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05.02.2013
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Interview mit Syriens Vize-Außenminister

"Assad ist zu allem bereit"

Susanne Koelbl/ DER SPIEGEL

Syriens Vize-Außenminister Mikdad: "Was wollen diese sogenannten Revolutionäre noch?"

Das Regime in Syrien bleibt dabei: Der Aufstand gegen Assad ist eine Verschwörung gegen das Land. Vize-Außenminister Faisal Mikdad bezeichnet Berichte über Massaker und Folter im Interview als Propaganda - und erklärt, wer seiner Ansicht nach hinter dem Krieg gegen Damaskus steht.

SPIEGEL ONLINE: Herr Minister, Sie kommen gerade aus Iran und Russland zurück. Hat die russische Regierung dem syrischen Präsident Baschar al-Assad Exil in Moskau angeboten?

Mikdad: Warum sollte sie? Das Thema wurde nie angesprochen. Wir werden siegen. Die Exil-Frage ist nur ein Teil der psychologischen Kriegsführung. Präsident Assad hat gesagt, er ist hier geboren und er wird hier sterben, wann immer dies sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Selbst Ihr Verbündeter, der russische Vize-Außenminister Bogdanow, sprach kürzlich davon, dass die syrische Regierung die Kontrolle über immer mehr Territorium verliert. Was gibt Ihnen noch Hoffnung?

Mikdad: Wir sind Optimisten und stark genug, diese Herausforderung zu meistern, auch gegen den Angriff einer Allianz westlicher Länder und Golf-Staaten, die behaupten, sich bei uns für Demokratie und Freiheit einzusetzen. Bis vor vier Monaten war Aleppo eine der sichersten Städte der Welt. Ich gratuliere also den Advokaten für Menschenrechte und Demokratie zur Zerstörung der Umajjaden-Moschee, des historischen Suks und der Altstadt von Aleppo. Da schätzen wir dagegen die russische Position.

SPIEGEL ONLINE: Russland verfolgt auch durchaus eigene Interessen, Tartus ist der einzige russische Mittelmeerhafen, 50.000 Russen leben in Syrien und die Handelsbeziehungen für Militär-Equipment sind erheblich. Ein Gutteil der Zerstörung ist dem Regime selbst zuzuschreiben.

Mikdad: Ich kann die Europäer nur warnen, diese Gruppen weiter zu unterstützen. Diese Leute kämpfen nicht gegen Syrien, sondern gegen die Ordnung aller zivilisierten Staaten, künftig auch in Ihrem Land.

SPIEGEL ONLINE: Die syrische Regierung glaubt an eine internationale Verschwörung. Welchen Gewinn sollten die westlichen Staaten und ihre Verbündeten aus dem Fall des Assad-Regimes ziehen?

Mikdad: Die Gewinner wären Israel und die USA. Würde Syrien geteilt und stünde fortan unter internationalem Druck, wäre der israelisch-arabische Konflikt vergessen. Israel könnte in Frieden leben und den Golan und ganz Jerusalem behalten und die Palästinenser weiter drangsalieren. Wir sind doch die einzigen Nachbarn Israels, die noch die arabische Position vertreten.

SPIEGEL ONLINE: Diese Revolution war ursprünglich ein Aufstand des Volkes gegen einen Unterdrückerstaat. Viele Menschen berichten, wie sie nach friedlichen Demonstrationen verhaftet und in den Folterkammern des Regimes halb totgeschlagen wurden.

Mikdad: Fragen Sie doch auch mal andere Syrer nach ihren Ansichten. Diese Leute repräsentieren nicht die Mehrheit Syriens. Es ist doch auffällig, dass der Präsident auf die Forderungen der Demonstranten weithin eingegangen ist, dass er die Notstandsgesetze aufgehoben hat, es gibt eine neue Verfassung, die Vorherrschaft der Baath-Partei ist beendet, Parteien dürfen gegründet werden, die Wahlen für ein neues Parlament wurden durchgeführt, neue Versammlungsgesetze wurden erlassen, all das wird völlig ignoriert, nichts davon wird im Ausland anerkannt, im Gegenteil, nachdem Assad die Gesetze geändert hat, ging die Eskalation erst richtig los. Was eigentlich wollen diese sogenannten Revolutionäre noch mehr?

