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25.01.2013
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Sexismus

Warum der Fall Brüderle in den USA unmöglich wäre

Ein Kommentar von Gregor Peter Schmitz, Washington
dapd

FDP-Politiker Brüderle: In den USA wäre er politisch so gut wie erledigt

Amerika gilt vielen Deutschen als Hort der Prüderie und Heuchelei, gerade in der Politik. Doch bei einem Vergleich mit dem Fall Brüderle wird deutlich: Die USA sind emanzipierter. Als Spitzenpolitiker wäre der Mann dort so gut wie erledigt.

Wer als Deutscher in den USA lebt, muss den Amerikanern immer wieder Kuriositäten unseres Politikbetriebs erläutern: weshalb wir Bundespräsidenten aus Orten namens Großburgwedel rekrutieren, wieso im Bundeskabinett plagiierte Doktorarbeiten zum wahrscheinlichsten Rücktrittsgrund geworden sind - und warum ein ehemaliger Bundeskanzler sich bei einem russischen Staatskonzern verdingen muss, um über die Runden zu kommen.

Alles keine einfachen Aufgaben. Doch ein Kinderspiel verglichen mit dem Fall Brüderle. Bei dem weiß ein normaler Deutscher gar nicht mehr, wo der kulturelle Erklärungsversuch ansetzen soll. Vielmehr muss man weiter ausholen. Die amerikanische Verwirrung setzt nämlich bereits bei dem Umstand ein, dass der FDP-Hoffnungsträger und die "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich sich vor rund einem Jahr in einer Hotelbar in Stuttgart abends überhaupt so nah kommen konnten.

In den USA sind derlei feucht-fröhliche Abende zwischen Berichterstattern und den prominentesten Objekten ihrer Berichterstattung nicht einfach ungewöhnlich. Sie sind so gut wie unmöglich.

Die Zeiten, als der legendäre "Washington Post"-Journalist Ben Bradlee mit Präsident John F. Kennedy durchs Nachtleben von Washington zog und dessen Affären diskret verschwieg, liegen Ewigkeiten zurück. Spätestens seit dem Watergate-Skandal stehen sich Spitzenjournalisten und Spitzenpolitiker in den USA wie Anhänger feindlicher Kriegslager gegenüber.

Wer Außenministerin Hillary Clinton auf Reisen begleitet, kann sich abends gerne an die Hotelbar setzen. Aber die Ministerin wird er dort unter keinen Umständen antreffen. Die Reporter vom früher so mächtigen White House Press Corps freuen sich auf Reisen schon, wenn sie den Präsidenten aus der Ferne erspähen. Mit ihm unter einem Dach übernachten dürfen sie ohnehin nicht. Ein ausgelassener Abend in fröhlichem Kreis von Journalisten und Amtsinhabern am Vorabend eines US-Parteitags? In Amerikas Politikbetrieb in aller Regel unvorstellbar.

Natürlich hat derlei Abschirmung Nachteile, denn sie lässt keinen Raum zum vertraulichen Gespräch, das der Demokratie guttut - genau wie die panische Angst vor Belästigungsklagen die Tätigkeit in US-Unternehmen bisweilen ähnlich entspannt wirken lässt wie Jogging in einem Minenfeld.

Man kann eine so klare Trennung aber auch professionell finden, denn Politiker und Journalisten können nicht Freunde sein - egal wie nett der Abend ist. Und wenn nur so auszuschließen ist, dass Journalistinnen zum Objekt angetrunkener und anzüglicher Politiker werden, muss man diese Grenzen auch bei uns klarer ziehen.

Weltmacht ist das beste Aphrodisiakum der Welt

Das bringt uns zum zweiten schwer zu erklärenden kulturellen Unterschied: wie ungeschickt jemand wie Brüderle aus amerikanischer Sicht sein muss, sich in schlüpfrigen Bemerkungen etwa über die Dirndl-Tauglichkeit einer Journalistin zu ergehen.

Das heißt nicht, dass Sex keine Rolle in der US-Politik spielt, wir wissen es alle besser. Im Gegenteil, Washington ist eine sexuell aufgeladene Stadt, weil Weltmacht das beste Aphrodisiakum der Welt ist - und selbst einfache Kongressabgeordnete oft wie Rockstars verehrt werden. Es leben hier Politiker, die eindeutige Fotos von sich tweeten. Im Kongress sitzen überführte Ehebrecher und Prostituiertenkunden, die unbeirrt über Familienwerte dozieren.

Oft ist die Schlüpfrigkeit in der US-Hauptstadt also mit Händen zu greifen, auch die Heuchelei. Doch anders als in Deutschland oft angenommen, bedeutet ein sexueller Fehltritt hier nicht zwangsläufig das Karriereende, wie am Beispiel Bill Clinton bestens zu sehen ist. Der leistete sich als Präsident die wohl peinlichste Affäre, die vorstellbar ist - Stichworte: Praktikantin! Zigarre! Blaues Kleid! Im Oval Office! - und gilt heute in Amerikas Öffentlichkeit wieder als einer der großartigsten Wohltäter der Menschheit.

