02.02.2013
Militäreinsatz in Mali
Feiern in der Geisterstadt
Aus Timbuktu berichtet Thilo ThielkeMohammed ist glücklich. Den ganzen Vormittag ist der 22-Jährige durch die staubigen Straßen seiner Stadt gelaufen und hat "Vive la France" gerufen. Der französische Präsident Hollande hatte seinen siegreichen Truppen einen Besuch in Timbuktu abgestattet. Nun lehnt Mohammed erschöpft an einer lehmigen Hauswand und holt Luft.
"Wenn die Franzosen nicht gekommen wären, wären wir immer noch die Sklaven der Dschihadisten", sagt er und deutet auf eine vorbeirollende Militärkolonne mit der französischen Trikolore, die sich an einem Eselskarren vorbeischiebt.
Die blonden Muskelmänner hinter den Maschinengewehren winken gerne zurück. Sie tragen Ray-Ban-Sonnenbrillen und kauen Kaugummi, ganz lässig, als sei der ganze Krieg gegen die Islamisten, die vor wenigen Tagen aus der Wüstenstadt vertrieben wurden, ein Kinderspiel gewesen.
Für den österreichischen Fremdenlegionär, der mit seiner Kampftruppe am Flughafen der Stadt lagert, war er das auch. "Kein Widerstand, gar nichts", sagt er, als sei er von der Kampfkraft seiner Feinde ein wenig enttäuscht gewesen.
In den ersten Tagen des Krieges bereits sei er als Fallschirmspringer nördlich von Timbuktu abgesprungen. Doch die Islamisten wären da bereits getürmt gewesen. Bloß jede Menge Munitionskisten und Waffen seien dem Franzosenbataillon in die Hände gefallen: "Zu kämpfen gab's da nicht viel." Nun steht er in der prallen Sonne herum und kämpft schon wieder gegen die Langeweile.
Noch immer erinnert das sagenumwobene Timbuktu am Rande der Sahara an eine Geisterstadt. Die wenigen Journalisten, die sich bis hierher durchschlagen konnten, hausen im heruntergekommenen Hotel Colombe und prosten sich mit lauwarmer Fanta zu, die findige Händler herbeigeschafft haben. Wüstensand weht durch die Straßen und auch jede Menge Müll. Die Straßen hierher werden streng vom malischen Militär abgesperrt. Es gibt nur ganz selten Strom und kein fließendes Wasser.
Wundmale am Hals
So wird es wohl noch eine Weile dauern, bis Mohammed wieder Kundschaft hat. Bislang arbeitete der hagere junge Mann, der neben Englisch und Französisch auch Arabisch und sogar ein wenig Japanisch spricht, als Touristenführer. Die letzten Bildungshungrigen kamen 2011 zu ihm: "Sie besuchten die berühmten Bibliotheken mit den alten Handschriften, die Gräber der Heiligen und das Festival der Wüste."
Nun steht er vor den Trümmern der historischen Holzpforte, die zum Sidi-Mahmud-Friedhof führte. Die Islamistenkrieger, die Timbuktu Monate in ihrer Gewalt hatten, hatten sie mit Steinen zerschlagen. "Immer wieder nahmen sie die Brocken und schlugen wild auf die schönen Verzierungen ein", sagt Mohammed. Er habe das mit eigenen Augen gesehen. Auch, wie die Gotteskrieger nur wenige Meter entfernt einem vermeintlichen Dieb die Hand abhackten. Seinen besten Freund verschleppten sie in den Knast, weil er zur Gebetszeit Tee trinken wollte. Noch immer erinnern Wundmale an seinem Hals an die rostige Kette, mit der die Bärtigen ihn in seinem Verließ festhielten.
Es herrscht wohl noch ein brüchiger Friede in Timbuktu. Wohin sich die Dschihadisten verzogen haben, ist unklar. Womöglich nach Mauretanien, Algerien oder nach Niger. Eine Wüstenstadt einzunehmen, ist eine Sache. Einen unsichtbaren Feind zu beherrschen, der sich in die unendlichen Weiten der Sahara zurückziehen kann, eine andere.
Wenig mehr als die Trümmer der mystischen Sufi-Stätten, einige ausgebrannte Wracks von Pick-ups und die grässlichen Verstümmelungen erinnern in den befreiten malischen Städten noch an die Anwesenheit jener fruchtbaren Allianz aus der al-Qaida des Maghreb, Mujao und Ansar al-Din.
Es könne zu Bombenanschlägen, Attentaten, neuen Geiselnahmen kommen, befürchten Mohammed und seine Freunde. Aber noch feiern sie den Sieg der alten Kolonialmacht. An vielen Autos flattert die französische Fahne und an manchen auch die holländische. Hauptsache blau-weiß-rot.

