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27.01.2013
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Stuxnet-Untersuchungen

FBI eröffnet Jagd auf Geheimnisverräter

Von
AP

FBI-Mitarbeiter: Überwachung ausgeweitet

Die USA starten eine Offensive gegen Whistleblower. Das FBI fahndet laut "Washington Post" verstärkt nach Geheimnisverrätern in Behörden. Auslöser sind Veröffentlichungen über eine mögliche US-Beteiligung am Cyberkrieg gegen iranische Atomanlagen.

Washington/Hamburg - Die US-Bundespolizei FBI überwacht und analysiert seit einiger Zeit verstärkt die Kommunikation von leitenden Regierungsangestellten. Das berichtet die "Washington Post" in ihrer Samstagsausgabe. Im Mittelpunkt des Interesses stehen die Kontakte von Behördenvertretern zu Journalisten. Anlass sei die Weitergabe sensibler Informationen über den 2010 entdeckten Sabotagevirus Stuxnet gewesen. Die Ermittlungen hätten sich aber zu einer generellen Suche nach sogenannten Whistleblowern ausgeweitet - Behörden-Insidern, die als vertraulich klassifizierte Informationen an die Öffentlichkeit weitergeben.

Das berichtet "Washington Post"-Autor Peter Finn in einem Artikel, in dem die fortlaufenden Untersuchungen zu Stuxnet nur als Auslöser ganz neuer Probleme thematisiert werden: Die zunehmende Angst von Regierungsangestellten, überhaupt noch mit Journalisten zu reden. Inzwischen seien sich Behördenmitarbeiter sehr bewusst darüber, dass sie überwacht werden.

So soll beispielsweise die Affäre, die den Ex-General David Petraeus den Job als Direktor der CIA kostete, nichts anderes als das Resultat der äußerst breitangelegten Kommunikationsanalyse gewesen sein - ein Beifang der Stuxnet-Fahndung. Petraeus war über E-Mails gestolpert, die er mit Paula Broadwell, seiner Biografin austauschte, mit der er eine Affäre hatte. Das allein hätte den Rücktritt erzwungen, das FBI ermittelt wegen Indiskretionen in den Briefen aber auch wegen des Verdachts auf Geheimnisverrat.

Auch die Verurteilung des Ex-CIA-Agenten John Kiriakou, der am Donnerstag zu 30 Monaten Haft verurteilt wurde, weil er einem Journalisten die Identität eines CIA-Undercover-Agenten preisgegeben habe, sei durch die Stuxnet-Untersuchungen ermöglicht worden. Eine weitere Ermittlung laufe im Zusammenhang mit einer Informationsweitergabe, bei der es um Bombenattentatspläne von al-Qaida gegangen sei.

Laut "Washington Post" analysieren die FBI-Fahnder nicht nur E-Mails, sondern auch Telekommunikationskontakte, die infolge der Vorratsdatenspeicherung langfristig archiviert sind. Dem FBI sowie dem US-Geheimdienst NSA wird die technologische Kapazität zugesprochen, die elektronische Kommunikation quasi flächendeckend überwachen zu können. Die nötigen Infrastrukturen dafür entstanden bereits seit Ende der neunziger Jahre. Aus den gewonnenen und archivierten Daten lässt sich unter anderem herleiten, wer wann wie oft und wie lange telefoniert habe. Das FBI analysiere diese Daten nicht nur für aktive leitende Angestellte des Staates, sondern auch rückwirkend für ausgeschiedene Mitarbeiter, berichtet die "Washington Post".

Stuxnet: Die entdeckte Cyberwaffe

Dass der 2010 entdeckte Computervirus Stuxnet, mit dem die Uranaufbereitungsanlagen Irans offenbar zeitweilig erfolgreich sabotiert wurden, eine amerikanisch-israelische Kooperation war, ist von Seiten der Regierungen der Länder nie offiziell bestätigt worden. Sollten die Informationen der "Washington Post" aber stimmen, die unter anderem von Verhören von aktiven und ehemaligen Regierungsangestellten berichtet, käme das einem indirekten Eingeständnis der Involvierung zumindest nahe. Für die US-Presse gilt die Beteiligung spätestens seit der Veröffentlichung eines Enthüllungsbuches des "New York Times"-Journalisten David E. Sanger im Juni 2012 als ausgemachte Sache.

