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18.02.2013
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Agenten-Affäre

"Gefangener X" soll Mossad-Geheimnisse verraten haben

DER SPIEGEL

Ben Zygier: Bericht über Kontakte zum australischen Geheimdienst

In der Affäre um den Selbstmord eines mutmaßlichen Mossad-Agenten gibt es neue Details: Der als "Gefangener X" bekannt gewordene Ben Zygier hat laut einem TV-Sender Geheimnisse des israelischen Dienstes an sein Geburtsland Australien verraten. In Israel will nun die Knesset den Fall untersuchen.

Sydney/Tel Aviv - In der Mossad-Affäre um die Selbsttötung des "Gefangenen X" gibt es laut einem Fernsehbericht Erkenntnisse über dessen Verhaftung. Der australische TV-Sender ABC berichtet, dass der mutmaßliche Agent Ben Zygier vor seinem Tod Geheimnisse des Mossad an den australischen Geheimdienst weitergegeben habe.

Laut dem Bericht sind zumindest seine israelischen Verantwortlichen davon ausgegangen, dass Zygier den Geheimdienst seines Heimatlands (Asio) über "jeden Aspekt seiner Arbeit" für den israelischen Dienst informiert habe. Deshalb sei er vor rund drei Jahren von israelischen Sicherheitskräften festgenommen worden.

Zygier soll sich nach Informationen des Senders mit Asio-Repräsentanten in Australien getroffen und dabei detaillierte Informationen über Einsätze des israelischen Geheimdienstes Mossad übermittelt haben. Es soll dabei auch um eine streng geheime Operation in Italien gegangen sein, die seit Jahren vorbereitet worden sei, heißt es.

Der Fall Zygier war am vergangenen Dienstag durch einen ABC-Bericht bekannt geworden. Bis dahin hatte Israel ihn geheim gehalten. Bekannt war zunächst nur, dass ein Häftling, den israelische Medien wegen der Nachrichtensperre "Gefangener X" nannten, Ende 2010 erhängt in seiner Zelle in einem Hochsicherheitsgefängnis gefunden wurde. ABC identifizierte den Mann als Zygier, der vom israelischen Geheimdienst Mossad angeworben worden und daraufhin im Jahr 2001 nach Israel ausgewandert sei.

Zygier war demnach einer von drei Menschen mit australischer und israelischer Staatsbürgerschaft, die für den Mossad arbeiteten und mit Hilfe von Decknamen und mehreren Pässen im Nahen Osten und Europa im Einsatz waren. Er habe in Europa eine Firma aufgebaut, die elektronische Bauteile in arabische Länder und den Iran exportiert habe, berichtete ABC. Die beiden anderen Geheimdienstmitarbeiter seien bei dem Unternehmen angestellt gewesen.

Knesset will "Aspekte der Affäre" untersuchen

Während eines Besuchs in Australien habe Zygier dann mit den dortigen Geheimdiensten kommuniziert, berichtete ABC nun am Montag. Unklar sei, auf wessen Initiative der Kontakt zustandegekommen sei.

Inzwischen hat sich auch das israelische Parlament in den Fall eingeschaltet. Der außen- und verteidigungspolitische Ausschuss der Knesset beschloss, alle "Aspekte der Affäre" zu untersuchen. Regierungschef Benjamin Netanjahu warnte am Sonntagabend die Medien, eine allzu intensive Beschäftigung mit der Arbeit der israelischen Geheimdienste könne die "Sicherheit des Staates schwer beschädigen".

In Israel haben sich in der Debatte um den Fall Zygier inzwischen zwei Kernfragen herauskristallisiert. Die erste: Was könnte der Agent verbrochen haben, dass die israelischen Behörden ihn nicht nur verhafteten, sondern auch in Isolationshaft steckten? Auf diese Frage wird es vermutlich so schnell keine definitive Antwort geben. Zygiers Anwälte, die wissen müssten, was ihm vorgeworfen wurde und die in den ersten Tagen nach Bekanntwerden seines Todes in Haft noch mit Medien redeten, wimmeln Journalisten inzwischen ab. Sie lassen dabei durchblicken, dass sie einen Maulkorb verpasst bekommen haben.

Israel soll Bilder der Überwachungskameras herausgeben

Indizien dafür, dass die Vorwürfe gegen Zygier schwerwiegend gewesen sein müssen, gibt es nur indirekt. In der israelischen Presse heißt es, die Behörden hätten Zygier kurz vor seinem Tod einen Deal angeboten. Danach soll ihm eine für die Schwere seines Verbrechens milde Haftstrafe von 10 bis 20 Jahre angeboten worden sein, wenn er sich auf bestimmte Bedingungen - unter ihnen sicher auch lebenslanges Stillschweigen - einließe. Einen Tage vor seinem Tod sagte Zygier seinem Anwalt Avigdor Feldman, dass er den Kuhhandel ablehne.

Die zweite Frage, die Beobachter des Falles umtreibt, ist, wie sich Zygier in seiner selbstmordsicheren Zelle erhängen können haben soll? Australische Medien spekulieren inzwischen ganz offen darüber, dass Zygier sich nicht selbst tötete, sondern zum Schweigen gebracht wurde. Sie drängen die australische Regierung, die Herausgabe der Bänder der Überwachungskameras von Israel zu fordern.

In der Zelle 15, in der Zygier seine letzten Tage verbrachte, sind vier Kameras installiert. Sie müssten seinen Tod aufgezeichnet haben. Die Zeitung "Haaretz" spekuliert unterdessen, dass es gut sein könne, dass diese Kameras nicht in Betrieb waren. Die zuständige Behörde äußere sich derzeit nicht dazu, ob sie womöglich Anweisungen bekommen habe, die Kameras abzuschalten.

fab/puz/AFP/dpa

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