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30.01.2013
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Massaker am Fluss Kuwaik

Syriens alltäglicher Horror

Von , Beirut
YouTube

Dutzende Leichen liegen in einem Flusslauf in Aleppo - wer für den Massenmord verantwortlich ist, lässt sich kaum klären. Videos der schrecklichen Szene zeigen, wie alltäglich Gewalt in Syrien inzwischen ist: Ein Junge wandert in der Horrorszenerie umher, ungehindert von umstehenden Erwachsenen.

Es ist eine grausige Routine: Irgendwo im kriegsverwüsteten Syrien finden Bürger oder auch Rebellen eine größere Anzahl Leichen. Sofort werden Handy-Videos gemacht. Oft keine Stunde, nachdem das Gerücht über ein neues Massaker die Runde gemacht hat, stehen die Bilder der Gräueltat im Netz. Aktivisten schicken ihre YouTube-Links an die vielen ausländischen Journalisten, mit denen sie über Skype kommunizieren.

Wer dann auf den blau markierten Link klickt, der sieht den Krieg, ungefiltert. Grausame Bilder von Toten und Sterbenden, von vor Schmerzen schreienden, von weinenden, von betenden Menschen. Manchmal versehen die Aktivisten ihre Filme mit Warnungen: "Material 18 +" skypen sie dann. Noch blutiger als sonst, soll das wohl heißen.

Seit am Dienstag bekannt wurde, dass in der nordsyrischen Stadt Aleppo bis zu 120 Leichen gefunden wurden, herrscht auf Skype Hochbetrieb. 18 Links zu Videos von der Szenerie in dem von Rebellen kontrollierten Stadtteil Bustan al-Kasr haben die Aktivisten bereits hochgeladen, alle sind sie "18 +". Auf den Bildern sind viele tote Männer zu sehen, die Hände vor oder hinter dem Körper gefesselt, die Gesichter weiß, blutleer. In den ersten Videos liegen sie noch in der Betonrinne, in der der Fluss Kuwaik fließt. Es sieht so aus, als habe der Fluss sie angespült.

Auf späteren Videos haben Helfer die Leichen aus dem Wasser gezogen, die nassen Körper mit blauen Tüchern bedeckt. Zwischen den langen Reihen der Toten wandern Männer auf und ab, schauen den Toten in die aufgeschwemmten Gesichter. Sie suchen vermisste Angehörige. Söhne, Onkel, Väter. "Mein Bruder, mein Bruder", hört man auf einem Clip einen Mann aufschreien.

Die Männer in Aleppo sind offensichtlich ermordet worden - von wem und warum, das wird sich vermutlich nie genau herausfinden lassen. Am Tag danach beschuldigen sich wie üblich Rebellen und Regime gegenseitig: Staatliche Medien kolportieren, die islamistische Rebellentruppe Nusra-Front habe die Männer erschossen, weil sie "nicht mit dieser Terrorgruppe zusammenarbeiten wollten". Die Rebellen zeichnen ein anderes Bild und berufen sich dabei auf Aussagen von Angehörigen der Toten. Demnach sind die meisten von ihnen in den vergangenen zwei Wochen verhaftet oder gekidnappt worden, das Regime oder seine Handlanger seien für ihre Ermordung verantwortlich. Die Videos tragen wenig zur Aufklärung bei.

Was macht der Junge im roten Pullover zwischen den Leichen?

Im ersten angeklickten Clip läuft ein etwa neunjähriger Junge in einem roten Pullover ins Bild. Er steht zwischen den Leichen, beugt sich über sie, guckt in die teils entstellten Gesichter. Wie kann es sein, dass sich ein kleiner Junge so etwas ansieht? Ist er etwa dort, um nach seinem verschwundenen Vater zu suchen? Ist er vielleicht der älteste Sohn einer Familie, ein kleiner Junge, der nun die Pflichten eines Familienoberhaupts erfüllen und Leichen identifizieren muss? Oder ist er ein Kind aus der Nachbarschaft, dessen Neugier größer ist als die Angst? Und was sagt das alles über die mutmaßliche Verrohung der syrischen Gesellschaft aus, wenn keiner der vielen Umstehenden den Kleinen daran hindert, sich am Ufer des Flusses Kuwaik ein Trauma fürs Leben zu holen?

In Syrien sind bislang geschätzt 60.000 Menschen gestorben, in nur zwei Jahren. Welche Schicksale sich dahinter verbergen, bleibt oftmals im Dunkeln, welche Langzeitfolgen die andauernde Gewalt hat, lässt sich kaum ermessen. "Ich glaube, wir sind weltweit gegenüber der Krise abgestumpft", sagt John Ging, der die Uno-Mission in Syrien leitet. Das syrische Volk erleide unglaubliche Traumata.

Der Gesandte des Uno-Sicherheitsrats, Lakhdar Brahimi, sieht das ähnlich. Der Konflikt in Syrien habe "ein nie dagewesenes Niveau des Horrors erreicht", sagte Brahimi Diplomaten zufolge in der hinter verschlossenen Türen abgehaltenen Sitzung des Weltsicherheitsrats am Dienstag in New York. "Die Tragödie hat kein Ende. Das Land bricht vor den Augen aller auseinander."

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