ausgehen mögen, der wahre Test vor Ort wird sein, inwieweit Frankreich die Demokratisierung begünstigt und sich vor den Irrungen hütet, die auf die Operationen der Nato in Libyen, der Vereinigten Staaten im Irak oder der internationalen Koalition in Afghanistan folgten. Die französische Einsamkeit, während doch für ganz Europa an der Mittelmeerfront etwas auf dem Spiel steht, ist nicht haltbar - außer, man will den Sinn der Union unterhöhlen. Weil die Geiselnahme von In Amenas in ihrer großen Mehrheit Staatsangehörige angelsächsischer und skandinavischer Länder betrifft [...] wird sie notgedrungen neue Staaten in den Konflikt einbinden, wenn auch unter Zwang.
"Le Monde", Paris, 17. Januar

Die unbequeme Wahrheit sei, laut der "Neuen Zürcher Zeitung", dass auch in der Ära nach Afghanistan westliche Militärinterventionen mit Bodentruppen erforderlich sein könnten, wolle man greifbare Resultate erzielen.

Eine Doktrin, die ein militärisches Engagement in ehemaligen Kolonialgebieten grundsätzlich ausschließt, wäre falsch. Die Europäer, darin hat Präsident François Hollande recht, können diese unangenehme Aufgabe auch nicht einfach an die USA delegieren. Frankreich muss nun zeigen, dass es mehr kann, als Streitkräfte zu schicken. Die anderen EU-Staaten, allen voran Großbritannien und Deutschland, sollten Paris dabei nicht alleine lassen.
"NZZ", Zürich, 16. Januar

Wer François Hollande in sein "Sahelistan" wie folgen wird, liegt für François Heisbourg in der "New York Times" im Dunkeln. Der Pariser Politologe erinnert aber an das Diktum des in Europa ungeliebten Donald Rumsfeld nach dem 11. September:

Die Koalition ergibt sich aus dem Einsatz. Zu den militärischen Unterstützern Frankreichs gehören viele, von der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) bis zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Doch die Nato als solche ist abwesend - ebenso wie einstweilen auch die Europäische Union. Die EU insbesondere hat wieder einmal bewiesen, dass die Wörter "Geschwindigkeit und Dringlichkeit" nicht zu ihrem Wortschatz gehören.
"New York Times", New York, 15. Januar

Für "Le Mondes" Hauscartoonist Plantu besteht europäische Solidarität derzeit vorrangig aus warmen Worten. Ähnlich schrieb "Le Figaro", als Tage nach Beginn der Operation keinerlei Anzeichen für Hilfstruppen zu sehen waren:

An wen sie sich in Europa auch wenden mögen, das einzige, was die französischen Diplomaten und der Generalstab zu hören bekommen, sind höfliche Ausreden. Deutschland, die einzige Militärmacht in Europa, deren Verteidigungshaushalt noch steigt, kann nicht einen einzigen Soldaten oder Panzer ohne eine Abstimmung im Bundestag entsenden. Und das ist eine Option, die Angela Merkel im Wahlkampf vermeiden will. Italien ist ebenfalls im Wahlkampf und das finanziell ausgelaugte Spanien scheint alles andere als begeistert. Die Länder Nordeuropas, wie die fleißigen Nato-Beitragszahler Niederlande und Dänemark, interessieren sich kaum für Afrika. In Osteuropa erinnert Polen daran, dass es noch Soldaten in Afghanistan stationiert hat.
"Le Figaro", Paris, 16. Januar

Wird Deutschland zwei Jahre nach Libyen nun auch für Mali seine Unterstützung, nicht aber seine Teilnahme anbieten?, fragt sich der Berliner Korrespondent von "Le Monde" .

Die ersten Erklärungen der deutschen Regierung seit der Ankündigung des französischen Eingreifens veranschaulichen wieder einmal die Widersprüche der deutschen Außenpolitik. [...] Das stellt für das Treffen der beiden Regierungen am Dienstag den 22. Januar, anlässlich des 50. Jahrestags des Elysée-Vertrags, ein schönes Thema in Aussicht. Geplant war hier die Diskussion über eine wenn möglich gemeinsame Vorgehensweise in der Außenpolitik gewesen.
"Le Monde", Paris, 14. Januar

Alberto Negri schrieb in der Mailändischen "Il Sole", der Krieg in Mali ginge Italien sehr wohl an:

Wir haben ein kurzes Gedächtnis, aber Italien war in den bleiernen Jahren in Algerien, als der Zusammenstoß mit den Islamisten zu zehn Jahren Terror und 200.000 Toten führte, in wichtige Sicherheitsfragen verwickelt. Italiener und Algerier arbeiteten damals eng zusammen, um den islamistischen Gruppen, die von der nordafrikanischen Küste nach Europa blickten, Einhalt zu gebieten. [...] Auch Italien interessiert sich für die Sahelzone, was würden wir sonst mitten im Mittelmeer machen? Der Handel mit der südlichen Mittelmeerküste bringt uns jährlich 57 Milliarden Euro ein, und wir zählen immer zu den drei wichtigsten Wirtschaftspartnern der Länder in Nordafrika. Deren Sicherheit ist unsere Sicherheit.
"Il Sole 24 Ore", Mailand, 16. Januar

"The Independent" warnte davor, dass der Krieg in Mali Sorgen bestärken könnte, der Westen würde schon wieder zum Kampf gegen den Islam aufrufen. So ist Owen Jones der Ansicht:

