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28.01.2013
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Krieg in Mali

Gefangen zwischen den Fronten

Aus Konna berichtet
REUTERS

Zwei entscheidende Phasen des Krieges hat die Stadt Konna in Mali erleben müssen. Erst besetzten die Islamisten den kleinen Ort, dann griff Frankreich im Alleingang ein. Die verängstigten Einwohner berichten von Tagen im Kreuzfeuer zwischen Guerilla-Kriegern und französischen Kampfjets.

Trotz allem Chaos in seiner Heimatstadt hat Mohammadou Traore seinen Sinn für Humor nicht verloren. Etwas müde liegt der 34-Jährige am Sonntagnachmittag auf einem ausgeleierten Plastikstuhl vor seinem kleinen Shop im Zentrum des Städtchens Konna in Zentralmali, nur zehn Meter entfernt zeugt ein ausgebrannter Pick-up der Islamisten aus dem Norden Malis von den heftigen Kämpfen der vergangenen Tage. Traore aber grinst ziemlich breit. "Für mich waren die Kämpfe hier ein ganz gutes Geschäft", sagt er. "Am Donnerstagmorgen kauften die Islamisten sechs Kilogramm Datteln aus meinem Laden und bezahlten brav, am Abend dann kamen die Franzosen und gaben mir zwanzig Euro für die letzten Kisten mit Wasser, die ich noch im Kühlschrank hatte."

An dem Donnerstag, von dem Traore erzählt, lief die Frontlinie des französischen Feldzugs gegen die Islamisten in Mali mitten durch seine Stadt. Monatelang schon hatten die Fundamentalisten, eine lose Allianz von drei Dschihadisten-Gruppen, den Norden des Landes besetzt gehalten. Nun aber waren sie mit rund 100 Pick-ups und 300 Kämpfern plötzlich in Richtung Süden gerast, umfuhren Konna und fielen der desolaten Armee in dem kleinen Ort in den Rücken. Nur Stunden später entschied sich im fernen Paris Präsident François Hollande, dem Vorrücken nicht länger zuzusehen. Im Alleingang gab er den Befehl, sofort mit Kampfjets und Spezialeinheiten ohne Rücksicht gegen die Fundamentalisten vorzugehen.

Die Fahrt nach Konna lässt erahnen, wie heftig die Kämpfe waren. Rechts und links am Straßenrand liegen alle paar hundert Meter kleine Gruppen von verkohlten Geländewagen, viele von ihnen waren auf den Ladeflächen mit schweren Maschinengewehren ausgestattet. Nun liegen sie wie Skelette von erlegten Raubtieren zwischen den dornigen Büschen der malischen Einöde. Die malischen Soldaten, die am Sonntag eine Gruppe von Reportern nach Konna eskortieren, halten gern an jedem der Wracks. Mit großen Sonnenbrillen im Gesicht posieren sie für Erinnerungsfotos. Dass sie und ihre Kameraden im Kampf gegen die Islamisten völlig chancenlos waren, ist nun kein Thema mehr, schließlich ist man mit Frankreichs Hilfe ja auf dem Vormarsch.

"Ich dachte, nun ist alles vorbei"

Ahmadou Gourd hat kaum noch Vertrauen in seine eigene Armee. Der hagere Arabisch-Lehrer steht vor seinem kleinen Gehöft, im Hof spielen seine Kinder in einer dreckigen Pfütze, seine Frau kocht daneben Hirse weich. "Als die Islamisten hier in Konna ankamen", erzählt er, "sind fünf Regierungssoldaten zu mir in den Hof geflüchtet." Panisch berichteten sie dem Lehrer, sie hätten keine Munition mehr, nun bräuchten sie Hilfe. Gourd zeigte ihnen einen kleinen Trampelpfad durch den dichten Busch raus aus Konna. Kaum waren die Soldaten abgehauen, erschienen vier bärtige Männer mit Kalaschnikow-Gewehren an seinem Tor. "Zum Glück konnte ich sie mit arabischen Floskeln abwimmeln", sagt Gourd, "wenn sie die Uniformen im Hof gefunden hätten, wäre ich erschossen worden."

Gourd ist einer der wenigen Einwohner, die in den staubigen Straßen zwischen den krummen Lehmmauern zu sehen sind. Der ganze Ort wirkt wie eine Geisterstadt. Nur ab und an kommt ein bis unters Dach beladenes Auto mit Rückkehrern an. "Die meisten Nachbarn sind schon geflohen, als sie vom Vorstoß der Islamisten gehört haben", sagt er. Der 35-Jährige aber wollte sein Haus nicht verlassen, heute glaubt er, dass es sein Arabisch war, das ihn rettete. "Außerdem habe ich versprochen, dass ich ein guter Muslim bin", sagt er, "vermutlich hat sie das besänftigt." Schon kurz danach hörte der Familienvater die ersten Bomben fallen. "Ich dachte, nun ist alles vorbei", sagt er, "ich wusste ja nicht, dass es die Franzosen waren."

Es sind die Stunden im Kreuzfeuer dieses ungleichen Krieges, in dem erst Islamisten auf Pick-ups im Handstreich ganze Gegenden eroberten und dann eine überlegen aber für die Bevölkerung unsichtbare Macht aus dröhnenden Kampfjets Bomben abwarf, die die Einwohner von Konna völlig verunsichert haben. "Ich kann bis heute nicht richtig schlafen", sagt Dani Diana, "bei jedem kleinen Geräusch schrecke ich hoch." Wie bei ihrem Nachbarn klopften auch bei der Mutter von drei Kindern zunächst die Islamisten. Sie forderten von Diana mit dem Gewehr auf der Schulter die gesamten Essensvorräte. Wenig später bebte die Erde von den Bomben der Franzosen, die am kommenden Tag von Haus zu Haus gingen und nach versteckten Islamisten suchten.

