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23.01.2013
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Massaker in Algerien

Geisel machte heimlich Handy-Fotos

Foto: REUTERS/ Kyodo

Es waren die schlimmsten Tage ihres Lebens: Ein Algerier machte mit dem Handy heimlich Aufnahmen von den Geiseln beim Überfall in Ain Amenas. Die Bilder zeigen, wie die Terroristen ihre Gefangenen zusammentreiben. Der Fotograf überlebte - Dutzende Menschen wurden hingerichtet.

Algier - Viele von ihnen waren gerade beim Frühstück, als die vermummten und schwerbewaffneten Männer auf die Gasanlage von Ain Amenas stürmten. Wer noch in der Kantine war, hatte keine Chance. Die Kidnapper umstellten das Gebäude und führten die Arbeiter ab. Von einer Sekunde auf die nächste wurden die Männer zu Geiseln.

Andere, wie der rumänische Arbeiter Liviu Floria oder der Brite Tony Grisedale, hatten Glück. Er frühstücke nie, sagte Grisedale der Zeitung "The Independent". Als er hörte, dass die Alarmsirene aufheulte, lief er schnell zurück in seine Wohnkabine, machte die Tür zu und die Rollladen runter. Während die Kidnapper die großen Wohnblöcke durchkämmten, blieb er unentdeckt. Zwei Tage harrte er in seiner Kabine aus, ohne Essen, bis ihn das algerische Militär befreite.

Der Rumäne Liviu Floria war am Abend vor der Geiselnahme früh zu Bett gegangen, sagte er der Zeitung "New York Times". Deswegen war er schon wach und auf dem Weg zu seinem Büro in der Mitte der Gasanlage, als die Kidnapper zum Wohnkomplex stürmten. Als er Schüsse hörte, versteckte er sich dort. Ihm stockte der Atem, als er Geräusche im Büro hörte. Doch es war nur ein Kollege, der sich ebenfalls dorthin flüchten konnte. Bis zum nächsten Morgen retteten sich weitere sechs Beschäftige des Gasterminals in ihr Versteck.

Fotostrecke

Überfall in Algerien: Heimlich gemachte Aufnahmen von Ain Amenas
Es konnte nur eine Frage der Zeit sein, bis die Geiselnehmer auch Floria und seine Kollegen entdecken würden. Also entschieden sich die Männer zur Flucht. In der zweiten Nacht, um zwei Uhr, begannen sie ihre gefährliche Expedition. Sie kletterten über den Zaun um die Anlage. Die Kidnapper merkten nichts. Die Entkommenen liefen in die Wüste. Ihre einzige Orientierung: die Kompassfunktion auf Liviu Florias Smartphone. Sie marschierten etwa zwölf Stunden lang, bevor sie eine Straße erreichten. Als sie ein Auto der algerischen Sicherheitskräfte sahen, winkten sie es heran. Sie waren gerettet.

So entstanden die Handyaufnahmen

Ein algerischer Arbeiter hatte ebenfalls Glück. Heimlich machte er Fotos der Geiselnahme, die nun veröffentlicht wurden. Möglicherweise könnten die Bilder nun den algerischen Geheimdiensten dabei helfen, mehr über die Terroristen zu erfahren. Auf den Fotos ist zu sehen, wie Dutzende Arbeiter vor einem Wohngebäude zusammenkauern. Drei Bewaffnete in Tarnanzügen stehen vor ihnen. Eine andere Geisel soll heimlich Videoaufnahmen gemacht haben.

Der heimliche Fotograf ist später von den Geiselnehmern freigelassen worden. Sie hatten es hauptsächlich auf Ausländer abgesehen. Fast alle der rund 700 algerischen Arbeiter durften die Anlage verlassen.

Für Dutzende andere Menschen folgten die wohl schlimmsten Tage ihres Lebens. Die Kidnapper trieben erst die Arbeiter im Frühstücksraum zusammen, dann durchsuchten sie nacheinander die Wohnunterkünfte. Manchen wurden Sprengstoffgürtel um den Bauch gebunden. So durften sie dann ihre Angehörigen anrufen, um ihnen mitzuteilen, dass sie gerade als Geisel genommen wurden.