Sanger beschrieb in "Confront and Conceal: Obama's Secret Wars and Surprising Use of American Power" der Sabotagevirus als Auftragsarbeit, die noch auf die Bush-Administration zurückgehe. Barack Obama habe die Entwicklung solcher Cyberwaffen nach dem Regierungswechsel unter dem Codewort "Olympic Games" aber merklich forciert.

Laut "Washington Post" ordnete US-Justizminister Eric H. Holder die Stuxnet-Untersuchung an, nachdem die "New York Times" im Juni 2012 erste Auszüge aus dem Sanger-Buch veröffentlichte. Gegenstand der Untersuchung soll nicht die Suche nach den Urhebern des Virus sein, sondern ausdrücklich die Suche nach Kommunikationslecks - also die Frage, wer die Sache verraten habe. Seit den Enthüllungen durch das Web-Portal WikiLeaks gelten in den US-Behörden merklich verschärfte Regeln in Bezug auf die Kommunikation mit der Öffentlichkeit.

Cyberwar: Keine theoretische Möglichkeit mehr, sondern Alltag

Aufgrund struktureller Ähnlichkeiten geht man davon aus, dass auch der im Oktober 2011 entdeckte Spionagevirus Duqu von den Stuxnet-Machern programmiert worden sein könnte. Das im Mai 2012 entdeckte, aber wohl schon seit 2007 kursierende Spionageprogramm Flame soll ebenfalls Merkmale besitzen, die zumindest auf Kontakte mit den Stuxnet-Machern hindeuten. Zahlreiche Sicherheitsexperten halten Stuxnet, Duqu und Flame für Produkte einer gezielten, staatlich initiierten Cyberwar-Strategie.

Da gezielte Software-Angriffe als kriegerischer Akt gewertet würden, birgt die Aufdeckung einer potentiellen staatlichen Urheberschaft von Schadsoftware erhebliche Risiken. Man muss davon ausgehen, dass zahlreiche Länder solche Cyberwaffen einsetzen: Der kürzlich entdeckte "Roter Oktober"-Virus könnte nach Meinung seiner Entdecker aus Russland stammen. Schnüffelsoftware, mit der nicht nur Gegner des chinesischen Regimes, sondern auch Regierungen und Behörden zahlreicher Staaten einschließlich Deutschland wohl über Jahre ausspioniert wurden, könnte nach Analysen aus China stammen.

Seit dem 7. Januar laufen massive Attacken gegen amerikanische Banken, die von Analysten nach Iran zurückverfolgt wurden. In einem online veröffentlichten Bekennerschreiben behauptet eine Gruppe, die sich selbst Märtyrer Izz ad-Din al-Qassam Cyber Fighters nennt, sie habe "JP Morgan Chase und Co., Bank of America Corp, Citigroup Citibank, Wells Fargo & Company, U.S. Bancorp, PNC Financial Services Group, BB&T Corporation, Suntrust Banks, Regions Financial Corporation" mit DDoS-Attacken angegriffen. Begründet wurden die Angriffe mit dem von vielen Muslimen als beleidigend empfundenen Anti-Mohammed-Video, das ein christlicher Fundamentalist in den USA gedreht und in Teilen veröffentlicht hatte. Ziel der Angriffe sei "die Entfernung dieses absurden und beleidigenden Films".

Für die "New York Times" war in diesem Fall ausgemacht, dass diese Begründung vorgeschoben sei: Die Attacke gegen die Bank sei als Racheakt für amerikanisch-israelische Cyberattacken wie Stuxnet, Duqu und Flame zu verstehen. Hinter der Gruppe könne der iranische Staat stehen.

Der, behauptete Mitte Januar General William Shelton, Chef des Air Force Space Command und Leiter der Cyberaktivitäten der US-Luftwaffe, habe seit Stuxnet seine Cyber-Schlagkraft merklich erhöht. Spionage und Hack-Angriffe zwischen Staaten hätten einen Qualitätssprung erlebt. Bisher ist es allerdings in keinem Fall gelungen, eine staatliche Verantwortung für Cyberangriffe wirklich nachzuweisen.