Wollen die Soldaten unschöne Bilder von Toten verhindern?

Wie heftig die Kampfjets und Hubschrauber zuschlugen, sieht Ahmadou Gourd erst jetzt, bei einer Fahrt durch seine Stadt. Nahe des kleinen Hafens und der Fischfabrik klaffen drei metertiefe Krater in der Erde. Hier hatten die Islamisten ihr Lager aufgeschlagen und mehrere von der Armee erbeutete Radpanzer als Schutzwall aufgestellt. Als er mit den Reportern in einem Jeep durch das Tor rumpelt, werden die im Schatten schlafenden malischen Soldaten sehr schnell wach und versperren den Weg. Angeblich sei das Gelände noch nicht sicher, es könnten noch Bomben unter den Trümmern versteckt sein. Der beißend-süßliche Verwesungsgeruch indes lässt eher den Verdacht aufkommen, dass die Soldaten unschöne Bilder von Toten verhindern wollen.

Den Lehrer Gourd interessieren solche Kleinigkeiten kaum. Wie die meisten in Konna hat auch er am Nachmittag im Radio gehört, dass die Franzosen schon vor den Toren von Timbuktu, weit im Norden des Landes, stehen und dass die Islamisten zumindest vorerst die Flucht angetreten haben. "Seit die Franzosen eingegriffen haben, gibt es wieder Hoffnung für Mali", sagt er.

Die Fahrt geht vorbei am Sitz des Bürgermeisters von Konna. Dort weht seit einigen Tagen wieder eine malische Fahne. Die Farben sind noch sehr frisch, der geflohene Politiker hat sie erst vor einigen Tagen in der nächstgrößeren Stadt gekauft und mit nach Konna gebracht.

Forum

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insgesamt 70 Beiträge
1. liebe einwohner malis...
Mesrine 28.01.2013
die franzosen sind die guten. sie befreien euch von den islamisten und dann von euren rohstoffen, indem sie eine marionettenregierung installieren und eure rechte nachhaltig beschnitten werden. habt keine angst. tut nicht weh.
die franzosen sind die guten. sie befreien euch von den islamisten und dann von euren rohstoffen, indem sie eine marionettenregierung installieren und eure rechte nachhaltig beschnitten werden. habt keine angst. tut nicht weh.
2. Respekt vor Hollande,
christian1950 28.01.2013
der nicht die Hosen voll hat, wie unsere Regierung. Wir würden am liebsten Wattebäuschen liefern, um damit die Islamisten zu verjagen..
der nicht die Hosen voll hat, wie unsere Regierung. Wir würden am liebsten Wattebäuschen liefern, um damit die Islamisten zu verjagen..
3. Krieg ist stets absurd
abominog 28.01.2013
und zwar völlig egal, aus welcher Perspektive man einen Krieg betrachtet. Die Summe dieser Absurditäten würde eine ganze Armee von Historikern weltweit schon längst nicht mehr artikulieren können, nicht wahr? PS: Der [...]
und zwar völlig egal, aus welcher Perspektive man einen Krieg betrachtet. Die Summe dieser Absurditäten würde eine ganze Armee von Historikern weltweit schon längst nicht mehr artikulieren können, nicht wahr? PS: Der Kerosinverbrauch eines Kampfjets pro Flugstunde könnte in gewissen Regionen sicher problem- und konfliktlos einige hungernde Familien ernähren, denen jetzt womöglich auch noch die (übrigens teuren) Bomben auf die provisorischen Dächer fallen. Also wenn das nicht absurd ist, was dann?
4.
spatenheimer 28.01.2013
So lief das auch in Afghanistan ganz am Anfang. Ob die Franzosen einen Plan haben, wie es nach dem Krieg weitergehen soll?
Zitat von sysopZwei entscheidende Phasen des Krieges hat die Stadt Konna in Mali erleben müssen. Erst besetzten die Islamisten den kleinen Ort, dann griff Frankreich im Alleingang ein. Die verängstigten Einwohner erlebten zwei Tage im Kreuzfeuer zwischen Guerilla-Kriegern und französischen Kampfjets. Mali: Reportage aus Konna zwischen Islamisten und Franzosen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mali-reportage-aus-konna-zwischen-islamisten-und-franzosen-a-879973.html)
So lief das auch in Afghanistan ganz am Anfang. Ob die Franzosen einen Plan haben, wie es nach dem Krieg weitergehen soll?
5.
taglöhner 28.01.2013
Glücklich sind die Malier, dass sie die Franzosen haben. Was passiert, wenn sich niemand zuständig fühlt, der eine schlagkräftige und disziplinierte Truppe hat, konnte man ja in Ruanda und Darfour besichtigen. Wer auf [...]
Zitat von sysopZwei entscheidende Phasen des Krieges hat die Stadt Konna in Mali erleben müssen. Erst besetzten die Islamisten den kleinen Ort, dann griff Frankreich im Alleingang ein. Die verängstigten Einwohner erlebten zwei Tage im Kreuzfeuer zwischen Guerilla-Kriegern und französischen Kampfjets. Mali: Reportage aus Konna zwischen Islamisten und Franzosen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/mali-reportage-aus-konna-zwischen-islamisten-und-franzosen-a-879973.html)
Glücklich sind die Malier, dass sie die Franzosen haben. Was passiert, wenn sich niemand zuständig fühlt, der eine schlagkräftige und disziplinierte Truppe hat, konnte man ja in Ruanda und Darfour besichtigen. Wer auf solche Freunde wie Deutschland angewiesen ist, kann nachher bestenfalls neue Stiefel auf die Soldatengräber stellen.

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