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27.01.2013
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Einsatz in Mali

Franzosen nehmen Islamistenhochburg Gao ein

Französische und malische Soldaten haben in Mali die strategisch wichtige Stadt Gao eingenommen. Unterdessen haben die westafrikanischen Staaten zugesagt, mit knapp 6000 Soldaten eine deutlich größere Eingreiftruppe für Mali aufzustellen als bislang geplant.

Bamako - Es ist ein wichtiger militärischer Erfolg: Französische und malische Soldaten haben in Mali die Islamistenhochburg Gao eingenommen. Soldaten der Eingreiftruppen aus Niger und dem Tschad sollten nun möglichst schnell die Kontrolle über die strategisch wichtige Stadt übernehmen, erklärte das französische Verteidigungsministerium am Samstagabend in Paris.

Auch in anderen Landesteilen rückten die französischen und malischen Truppen am Samstag offenbar weiter vor. Frankreichs Regierungschef Jean-Marc Ayrault zeigte sich überzeugt, dass französische Truppen auch "bald in der Nähe" der kulturell bedeutenden Stadt Timbuktu sein könnten. Die Oasenstadt am Rande der Sahara wurde von der Unesco als Weltkulturerbe gelistet. Die radikalen Islamisten zerstörten dort zahlreiche Mausoleen islamischer Heiliger und lösten damit weltweite Empörung aus.

Westafrikanische Staaten stocken Eingreiftruppe auf

Premierminister Ayrault, derzeit beim EU-Lateinamerika-Gipfel in Santiago de Chile, bekräftigte zugleich, dass Frankreich seine Truppen nicht längerfristig in Mali stationieren wolle. "Das Ziel ist, dass die afrikanische multinationale Truppe aufgestellt wird und in der Lage ist zu übernehmen", sagte Ayrault.

Unterdessen kamen die westafrikanischen Staaten zu einem Krisentreffen zusammen und entschieden, eine deutlich größere Eingreiftruppe für Mali aufzustellen als bislang zugesagt. Statt der bisher geplanten rund 4000 Soldaten würden die westafrikanischen Staaten 5700 Soldaten im Rahmen der Internationalen Unterstützungsmission für Mali (MISMA) entsenden, sagte der ivorische Generalstabschef Soumaïla Bakayoko am Samstag in Abidjan. Die Elfenbeinküste hat derzeit den Vorsitz der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft (Ecowas) inne.

Von französischer Seite seien nun insgesamt 3700 französische Armeekräfte an der "Operation Serval" beteiligt, erklärte der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian am Samstag, davon seien 2500 in Mali im Einsatz.

Qaida-Kommandeur entkommt französischen Truppen

Obgleich die Truppen zunehmend militärische Erfolge vermelden können: Ein wichtiger Kommandeur der Terrorgruppe al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM), angeblich ein Mann namens Abu Said, ist den französischen Truppen nach Informationen des Magazins "Focus" offenbar entkommen - trotz der schweren Luftangriffe und Kommandoaktionen rund um die kleine Ortschaft Diabali.

Anwohner der Ortschaft Diabali, in der vorvergangenen Woche von Islamisten überfallen und rund acht Tage besetzt, berichteten in den vergangenen Tagen einem Team von SPIEGEL ONLINE, sowohl Abu Said als auch viele seiner Kämpfer seien kurz vor dem Eintreffen der französischen und malischen Truppen geflüchtet. Angeblich hätten Bewohner einer weiter nördlich gelegenen Stadt den Wagen des gefürchteten AQIM-Vizechefs wenig später gesehen. Die Anwohner folgerten daraus, dass Abu Said die Flucht gelungen sei.

Ob es sich bei dem Kommandeur, der die Stadt besetzt hatte, tatsächlich um Abu Said handelte, konnte anhand der Aussagen nicht vollständig geklärt werden. Mehrere Einwohner behaupteten, der Chef der Kämpfer habe sich als Abu Said vorgestellt. Demnach hatte sich der Kommandeur des Qaida-Ablegers für die Maghreb-Region mit sechs Bodyguards nach dem Beginn der Luftangriffe durch die Franzosen in einem Lehmgehöft einer malischen Familie versteckt; zum Schutz gegen die Luftangriffe hätten seine Kämpfer die Geländewagen unter Mangobäumen geparkt und mit Schlamm getarnt.

Auf Fotos konnten die Anwohner den Kommandeur, der nach Meinung von Terrorexperten die Nummer zwei in der Kommandostruktur der AQIM ist, indes nicht identifizieren.

Die Gruppe AQIM hat sich in den vergangenen Jahren zu einem schlagkräftigen und doch unabhängigen Arm des Terrornetzes al-Qaida entwickelt. Finanziert durch horrende Lösegeldzahlungen nach der Entführung von europäischen Touristen und nach der Revolution in Libyen mit modernen Waffen massiv aufgerüstet, stellt die Gruppe eine der größten Bedrohungen in der Region dar.

Tankflugzeuge aus den USA?

Unterdessen ist in den USA eine Debatte entbrannt, inwieweit Frankreich in seinem Kampf gegen die Islamisten in Nordafrika unterstützt werden soll. Bekannt ist, dass die Franzosen die Amerikaner - aber auch die Deutschen - um Unterstützung bei der Betankung von Jets gebeten haben. Eine abschließende Meinung hat sich die Regierung in Washington aber offenbar noch nicht gebildet. In Berlin hieß es, man suche nach einer Lösung.

Die Bundeswehr verfügt über mehrere Airbus-310-Modelle, die für die Luftbetankung geeignet sind; rein technisch könnten diese Maschinen auch französische "Rafale" oder "Eurofighter" betanken. Das Problem scheint jedoch zu sein, dass eine solche Betankung nicht offiziell zertifiziert ist. Deswegen kann die Bundeswehr der Bitte aus Paris bisher nicht nachkommen.