SPIEGEL ONLINE: Offenbar kam zu wenig, zu spät. Die Menschen glauben Ihnen einfach nicht mehr.

Mikdad: Dieser Aufstand ist zum großen Teil ein von außen organisierter, von außen bezahlter Aufstand. Die kämpfenden Gruppen erhalten Milliarden von Dollar von bestimmten Golf-Staaten, das ist ein weltweites, milliardenschweres Söldner-Geschäft. Präsident Assad hat die politischen Forderungen seines Volkes durchaus gehört und er will sich mit ihm aussöhnen, und zwar mit allen, wie er das in seiner Rede am 6. Januar angekündigt hat. Wenn der Kampf und die Unterstützung von außen eingestellt werden und alle um einen Runden Tisch sitzen, können wir die Zukunft des Landes gestalten.

SPIEGEL ONLINE: Ausland und Opposition haben die Rede des Präsidenten äußerst befremdet aufgenommen. Wie sollte ausgerechnet der Mann zu einem Runden Tisch einladen, um dessen politisches Ende hier gekämpft wird?

Mikdad: Es obliegt nicht anderen Ländern, über den syrischen Präsidenten zu entscheiden. Überlassen Sie das doch den Syrern und der Abstimmung in den Wahlkabinen. Wir werden jedenfalls niemandem erlauben, die Souveränität des Landes zu unterminieren. Würde der Präsident aufgeben, gäbe es hier nur noch Totschlag und Zerstörung. Um das zu verhindern, ist Präsident Assad zu allem bereitet, koste es, was es wolle.

SPIEGEL ONLINE: Syrien hatte lange gute Beziehungen zur Türkei und zumindest keine ganz schlechten zu Saudi-Arabien. Warum sind Sie heute mit beiden Ländern so bitter verfeindet?

Mikdad: Wir haben uns lange um gute Beziehungen bemüht, mussten aber feststellen, dass der Muslimbruder Recep Tayyip Erdogan in Wahrheit einen ganz anderen Plan verfolgt, nämlich die Muslimbrüder legal nach Syrien zurück zu bringen, mit Hilfe von al-Qaida, al-Nusra und anderen extremistisch-religiösen Gruppen, um von Ägypten bis Tunesien, Libyen, Syrien und Irak ein mächtiges Netzwerk zu errichten, ein neues ottomanisches Imperium. Weil sie in ihrem Land jetzt alle Arten von bewaffneten Gruppen beherbergen und ihre Grenzen für sie nach Syrien geöffnet haben, sind Erdogan und sein Außenminister Ahmet Davutoglu persönlich verantwortlich für die Tötung von Tausenden Syrern. Warum wird die Türkei von der Uno nicht dafür abgestraft?

SPIEGEL ONLINE: Was ist das Problem zwischen Syrien und Saudi-Arabien?

Mikdad: Saudi-Arabien steht unter immensem amerikanischem Druck und unterstützt deshalb bestimmte religiöse Gruppen, die hier kämpfen. Gleichzeitig versteht das Königreich sehr gut, dass es damit mittelfristig gegen seine eigenen Interessen handelt. Sie sollten sich deshalb so schnell wie möglich aus der amerikanischen Abhängigkeit lösen.

SPIEGEL ONLINE: Warum sollten die Amerikaner wünschen, eine zerstörerische Feuerhölle über Syrien zu bringen?

Mikdad: Der Schutz Israels ist die einzige Erklärung. Es fing mit Sanktionen an, und jetzt sind wir so weit. Ich sage Ihnen, die sogenannten Freunde Syriens, die sich in Doha, Istanbul und Marrakesch treffen, sind die Feinde Syriens, und der amerikanische Botschafter befiehlt. Nur ist ihnen die Sache nun außer Kontrolle geraten. Jetzt immerhin haben sie al-Nusra auf die Liste der Terror-Organisationen gesetzt, aber leider nicht die vielen anderen, die hier willkürlich und täglich meine Landsleute töten.