Es ist äußerst beunruhigend, wie David Cameron Großbritannien in den malischen Konflikt verwickelt hat, ohne auch nur so zu tun, als ob er Rücksprache halten würde. So erfahren wir, dass keine Truppen entsandt werden sollen. Aber eine Eskalation der Krise könnte zu einer Ausweitung des Einsatzes führen und Großbritannien tiefer hineinziehen. Der Westen neigt dazu, sich mit den dubiosesten Partnern zu verbünden: Die Alliierten, die wir gewählt haben, sind ganz entschieden keine menschenrechtsliebenden Demokraten. Wir alle müssen prüfen, was unsere Regierungen in unserem Namen unternehmen. Wenn wir aus Irak, Afghanistan und Libyen nichts gelernt haben, dann ist alle Hoffnung verloren.
"The Independent", London, 14. Januar

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insgesamt 69 Beiträge
1. Nachdem die NATO und UNO unter Führung der USA
ratschbumm 18.01.2013
der gesamten Welt gezeigt haben, wie der Westen tickt und was er eigentlich vorhat, dürfen wir jetzt die Kastanien für andere aus dem Feuer holen. Wir sind auch noch so dämlich und machen es. Es werden Flächenbrände überall [...]
Zitat von sysopSollen Frankreichs europäische Partner an seiner Seite in Mali eingreifen? Europas Presse ist dieser Frage gespalten: "Höfliche Ausreden" wohin man blicke, klagt "Le Figaro", eine "unerträgliche Einsamkeit" beklagt "Le Monde". Der "Independent" warnt vor einem zweiten Afghanistan. Außenspiegel: Europas Presse über den Mali-Einsatz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aussenspiegel-europas-presse-ueber-den-mali-einsatz-a-878338.html)
der gesamten Welt gezeigt haben, wie der Westen tickt und was er eigentlich vorhat, dürfen wir jetzt die Kastanien für andere aus dem Feuer holen. Wir sind auch noch so dämlich und machen es. Es werden Flächenbrände überall dort entstehen, wo die Militärmacht der NATO nicht ihren langen Arm hin bekommt. Schon Napoleon ging vor Moskau in die Knie. Der Gröfatz genauso. Die Welt ist eben ein wenig größer als alle Sandkastenspiele es zeigen können. Auch wen sich eine Milliarde westlich orientierter Menschen für dumm verkaufen lassen, tut es der Rest in Form von 6 Millarden noch lange nicht. Wir werden es erleben.
2.
lavama 18.01.2013
ja ne ich wusste nicht das moskau jetzt in mali liegt, jedenfalls danke für diesen unglaublich vielaussagenden kommentar, er hat mir die augen geöffnet mfg
ja ne ich wusste nicht das moskau jetzt in mali liegt, jedenfalls danke für diesen unglaublich vielaussagenden kommentar, er hat mir die augen geöffnet mfg
3. Kolonialkrieg
hepa 18.01.2013
Was haben wir in Mali verloren? Es geht doch von allem um Uranvorkommen, die für die französischen Atomreaktoren unverzichtbar sind. Wir (als Europäer) sollten uns nicht in einen neuen Kolonialismus hereinziehen lassen.
Was haben wir in Mali verloren? Es geht doch von allem um Uranvorkommen, die für die französischen Atomreaktoren unverzichtbar sind. Wir (als Europäer) sollten uns nicht in einen neuen Kolonialismus hereinziehen lassen.
4. schieflage
kstbremen 18.01.2013
nach geballter medienkampagne schaffen wir es doch noch zu einem neuen afghanistan. der gesunde menschenverstand wird nicht zu rate gezogen und geht in der gemengelage, aus wirtschafts, politik interessen unter. jede wette, daß [...]
nach geballter medienkampagne schaffen wir es doch noch zu einem neuen afghanistan. der gesunde menschenverstand wird nicht zu rate gezogen und geht in der gemengelage, aus wirtschafts, politik interessen unter. jede wette, daß ein kriegseinsatz keiner volksabstimmung, weltweit, standhält.
5. Seltsam
seine-et-marnais 18.01.2013
Warum diese ollen Kamellen? Die Kommentare sind aus der Zeit vor dem Überfall der Dschihadisten in Algerien. Seitdem hat sich doch wohl einiges verändert. Es wird den übrigen Europäern sehr schwer fallen sich aus diesem [...]
Zitat von sysopSollen Frankreichs europäische Partner an seiner Seite in Mali eingreifen? Europas Presse ist dieser Frage gespalten: "Höfliche Ausreden" wohin man blicke, klagt "Le Figaro", eine "unerträgliche Einsamkeit" beklagt "Le Monde". Der "Independent" warnt vor einem zweiten Afghanistan. Außenspiegel: Europas Presse über den Mali-Einsatz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/aussenspiegel-europas-presse-ueber-den-mali-einsatz-a-878338.html)
Warum diese ollen Kamellen? Die Kommentare sind aus der Zeit vor dem Überfall der Dschihadisten in Algerien. Seitdem hat sich doch wohl einiges verändert. Es wird den übrigen Europäern sehr schwer fallen sich aus diesem Konflikt südlich des Mittelmeers herauszuhalten. Die werden schlicht von den Ereignissen eingeholt. Europa hat mit einer jahrzehntelangen Politik der falschverstandenen Toleranz im Innern aber auch wegen seiner Komplizität gegenüber gewissen Ölstaaten und dem Hinnehmen der Misere in Afrika dazu beigetragen dass es zu diesen Zuständen in einem grossen Teil Afrikas gekommen ist. Das Mittelmeer ist nicht breit genug Europa zu schützen, und weitere Explosionen zu beiden Seiten dieses Meeres sind angesagt. Ich spreche noch nicht einmal von den wirtschaftlichen Auswirkungen im von Rezession gebeutelten Europa.

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