Dennoch heißt es in Berlin, man bemühe sich, die Hilfe für die Franzosen zeitnah hinzubekommen. Klar ist aber auch, dass die Bundesregierung den Transport von Waffen und Soldaten in deutschen Flugzeugen ausgeschlossen hat.

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sun/mgb/wal/dpa/AFP/Reuters/AP

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insgesamt 72 Beiträge
1. Unwort des Jahres
quark@mailinator.com 27.01.2013
Ich schlage "Hochburg" zum Unwort des Jahres vor. Dieses besinnungslose Nachplappern exotischer Worte nervt doch. Wann immer irgendwelche Orte eingenommen werden, erklärt man sie zu "Hochburgen". Das ist wie [...]
Ich schlage "Hochburg" zum Unwort des Jahres vor. Dieses besinnungslose Nachplappern exotischer Worte nervt doch. Wann immer irgendwelche Orte eingenommen werden, erklärt man sie zu "Hochburgen". Das ist wie "Bolide" bei der Formel1 oder "Karbon" für Kohlefaser, etc. Mehr Inhalt und weniger Schein wäre irrsinnig am Optimalsten, Perfektesten, Idealsten und was sich sonst noch an nicht steigerungsfähigen Sprachkatastrophen finden läst. (Mir geht's jetzt wieder besser :-).)
2. Glückwunsch, aber
jochen1978 27.01.2013
1) kein Bericht über die Verluste der Franzosen. Entweder will man sie geheim halten oder es gab gar keine. In diesem Fall weichen die Islamisten entweder dem Kampf aus oder werden gerade "gekauft". 2) Was mir nicht [...]
1) kein Bericht über die Verluste der Franzosen. Entweder will man sie geheim halten oder es gab gar keine. In diesem Fall weichen die Islamisten entweder dem Kampf aus oder werden gerade "gekauft". 2) Was mir nicht behagt ist die Tatsache, dass die französischen Truppen ja aufgrund ihrer zahlenmäßige Schwäche immer nur an der Front sind und das Hinterland nun von den Truppen aus Niger, Tschad und Elfenbeinküste gesichert werden soll. Kann man denen trauen? Meine Vermutung: Diese Truppen nutzen den Einsatz vor allem um Geld zu verdienen, also durch Schmuggel und Plünderungen...
3.
HenryFromWob 27.01.2013
Die Bundesregierung sollte endlich mal aufhören, rumzudrucksen und peinliche Erklärungen abzugeben, laut denen man ganze 2(!) Transportflugzeuge bereitstellt. Wofür hat Deutschland noch bewaffnete Streitkräfte? Anscheinend [...]
Die Bundesregierung sollte endlich mal aufhören, rumzudrucksen und peinliche Erklärungen abzugeben, laut denen man ganze 2(!) Transportflugzeuge bereitstellt. Wofür hat Deutschland noch bewaffnete Streitkräfte? Anscheinend nicht, um sie gegen demokratiefeindliche, menschen- (und insbesondere christen-) verachtende Milizen einzusetzen...
4. Hohles Geschwafel, schlimmer als EU-Behörden
Gerdtrader50 27.01.2013
"Das Problem scheint jedoch zu sein, dass eine solche Betankung nicht offiziell zertifiziert ist. Deswegen kann die Bundeswehr der Bitte aus Paris bisher nicht nachkommen." Was für ein saudummes Geschwätz. Die [...]
"Das Problem scheint jedoch zu sein, dass eine solche Betankung nicht offiziell zertifiziert ist. Deswegen kann die Bundeswehr der Bitte aus Paris bisher nicht nachkommen." Was für ein saudummes Geschwätz. Die Feigheit der Regierungsverantworlichen in Deutschland ist kaum zu überbieten.
5. es gibt ihn doch noch
schlummi1 27.01.2013
Zitat: "berichteten in den vergangenen Tagen einem Team von SPIEGEL ONLINE" Na endlich, da ist ja spon vor ort, dachte bisher, kommt alles von reuters, ungefiltert, meinungsübernehmend, gibt es den spiegel etwa doch [...]
Zitat: "berichteten in den vergangenen Tagen einem Team von SPIEGEL ONLINE" Na endlich, da ist ja spon vor ort, dachte bisher, kommt alles von reuters, ungefiltert, meinungsübernehmend, gibt es den spiegel etwa doch noch? Zitat: "Angeblich hätten Bewohner einer weiter nördlich gelegenen Stadt den Wagen des gefürchteten AQIM-Vizechefs wenig später gesehen. Die Anwohner folgerten daraus, dass Abu Said die Flucht gelungen sei". Na ja , dann war es wohl so, die anwohner, einer nördlich gelegenen stadt haben das auto von dem gesehen. Woher wussten die, immerhin weit entfernt, das dieses auto das war, eins von vielen, ist wohl nicht nur eins vorbeigefahren, worin der typ sass. Also hunderte von fahrzeugen flohen, aber dann sahen sie eins, das war das von dem. OK bei despoten ist es oft so, das die rolls royce fahren, klar das sie ihn erkannt haben. Kann mir nicht helfen, n auffälliges auto gefahren, irgendwie verwirren mich diese angaben mehr, als ich sie verstehen kann. Klingt alles irgendwie unlogisch. Würde der, auf der flucht in einem auto fahren, das ihn selbst bewohner einer fremden stadt identifizieren können? Hatte das auto n schiebedach, er winkte daraus hervor, wissend, von den franzosen verfolgt zu werden? Also so blöd kann eigentlich keiner sein, war er ja auch nicht, sie haben ihn nicht erwischt.

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