SPIEGEL ONLINE: Besteht die bewaffnete Opposition, wie das syrische Propagandafernsehen täglich behauptet, ausschließlich aus Terroristen?

Mikdad: Da sind alle möglichen Gruppen, darunter auch viele, die einfach nur fehlgeleitet wurden. Und wir, die Regierung, haben natürlich auch Fehler gemacht im sozialökonomischen Bereich. Dennoch, die bewaffnete Opposition brachte sich von Tag eins an in Stellung, sie hat die Eskalation von Anfang an gewollt. Die Provokateure versteckten sich zwischen den friedlichen Demonstranten und haben Polizisten wie Protestler erschossen.

SPIEGEL ONLINE: Demonstranten der ersten Stunde berichten übereinstimmend, wie das Regime von Anfang an rigoros durchgegriffen hat, sogar Ärzte und Krankenschwestern, die verletzte Demonstrierende versorgten, wurden verhaftet und verschwanden in den Verliesen des berüchtigten Muchabarat.

Mikdad: Das ist Kriegspropaganda, genauso wie das angebliche Massaker von Karmesetun in Homs, das die Regierungstruppen verübt haben sollen, einen Tag, bevor der Sicherheitsrat der Uno über Syrien beriet. Wir haben die Täter jetzt festgenommen, sie haben 60 Menschen mit Messern abgeschlachtet. Angeführt von einem Muslimbruder, der dazu angestiftet wurde, pünktlich einen Tag vor der Sitzung.

SPIEGEL ONLINE: Die Rebellen stehen 600 Meter vor den Toren der Altstadt, Tag und Nacht hören die Damaszener die Granaten fallen und das Feuer von Kalaschnikows. Wie lange halten Sie das hier noch durch?

Mikdad: Wir können noch lange so aushalten, wenn die andere Seite so weitermachen will.

SPIEGEL ONLINE: Der Uno-Sondergesandte Lakhdar Brahimi sagte bei seinem letzten Besuch in Damaskus, Syrien habe jetzt die Wahl zwischen einem politischen Prozess oder der Hölle.

Mikdad: Wir wollen den politischen Prozess...

SPIEGEL ONLINE: ...aber nur zu Ihren Bedingungen...

Mikdad: ...und alle Beteiligten sollten Syrien davor bewahren, bald in der Hölle zu sein.