Die Amerikaner verstehen aber gar keinen Spaß, wenn sie den Eindruck gewinnen, ein Politiker behandele Frauen herablassend, degradiere sie gar zum Objekt - wie der glücklose Republikaner-Bewerber Mitt Romney soeben im Wahlkampf lernen musste. Er verstrickte sich in seltsamen Bemerkungen über die "Ordner voller Frauen", die er zur Rekrutierung weiblicher Mitarbeiterinnen konsultiere, was ihn als Kandidaten entlarvte, dessen Frauenbild aus der "Mad Men"-Ära zu stammen scheint. Entsprechend bescheiden fiel sein Ergebnis an der Urne aus.

Mag sein, dass die amerikanischen Brüderles einfach zu selten erwischt werden. Mag aber auch sein, dass Amerika in Sachen Umgang zwischen Politik und Journalistinnen einfach fortschrittlicher ist als wir.

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insgesamt 318 Beiträge
1.
steakhoux 25.01.2013
Aha, weil der Mann wegen einer Anschuldigung in den USA politisch erledigt wäre sind die USA weniger prüde und emanzipierter? Bestechende Logik.
Zitat von sysopAmerika gilt vielen Deutschen als Hort der Prüderie und Heuchelei, gerade in der Politik. Doch bei einem Vergleich mit dem Fall Brüderle wird deutlich: Die USA sind emanzipierter. Als Spitzenpolitiker wäre der Mann dort so gut wie erledigt. Sexismus: Warum der Fall Brüderle in den USA unmöglich wäre - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/sexismus-warum-der-fall-bruederle-in-den-usa-unmoeglich-waere-a-879588.html)
Aha, weil der Mann wegen einer Anschuldigung in den USA politisch erledigt wäre sind die USA weniger prüde und emanzipierter? Bestechende Logik.
2. Aha.
Zentralabitur 25.01.2013
Tja, wir sind nicht in den USA und haben auch nicht sonderlich viel mit denen gemeinsam. Aber mir ist als Deutscher aus Zentraleuropa die Meinung der Amis sehr sehr wichtig... Haha...
Tja, wir sind nicht in den USA und haben auch nicht sonderlich viel mit denen gemeinsam. Aber mir ist als Deutscher aus Zentraleuropa die Meinung der Amis sehr sehr wichtig... Haha...
3. Langsam wird es peinlich
romeov 25.01.2013
Es ist wirklich ungerecht solch eine konstruierte Kampagne gegen Brüderle aufzuziehen. Er wird ja fast schon wie ein Staatsverbrecher von der Presse abgeledert. Aber von einem Medium, das täglich über insektenfressende [...]
Es ist wirklich ungerecht solch eine konstruierte Kampagne gegen Brüderle aufzuziehen. Er wird ja fast schon wie ein Staatsverbrecher von der Presse abgeledert. Aber von einem Medium, das täglich über insektenfressende Neandertaler im Dschungel berichtet, ist offenbar nichts anderes zu erwarten.
4. Na toll ...
dice77 25.01.2013
"Die Zeiten, als der legendäre "Washington Post"-Journalist Ben Bradlee mit Präsident John F. Kennedy durchs Nachtleben von Washington zog und dessen Affären diskret verschwieg, liegen Ewigkeiten zurück." Die [...]
"Die Zeiten, als der legendäre "Washington Post"-Journalist Ben Bradlee mit Präsident John F. Kennedy durchs Nachtleben von Washington zog und dessen Affären diskret verschwieg, liegen Ewigkeiten zurück." Die US-Amerikaner sind uns also wieder mal viele Jahre voraus, waren aber mal so wie wir, oder? Dann können wir uns ja noch überlegen, ob wir auch so verklemmt werden wollen. Ich glaube ich werde gerade zum FDP-Wähler. Brüderle ist nun der letzte, den ich als Bedrohung für uns Frauen empfinde.
5. Der Fall Himmelreich
Klaus100 25.01.2013
Unangemessen ist es, von einem Fall Brüderle zu sprechen. Im Mittelpunkt der Affäre steht der Stern und die beteiligte Journalistin. Der ganze Artikel wirkt sehr konstruiert und kampagnenartig. Er ist widwersprüchlich, weil er [...]
Unangemessen ist es, von einem Fall Brüderle zu sprechen. Im Mittelpunkt der Affäre steht der Stern und die beteiligte Journalistin. Der ganze Artikel wirkt sehr konstruiert und kampagnenartig. Er ist widwersprüchlich, weil er selbst viele Merkwürdigkeiten in den USA aufzählt, aber zu der völlig losgelösten Schlussfolgerung kommt, so etwas sei in den USA nicht möglich.

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Zum Autor

  • Gregor Peter Schmitz, Jahrgang 1975, ist SPIEGEL-Korrespondent in Washington.

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