Andere wurden vor den Augen ihrer Kameraden exekutiert. Bis das algerische Militär Ain Amenas unter seine Kontrolle bringen konnte, wurden 37 ausländische und elf algerische Geiseln getötet. Fünf Ausländer werden nach wie vor vermisst.

ras

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insgesamt 14 Beiträge
1. Weder Hinrichtung noch Exekution
lectorspeculorum 23.01.2013
Die Tötung der Geiseln war weder eine Hinrichtung noch eine Exekution. Hier wurden schlicht Menschen von Terroristen ermordet. Es wäre schön, wenn SPON ein wenig mehr auf die korrekte Wortwahl achten und den Terroristen auch [...]
Die Tötung der Geiseln war weder eine Hinrichtung noch eine Exekution. Hier wurden schlicht Menschen von Terroristen ermordet. Es wäre schön, wenn SPON ein wenig mehr auf die korrekte Wortwahl achten und den Terroristen auch sprachlich keine unnötige Legitimation verschaffen würde.
2. Kidnapper kamen aus aus libyscher Richtung.
robert.haube 23.01.2013
Die Islamisten kamen in Armee-Uniformen und nach algerischer Nachrichtenagentur in Wagen mit libyschen Kennzeichen. Da sie aus Libyen kamen, war der Überraschungsmoment vollkommen. Libysche Blogger vermuten, sie kamen direkt aus [...]
Die Islamisten kamen in Armee-Uniformen und nach algerischer Nachrichtenagentur in Wagen mit libyschen Kennzeichen. Da sie aus Libyen kamen, war der Überraschungsmoment vollkommen. Libysche Blogger vermuten, sie kamen direkt aus einem Ausbildungslager von Al-Quaida im libyschen Fezzan.
3.
rainman_2 23.01.2013
Bei einer Tötung ohne gesetzliches Gerichtsurteil, wird durch die Wortwahl "Hinrichtung" und "Exekution" die bewusste, geplante Handlung einer Mordtat extra betont, so zumindest empfinde es ich, Ermordung [...]
Zitat von lectorspeculorumDie Tötung der Geiseln war weder eine Hinrichtung noch eine Exekution. Hier wurden schlicht Menschen von Terroristen ermordet. Es wäre schön, wenn SPON ein wenig mehr auf die korrekte Wortwahl achten und den Terroristen auch sprachlich keine unnötige Legitimation verschaffen würde.
Bei einer Tötung ohne gesetzliches Gerichtsurteil, wird durch die Wortwahl "Hinrichtung" und "Exekution" die bewusste, geplante Handlung einer Mordtat extra betont, so zumindest empfinde es ich, Ermordung klingt dagegen fast schon banal.
4. Danke!!!
chuckal 23.01.2013
Dieser Sprachgebrauch ist wirklich mehr als schlampig
Zitat von lectorspeculorumDie Tötung der Geiseln war weder eine Hinrichtung noch eine Exekution. Hier wurden schlicht Menschen von Terroristen ermordet. Es wäre schön, wenn SPON ein wenig mehr auf die korrekte Wortwahl achten und den Terroristen auch sprachlich keine unnötige Legitimation verschaffen würde.
Dieser Sprachgebrauch ist wirklich mehr als schlampig
5. Angeblich 2 Exec erschossen ( BP/Nikki )
Martine 23.01.2013
In Japan wird davon berichtet, dass der BP Vizepräsident und Nikki`s ehemaliger Vizepräsident erschossen worden sind. Der Engländer war ausnahmsweise in Algerien, der ehem. Exec. von Nikki, der seit geraumer Zeit als Berater [...]
In Japan wird davon berichtet, dass der BP Vizepräsident und Nikki`s ehemaliger Vizepräsident erschossen worden sind. Der Engländer war ausnahmsweise in Algerien, der ehem. Exec. von Nikki, der seit geraumer Zeit als Berater arbeitete, war auch nur ausnahmsweise dort.

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