Das Interview führte Susanne Koelbl in Damaskus

Forum

Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
1. armer assad
lebenslang 05.02.2013
nun, doff sind die assad-anhänger nicht, die wissen genau was man in den amerika- und israelkritischen zirkeln der westlichen staaten hören will. die werden sich jetzt durch das interview bestätigt fühlen, die werden die [...]
nun, doff sind die assad-anhänger nicht, die wissen genau was man in den amerika- und israelkritischen zirkeln der westlichen staaten hören will. die werden sich jetzt durch das interview bestätigt fühlen, die werden die assda-propaganda dankbar und willig als "wahre" wahrheit aufnehmen und 1 : 1 weitergeben. möglich, das assad selbst tatsächlich diese ganzen verschwörungsgeschichten glaubt, das ein paar tausend ausländische söldner sein 300 000 mann armee auseinandernehmen, leider macht es seine sache nicht besser, dummheit schützt nicht vor konsequenzen.
2. Sehr gutes Interview, Frau Koelbl!
wibbeline 05.02.2013
Nicht unterwürfig, gut nachgehakt und in die Fragen viel Information gepackt.
Zitat von sysopDas Regime in Syrien bleibt dabei: Der Aufstand gegen Assad ist eine Verschwörung gegen das Land. Vize-Außenminister Faisal al-Mikdad bezeichnet Berichte über Massaker und Folter im Interview als Propaganda - und erklärt, wer seiner Ansicht nach hinter dem Krieg gegen Damaskus steht. Krieg in Syrien: Interview mit Vize-Außenminister Faisal Meqdad - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-interview-mit-vize-aussenminister-faisal-meqdad-a-881533.html)
Nicht unterwürfig, gut nachgehakt und in die Fragen viel Information gepackt.
3.
balestra 05.02.2013
---Zitat--- Mikdad: Wir wollen den politischen Prozess... SPIEGEL ONLINE: ...aber nur zu Ihren Bedingungen... ---Zitatende--- ja zu welchen bedingungen denn sonst? wurde syrien die souveränität aberkannt? so langsam [...]
Zitat von sysopDas Regime in Syrien bleibt dabei: Der Aufstand gegen Assad ist eine Verschwörung gegen das Land.
---Zitat--- Mikdad: Wir wollen den politischen Prozess... SPIEGEL ONLINE: ...aber nur zu Ihren Bedingungen... ---Zitatende--- ja zu welchen bedingungen denn sonst? wurde syrien die souveränität aberkannt? so langsam erinnert mich das ganze an ein älteres Risiko (Spiel) (http://de.wikipedia.org/wiki/Risiko_(Spiel)), da konnte man mit würfeln andere länder "befreien" wenn man den entsprechenden auftrag erhielt!
4. L'etat, c'est moi
adal_ 05.02.2013
"Wann immer dies sein wird". Es steht zu befürchten, das Regime meint es ernst. Geht es unter, soll das ganze Land vor die Hunde gehen.
Zitat von sysopMikdad:"...Die Exil-Frage ist nur ein Teil der psychologischen Kriegsführung. Präsident al-Assad hat gesagt, er ist hier geboren und er wird hier sterben, wann immer dies sein wird." Krieg in Syrien: Interview mit Vize-Außenminister Faisal Meqdad - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-interview-mit-vize-aussenminister-faisal-meqdad-a-881533.html)
"Wann immer dies sein wird". Es steht zu befürchten, das Regime meint es ernst. Geht es unter, soll das ganze Land vor die Hunde gehen.
5. Plausibel!
Inselbewohner 05.02.2013
So ganz Unrecht hat der Herr wohl nicht wenn er die "Rebellion" als von außen gesteuert bezeichnet. Jedenfalls sollte klar sein, dass da viele Geheimdienste ihre Finger drin haben und zumindest logistische [...]
Zitat von sysopDas Regime in Syrien bleibt dabei: Der Aufstand gegen Assad ist eine Verschwörung gegen das Land. Vize-Außenminister Faisal al-Mikdad bezeichnet Berichte über Massaker und Folter im Interview als Propaganda - und erklärt, wer seiner Ansicht nach hinter dem Krieg gegen Damaskus steht. Krieg in Syrien: Interview mit Vize-Außenminister Faisal Meqdad - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/krieg-in-syrien-interview-mit-vize-aussenminister-faisal-meqdad-a-881533.html)
So ganz Unrecht hat der Herr wohl nicht wenn er die "Rebellion" als von außen gesteuert bezeichnet. Jedenfalls sollte klar sein, dass da viele Geheimdienste ihre Finger drin haben und zumindest logistische Unterstützung leisten. Die Rolle die die Türkei in der ganzen Angelegenheit spielt ist auch offensichtlich, die Großmachtsträume des Herrn Erdokan sind unübersehbar. Herr Assad mag nicht die erste Wahl als President eines Souveränen Staates sein aber immer noch besser als islamistische Terroristen. Er sollte eine Generalamnestie anbieten mit der Einschränkung, dass die Verantwortlichen der Verbrechen vor ein ordentliches Gericht, meinetwegen unter internationaler Kontrolle, gestellt werden. Auf alle Fälle sollten sich die Saudis u.a. aus dem Konflikt raushalten und die Russen mit den Chinesen zusammen vermitteln lassen. Gruß HP

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Zur Person

  • Susanne Koelbl/ DER SPIEGEL
    Faisal Mikdad, Jahrgang 1954, ist stellvertretender Außenminister Syriens. Nach einem Literaturstudium in Damaskus und Prag ging er in den diplomatischen Dienst. 2006 ernannte ihn Baschar al-Assad zum Vize im Außenministerium.

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