Ziel von Sabotageakten ist seit Jahren in besonderem Maße das Atomprogramm Irans. Der zeitweilige Ausfall einer Uranaufbereitungsanlage wurde auf Stuxnet zurückgeführt: Mit dem Virus wurde versucht, Brennmaterial strukturell zu verunreinigen und so Unfälle zu provozieren. Aus bisher ungeklärter Ursache soll es vor einigen Tagen eine schwere Explosion in der iranischen Urananreicherungsanlage Fordo gegeben haben. Die "Welt" berichtete am Sonntag, dass das Schicksal von 190 bis 240 Mitarbeitern dort ungeklärt sei: Die Anlage sei weiträumig abgeriegelt, der Zugang bisher nicht möglich.

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insgesamt 56 Beiträge
1. ...
Newspeak 27.01.2013
Wer sagt eigentlich, daß all die Geheimniskrämerei für die Gesellschaft einen Vorteil besitzt? Denn das ist doch die Legitimation...daß Regierungen Dinge tun, die im Interesse ihrer Bürger sind. Ich bin der Überzeugung, daß [...]
Wer sagt eigentlich, daß all die Geheimniskrämerei für die Gesellschaft einen Vorteil besitzt? Denn das ist doch die Legitimation...daß Regierungen Dinge tun, die im Interesse ihrer Bürger sind. Ich bin der Überzeugung, daß Dinge aber vor allem dann als "geheim" erklärt werden, wenn sie * gerade nicht * im Interesse der Bürger sind, meistens sind sie, nach vorhandenen, allgemein akzeptierten Maßstäben bewertet, schlicht kriminell. Geheimhaltung ermöglicht (befördert?) und schützt staatlich organisierte Kriminalität. Nur eine transparente Gesellschaft ist wirklich demokratisch. Die USA sind es nicht.
2. Ist es illegal, wenn
breakthedawn 27.01.2013
man die Vorhaben von Terroristen offenlegt? Eigentlich sollten die Whistleblower belohnt werden.
Zitat von sysopDie USA starten eine Offensive gegen Whistleblower. Das FBI fahndet laut "Washington Post" verstärkt nach Geheimnisverrätern in Behörden. Auslöser sind Veröffentlichungen über eine mögliche US-Beteiligung am Cyberkrieg gegen iranische Atomanlagen. FBI sucht nach Stuxnet-Geheimnisverrätern - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/fbi-sucht-nach-stuxnet-geheimnisverraetern-a-879894.html)
man die Vorhaben von Terroristen offenlegt? Eigentlich sollten die Whistleblower belohnt werden.
3. Das ist ja wohl keine Kunst zu erraten
blaudistel 27.01.2013
wer hinter Stuxnet, Flame usw. steckt. Man muss sich nur anschauen wer oder was betroffen ist bzw. attackiert wird dann liegt doch die Antwort auf der Hand ...
wer hinter Stuxnet, Flame usw. steckt. Man muss sich nur anschauen wer oder was betroffen ist bzw. attackiert wird dann liegt doch die Antwort auf der Hand ...
4. nicht nur Spionageabwehr?
Urbayer 27.01.2013
wenn dies so durchlese, dann frage ich mich, wieso angeblich die "Wolke Nr. 7" in den USA sicher aufgehoben ist. Da ist der Betriebsspionage Tür und Tor geöffnet. Cloidecomputing nur dann, wenn der Server nachweislich in [...]
wenn dies so durchlese, dann frage ich mich, wieso angeblich die "Wolke Nr. 7" in den USA sicher aufgehoben ist. Da ist der Betriebsspionage Tür und Tor geöffnet. Cloidecomputing nur dann, wenn der Server nachweislich in Europa ist UND kein Ami Zugriff hat. Desgleichen gilt für Skype und andere Scherzartikel, wie Twitter und Facebook.
5.
fussball11 27.01.2013
lDas nenn ich mal Überwachung, ist da die Stasi nicht nur Kinderkram gewesen? Auch da war das Verraten von illegalen Aktionen des Staates ein Verbrechen.
lDas nenn ich mal Überwachung, ist da die Stasi nicht nur Kinderkram gewesen? Auch da war das Verraten von illegalen Aktionen des Staates ein Verbrechen.

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